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Teil 3


„Wir müssen sie sofort da herausholen.“ Teyla griff nach Pajunis Unterarm, so fest, dass es schmerzte.

„Das … das geht nicht!“

„Erzähl mir nicht, was geht und was nicht“, stieß Ronon hervor, schob Teyla zur Seite und packte Pajuni mit beiden Händen am Kragen seines Obergewandes. Drohend zischte er: „Bring uns zu dieser Zelle.“

„Es würde nichts nützen“, erwiderte Pajuni verzweifelt und zerrte an Ronons Handgelenken. „Bitte, glaubt mir. Ich bin auf eurer Seite.“

Der Krieger ließ ihn mit einem verächtlichen Schnauben wieder los und trat einen Schritt zurück. „Ich habe einmal Freunde durch ein Tosal-Strafgericht verloren. Hab zusehen müssen, wie sie sich gegenseitig im Wahn erschlagen haben“, erklärte er bitter. Mit kalter Entschlossenheit fügt er hinzu: „Ich werde das nicht noch einmal zulassen.“

„Warte“, rief Pajuni, bevor Teyla reagieren konnte. „Ihr könnt da nicht einfach hineingehen. Niemand wird es wagen, Taramus bei der Ausübung seines Urteils zu stören. Die Wachen würden nicht einmal mich ohne Lasins direkten Befehl in die Nähe der Zelle lassen.“

„Wie viele Wachen?“ Ronon bückte sich, machte sich an seinem Stiefel zu schaffen, richtete sich wieder auf und hielt plötzlich einen kleinen Dolch in der Hand.

Pajuni zuckte unwillkürlich zusammen und stotterte: „Zw-zwei direkt vor der Zelle und zwölf weitere, alles erfahrene Krieger, in der Wachstation, in Rufweite. Dort sind auch eure Waffen.“

Ronon sah mit grimmiger Herausforderung im Blick zu Teyla hinüber. Sie presste kurz die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Das sind zu viele. Wir brauchen Verstärkung.“

„Und Beckett.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ Ronon den Dolch wieder verschwinden. „Ich gehe“, sagte er knapp. „Bin schneller.“

Teyla nickte zustimmend. Ronon drückte kurz ihre Schulter, sah rasch zu dem abendlich menschenleeren Marktplatz hinüber und begann zu rennen. Er nahm den schmalen Weg, der am Waschhaus vorbei zu den Feldern führte und sich dann in der Wüste verlor.

„Wohin geht er?“, erkundigte sich Pajuni verwirrt.

Teyla maß ihn mit einem Blick, in dem nur mühsam beherrschter Zorn stand. „Er geht zu unserem Fluggerät außerhalb des Dorfes und wählt von dort das Stargate an. Unsere Freunde werden kommen und uns helfen“, erläuterte sie kühl.

Pajuni stockte der Atem. Genau das hatte er befürchtet, dass die Fremden mit der Zerstörungskraft und Technologie der Vorfahren Rache nehmen würden, weil sie getäuscht worden waren. Nicht einmal Taramus – sollte er sich je wieder an seine Kinder am Fuß des Berges erinnern – konnte sie davor beschützen. Pajuni biss sich auf die Lippen. Er musste jetzt das Schlimmste verhindern. Rasch senkte er den Kopf in einer unterwürfigen Geste. „Unser Leben liegt in euren Händen. Bitte, verschont unser Dorf.“

Teyla erwiderte fest: „Wir werden das tun, was nötig ist, um unsere Freunde retten. Aber obwohl Lasin uns getäuscht hat - wir sind nicht daran interessiert, unnötig Blut zu vergießen. Nicht alle unsere Waffen sind tödlich.“

Ein harter Griff um sein Handgelenk ließ Pajuni wieder aufblicken. Teyla sah ihm direkt in die Augen. „Es wird eine gute halbe Stunde dauern, bis die Verstärkung hier eintrifft. Unser Arzt wird eine Probe dieses Mooses benötigen. Hast du etwas davon?“

„N-nein, nein“, stammelte Pajuni. „Es wächst nur in der Zelle.“

„Hat deine Großmutter sonst etwas hinterlassen, was für unseren Arzt wichtig sein könnte? Aufzeichnungen über die Wirkung des Mooses? Ein Rezept für ein Gegenmittel?“

„Nein, gar nichts. Ich könnte dir aber etwas von dem Tajil bringen, das McKay in dem Tee getrunken hat“, sagte Pajuni eifrig.

Teyla nickte knapp. „Dann tu das. Wir treffen uns wieder hier. Ich gehe inzwischen zu Lasin und werde mit ihm reden.“

„Es wird nichts nützen“, erwiderte Pajuni eindringlich. „Lasin schläft. Das Tajil wirkt bei ihm sehr stark. Es wird dir nicht gelingen, ihn zu wecken und selbst wenn – er wird sich niemals von dir überzeugen lassen, in Taramus Gericht einzugreifen. Niemals!“

Teyla musterte ihn, ließ ihre Hand wieder sinken und sagte dann kühl: „Lass das ruhig meine Sorge sein. Zeige mir, welche der Hütten seine ist.“

Pajuni schloss kurz die Augen und nickte. Teylas entschiedener Ton ließ keinen Zweifel daran, dass weiterer Widerspruch sinnlos war.

Genauso sinnlos, wie ihr Versuch, den Ehrwürdigen umzustimmen. Sie konnten nur auf Teylas Freunde warten und beten, dass ein Wunder McKay so lange vor Sheppards Wahnsinn schützte.

~ooOoo~


„Netter Versuch, du grünhäutiger Bastard!“

Die spöttischen Worte hallten wie ein grausiges Echo in Rodneys Kopf nach und jagten ihm einen eisigen Schauer den Rücken hinunter. Sheppard … Sheppard dachte …

Großer Gott!

Rodneys Herz hämmerte und das Blut rauschte in seinen Ohren. Seine linke Schulter war ein einziger dumpfer Schmerz und der Arm definitiv nutzlos, um einen weiteren Angriff abzuwehren. Sein Schädel pochte. Und vor ihm … irgendwo vor ihm in der Finsternis lauerte Sheppard, fest entschlossen einen Wraith zu töten und er, Rodney McKay, war dieser Wraith.

Die harten, unebenen Steine der Wand hinter ihm pressten in seinen Rücken. Er saß in der Falle.

Langsam und so geräuschlos wie möglich zog Rodney einen Fuß unter den Körper und stemmte sich hoch. Seine Beine waren wie Gummi, wollten ihn kaum noch tragen, aber er musste hier weg, bevor Sheppard sich erneut auf ihn stürzte. Ein tiefes, kehliges Geräusch war Rodneys einzige Warnung, bevor etwas seine linke Wade streifte und sich in sein Hosenbein krallte. Sheppard hatte ihn! Verzweifelt versuchte Rodney Sheppards Finger abzuschütteln, trat blindlings nach ihm und fühlte seinen Fuß ins Leere gehen.

Ein unbarmherziger Griff umklammerte plötzlich Rodneys Knöchel und zog ihm die Beine nach vorne unter dem Körper weg. Er schrie auf, ruderte hilflos mit den Armen und landete hart auf dem Rücken. Sein Hinterkopf prallte gegen die Wand.

Sein Schädel dröhnte und der Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen. Lichtfünkchen tanzten vor seinen Augen und für einen Moment wusste er nicht mehr, wo oben und unten war.

Benommen nahm er wahr, wie etwas Schweres seine Unterschenkel zu Boden drückte. Er musste etwas tun, musste … Der lähmende Nebel in seinem Kopf ließ seine Gedanken zerfasern. Hände tasteten sich hastig, zielstrebig seinen Brustkorb hinauf. Eine präzise Suche nach seiner verletzlichsten Stelle, seiner Kehle.

Mit Armen, die sich nur in Zeitlupe zu bewegen schienen, schlug er unbeholfen nach Sheppard. Nicht genug, es reichte nicht, Sheppard würde …

Sheppards Finger schlossen sich um seinen Hals und drückten zu.

Eine distanzierte Panik stieg ihn ihm auf, seltsam unbeteiligt, als sei er nur ein Beobachter, der zusah, wie Hände seine Kehle gepackt hielten und ihm die Luft nahmen.

Und plötzlich wusste Rodney mit völliger Klarheit, was ihn erwartete. Es war einer dieser Momente, in denen die Zeit zäh wie Sirup wurde und tatsächlich sein ganzes Leben in einem einzigen, träge fließenden Tropfen Platz fand.

Er würde hier sterben.

Er, Dr. Dr. Rodney McKay, Anwärter auf den Nobelpreis, Chefwissenschaftler einer der wichtigsten Expeditionen, die die Menschheit je unternommen hatte, klügster Kopf in zwei Galaxien, würde in einem armseligen, rückständigen Wüstendorf auf einem der unwichtigsten Planeten dieses Sektors sein Leben lassen. Wegen eines läppischen Kommentars zur falschen Zeit.

Es war – lächerlich. Absolut, absolut lächerlich und verflucht unfair!

Heiße Wut, brodelnd wie Lava, kochte mit einem Mal in ihm hoch, vertrieb die Benommenheit und klärte seinen Kopf. Nicht so! Nicht hier! Nicht einfach so!

Wild entschlossen zerrte er an Sheppards Klammergriff, grub seine Fingernägel in Sheppards Fleisch, erwischte einen einzelnen Finger und bog ihn rücksichtslos nach hinten. Sheppard schrie schmerzerfüllt auf und ließ los. Rodney japste und hustete, dann holte er Atem, füllte seine Lungen mit Luft und krächzte: „Nicht so, hörst du! Nicht mit mir! Nicht jetzt!“

Er wusste nicht einmal genau, wen er damit eigentlich meinte. Sheppard, den verblendeten Häuptling, der ihnen das hier eingebrockt hatte, das Universum mit seinem verdrehten Sinn für Ironie, oder alle miteinander.

Wild warf er sich von einer Seite auf die andere, riss Sheppards Körpergewicht mit sich, bäumte sich auf, schlug blindlings um sich - unkontrolliert, mit der rücksichtslosen, verzweifelten Entschlossenheit letzter Chancen und angetrieben von dieser unglaublichen, fast animalischen Wut.

Sheppard ächzte und mit einem Mal war das Gewicht von Rodneys Beinen verschwunden. Er schnappte nach Luft und warf sich ohne zu Zögern zur Seite. Ein sengender Schmerz fuhr seinen malträtierten Arm hinauf. Verdammt, das war die Wand gewesen! Er schlug hart mit dem Knie auf den Boden, rappelte sich wieder auf und floh auf allen vieren. Nur weg von Sheppard und seinem Wahnsinn.

Einfach nur weg, weg hier. Ziellos und hektisch krabbelte er ein Stück weiter, hielt inne und schnappte gierig nach Luft, seine brennende Kehle zu eng für die Menge an Sauerstoff, die seine Lungen forderten.

Okay, weiter, aber … Oh, verdammt - die Wand, wo war die Wand? Wie sollte er sich orientieren, ohne …? Hastig blinzelte er sich den Schweiß aus den Augen und starrte ins Dunkel. Das schwarze Nichts um ihn herum drohte ihn zu schlucken. Sekundenlang wand und bewegte sich die Finsternis um ihn wie ein lebendiges Wesen. Sheppards rasches Keuchen war plötzlich wieder vor ihm. Hatte er sich im Kreis bewegt? Rodney zwang die aufsteigende Panik nieder, konzentrierte sich. Da war etwas zu seiner Linken. Oder …?

Er lauschte angestrengt, die Dunkelheit um ihn wie ein schweres Tuch, das ihn erstickte – Himmel, es war, als atmete er die Schwärze - und vernahm unterdrücktes Fluchen in seinem Rücken, ja, eindeutig hinter ihm. Oder … über ihm?

Weiter, bloß weiter! Sheppard durfte ihn nicht noch einmal erwischen.

Er musste auf die Füße kommen, brauchte seine Hände, musste sich verteidigen. Besser, einem erneuten Angriff nicht auf allen vieren zu begegnen. Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten.

In einem plötzlichen Schwindelanfall taumelte er, stolperte, als sein Knie unter ihm nachgab. Er unterdrückte ein Stöhnen. Ruhig, er musste ruhig bleiben. Also doch weiter kriechen, aber leise. Eine Hand tastend vor sich gestreckt, schob er sich unbeholfen vorwärts, ignorierte das unablässige, dumpfe Pochen in seiner Schulter, bereit, jeden Moment zurückzuzucken, sollte er auf Sheppard treffen. Nach wenigen Sekunden erreichte er eine Wand, setzte sich und lehnte sich erleichtert mit dem Rücken gegen die grob gemauerten Steine. Geschafft. Der Raum hatte wieder Konturen - Länge, Breite, Höhe - war keine endlose physikalische Unmöglichkeit mehr.

Erneut lauschte er in die Finsternis, bemüht seinen zu schnellen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Über dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren hörte er Sheppards schweren Atem. Kam er näher? Das Keuchen schien aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Etwas raschelte links von ihm. Oder war das rechts gewesen? Unwillkürlich presste Rodney sich enger an die Wand, zog die Beine an den Körper, machte sich so klein wie möglich.

Er hatte ein paar Sekunden gewonnen, das war alles. Er hatte absolut keine Chance. Nicht gegen einen besessenen Sheppard. Nicht in völliger Dunkelheit. Nicht in diesem Zustand, zittrig und unkoordiniert, zu viel Adrenalin im Blut und trotzdem völlig übermüdet. Die Wut war verraucht, er fühlte sich ausgebrannt, hatte seine Energiereserven aufgebraucht.

Ein tastendes Plätschern näherte sich. Von rechts? Der Geruch von Salz und Tang stieg ihm in die Nase. Gluckern kam von allen Seiten, wie ein enger, ein zu enger Raum, der sich stetig mit Wasser füllte. Rodney presste eine Hand vor den Mund um das Wimmern zu unterdrücken, das ihm in der Kehle aufstieg.

Ruhig, ganz ruhig, Rodney, hier ist kein Wasser!

Nur Sheppard.

Und jedes winzige Geräusch genügte, um Sheppard seine Position zu verraten. Husten, ein zu tiefes Atemholen, irgendwas - und Sheppard hätte ihn. Oder er würde einschlafen und Sheppard würde buchstäblich über ihn stolpern, wenn er die Zelle systematisch absuchte. Er konnte ihm hier nicht auf Dauer entwischen.

Es gab nur eines, was er tun konnte.

Rodney holte tief Luft.

„Hör mir zu, Sheppard. Ich bin’s, Rodney. Meredith Rodney McKay, um genau zu sein. Gott, ich habe keine Ahnung, was mit dir los ist, aber offensichtlich hältst du mich für diesen verdammten Wraith, den es übrigens nicht gibt.“ Er verschluckte sich, hustete, lauschte erneut und hörte – nichts. Absolut nichts.

„Sheppard?“

Nichts.

Er fröstelte plötzlich und fuhr eilig fort: „Okay. Okay, hör zu, welcher Wraith würde wissen, dass ich Meredith heiße, hm?“

Keine Antwort, keine Reaktion. Nur diese Stille. Hörte Sheppard zu und wartete ab? War er zusammengebrochen? Bewusstlos? Fieberhaft dachte Rodney nach. Was konnte er noch …? Richtig!

„Okay … warte …“ Gott, er war völlig erledigt, konnte sich kaum noch konzentrieren. Wovon würde sich Sheppard …? „Ich hab’s, okay, hör zu.“ Rodney schloss die Augen und ratterte die Zahlenreihe herunter, die er normalerweise im Schlaf aufsagen konnte. „Drei Komma eins, vier, eins, fünf, neun, zwei, sechs, fünf, drei, fünf, acht, neun …“ Er zögerte, als die Zahlen in seinem Kopf zu tanzen begannen.

„Das war Pi, Sheppard“, murmelte er todmüde. „Pi, zum Teufel, auf … auf zwölf Stellen hinter dem Komma genau. Welcher Wraith würde dir Pi rezitieren?“

Rodney spürte die Wand hart und unnachgiebig in seinem Rücken. Von Sheppard war kein Geräusch zu hören. Rodneys Herz pumpte schnell, viel zu schnell, er fühlte das Pochen seines Pulses bis in die Fingerspitzen. Reines Adrenalin schien durch seine Adern zu strömen, gleichzeitig war ihm übel vor Erschöpfung und Müdigkeit. Wenn Sheppard nicht ...?

Ein heißer Atemzug streifte seine Wange.

Rodney wusste, er hatte verloren.

~ooOoo~


John hielt die schmerzende Rechte gegen die Brust gepresst. Sein Zeigefinger schien im Rhythmus seines Herzschlages zu pulsieren. Verflucht, unbewaffnet und dann auch noch das! Vorsichtig betastete er das Gelenk – leicht geschwollen, offensichtlich überdehnt aber vermutlich nichts gebrochen. Unwillkürlich hielt er die Luft an und beugte die Finger versuchsweise. Quälende Pein schoss wie flüssiges Feuer durch seine Hand. Er biss sich hart auf die Lippe. Ihm brach der Schweiß aus allen Poren, als er die Finger öffnete und wieder schloss. Okay. Okay, sie ließen sich bewegen, gut. Und Bewegung würde helfen, wie er aus Erfahrung wusste. Er zwang sich dazu, die Hand noch ein paar Mal zur Faust zu ballen und blinzelte gegen das Wasser an, das ihm in die Augen schoss. Der Schmerz war - erträglich.

Was würde er jetzt für seine P-90 geben. Oder wenigstens die Neun Millimeter. Unbewaffneter Nahkampf war nicht wirklich seine Stärke.

Obwohl – es war inzwischen zu dunkel, um richtig zielen zu können. Stockfinster sogar. Dabei hatte er den Wraith vorhin noch sehen können. Seltsam. Hatte er irgendwann das Bewusstsein verloren? Eine Gehirnerschütterung? Sein Kopf jedenfalls fühlte sich so an.

Er hob die unverletzte Hand und betastete die pochende linke Gesichtshälfte. Die Kopfschmerzen waren mörderisch, sein Jochbein war heiß und druckempfindlich.

Der Bastard hatte ihn hart erwischt. Glückstreffer, vermutlich, so unkoordiniert, wie der sich verteidigt hatte. Kein geübter Kämpfer, eindeutig, aber jemand, der doch ein paar gemeine Tricks auf Lager hatte.

Jedenfalls durfte er den Kerl nicht unterschätzen, nicht noch einmal. So ein Fehler konnte ihn mehr als nur einen Finger kosten, durch solche Fehler endete man als Wraithfutter, gefesselt, hilflos, ausgeliefert ...

Eine kalte Hand presste sich auf seine Brust und riss ihm das Leben aus dem Körper ...

Brennen ... feuriger, saugender Schmerz, bis nichts mehr von ihm übrig war …

Er keuchte auf, taumelte einen Schritt zurück, stieß gegen die Wand der Zelle und wollte Schreien, aber der Knebel verschloss ihm den Mund. Panisch zerrte er an den Fesseln um seine Handgelenke.

Nein!

Nicht daran denken, John. Nicht daran!


Er hielt die Augen krampfhaft geschlossen und zwang sich dazu, tief, aber leise zu atmen. Ein, aus, ein, aus. Er zählte die Atemzüge, konzentrierte sich nur auf die Luft, die seine Lungen füllte, auf seinen Brustkorb, der sich hob und senkte, bis er spürte, wie etwas in ihm ruhiger, kälter wurde. Gut, gut so. Angst konnte ein mächtiger Verbündeter sein, schärfte die Sinne. Aber er durfte niemals zulassen, dass sie die Kontrolle übernahm.

Noch ein paar Sekunden verharrte er so gegen die solide Wand gelehnt, dann öffnete er die Augen wieder.

Dieser Wraith musste sterben.

Die Dunkelheit machte jeden präzisen Angriff unmöglich, wie er schon schmerzhaft bemerkt hatte. Aber es würde trotzdem schnell gehen müssen. Einen längeren Kampf machte seine Hand nicht mit. Er brauchte eine Methode, die den Gegner sofort ausschaltete. Und er durfte dem Wraith keine Gelegenheit geben, sich an ihm zu nähren. Also ein Angriff von hinten. Schnell, brutal und überraschend. Ein Genickbruch.

Der Kerl hatte nur etwa seine Größe und war lange nicht so stark wie die Wraith, mit denen er es bisher zu tun gehabt hatte. Das ließ sich ausnutzen. Der Gegner war zwar vorgewarnt, aber geflüchtet, anstatt selbst anzugreifen. Das bedeutete, er hatte noch eine Chance, den Wraith zu überrumpeln. Aber zuerst musste er herausfinden, wo der Kerl jetzt war.

John lauschte, hörte Rascheln, rhythmisches Scharren. Kroch der Wraith auf Händen und Knien? Dann ein mühsam unterdrücktes Stöhnen. Der Bastard schien sich von ihm wegzubewegen. John schloss die Augen und konzentrierte sich völlig auf sein Gehör. Ja, da war ein gedämpftes Wimmern auf zwei Uhr, ganz eindeutig, mehr ein leises Atmen, aber keine weiteren Geräusche. Er lächelte grimmig. Er hatte ihn.

Jetzt musste er sich nur anschleichen und sicherstellen, dass er ihn von hinten erwischte. Dann genügte der richtige Griff und dieser Wraith war Geschichte.

„Hör mir zu, Sheppard …“

Was war denn das, zum Teufel? Der Kerl redete mir ihm? Die heisere Stimme zischte - manchmal schlangengleich, manchmal erschreckend vertraut - die üblichen Wraith-Drohungen, Lügen und dazwischen sinnloses Kauderwelsch. Oh, verdammt, der quatschte wie ein Buch. John holte tief, aber leise Atem.

Okay, es war ablenkend aber - ja, es verschaffte ihm einen gewaltigen taktischen Vorteil. Der Wraith konnte sich nicht unbemerkt wegbewegen. Und der Klang der Stimme verriet ihm, dass er sich dem Gegner frontal näherte. Er musste einen Bogen schlagen.

Schritt für Schritt tastete John sich auf die Stimme zu. Warum nur war es so verflucht dunkel? Er hielt einen Augenblick inne, schüttelte einen Anflug von Benommenheit ab. Vielleicht sollte er doch warten, bis es wieder hell wurde, sich so lange verstecken. Verflucht, was, wenn der Wraith ihn sehen konnte? Sahen Wraith in völliger Finsternis? Wie Katzen? Oder brauchten nicht auch Katzen wenigstens etwas Licht, um …? Katzen … Rodney … Rodney hatte eine Katze. Warum zum Teufel musste er jetzt an Rodneys Katze denken?

Verdammt. Reiß dich zusammen, Rodney ist nicht hier, er ist … er ist …

Zahlen, Zahlenreihen … drei Komma eins, vier, eins, fünf …

John presste die Handballen in die Augenhöhlen. Die Zahlen waren überall, er hörte sie unter dem fauchenden Wispern des Wraith … spürte sie in seinem Kopf … sah sie hinter seinen geschlossenen Lidern … sie bedeuteten …

Ablenkung - er will dich ablenken.

Der Puls pochte hart in Johns Schläfen. Er bemühte sich, flach zu atmen.

Leise, John, leise.

Er musste den Wraith erwischen, unbedingt, bevor der ihn kriegte. Oder hatte der etwa schon …? Sekundenlang mischten sich Erinnerungen mit dem Jetzt und Hier. Etwas Warmes rann über Johns Brust. Entsetzt tastete er danach, spürte Feuchtigkeit an seinen Fingern, roch daran und sank erleichtert zusammen. Nicht der metallische Blutgeruch, den er befürchtet hatte. Schweiß, nur Schweiß. Kein Wunder, so verteufelt warm, wie es hier war.

Er verharrte einen Moment, wartete, bis das Beben seiner Hände nachließ. Dann bewegte er sich tastend weiter auf die atemlose, gehetzte Stimme zu, in der Panik und Verzweiflung deutlich zu hören waren.

Angst. Der Scheißkerl hat Angst vor mir.

John lächelte grimmig. Er war dem Wraith jetzt ganz nahe, war ganz dicht bei ihm. Und der Kerl war nach wie vor ahnungslos. Ja, gut, das war gut. Der Bastard würde nicht entkommen, diesmal nicht. John roch seine Angst, roch Schweiß – herb, leicht säuerlich, lebendig, der Geruch warmer Haut und … noch etwas …

Etwas Bekanntes.

Blitzartig tauchten Bilder in seinem Geist auf, Erinnerungen, Gesprächsfetzen, wirr und ungeordnet.

Geröllwüste und vor Trockenheit aufgesprungener Boden … Das ist Kakaobutter, Ronon und – um deiner Frage zuvorzukommen – nein, man kann es nicht essen. Jedenfalls nicht in dieser Form … sengende Hitze … Warum? Oh, warte, Hautkrebs, Verbrennungen zweiten Grades, höllische Schmerzen … armselige Hütten … Was? Ich soll wohin? … ein Arm, erhitzt, angespannt unter seinen Fingern, als er seinen Freund schützend hinter sich schiebt … ein primitiver Käfig … ein milchig–trüber Schweißtropfen, der aufreizend langsam über sonnenwarme Haut rinnt …

Sonnencreme … der Wraith roch nach Sonnencreme.

John blinzelte.

Drei Komma eins, vier, eins, fünf …

„Welcher Wraith würde dir Pi rezitieren?“, drang eine vertraute Stimme schleppend und unglaublich erschöpft an Johns Ohr.

Pi. Das war Pi. Was war hier los, verflucht? Was …? Keuchend ließ John den Atem entweichen und starrte in die Finsternis.

Diese Stimme, eindeutig panisch, der Geruch von Schweiß und Angst und Sonnencreme, Pi …

„Sheppard, ich bin's. Glaub mir. Großer Gott, wenn du mir nicht glaubst und mich …“ Der … Wraith – nein … nein! - schluckte hart und flehte: „Du würdest dir das nie verzeihen. Ich bin’s. Rodney, dein Freund. Bitte … John.“

John.

Er atmete stoßweise aus und wieder ein. Das zischende Fauchen wurde leiser, kam wie ein spöttisches Echo plötzlich aus der anderen Ecke der Zelle. Und vor ihm, vor ihm war …

„Rodney?“, flüsterte John zögernd.

~ooOoo~



„Ja! Ja, Gott sei Dank!” Schwindlig vor Erleichterung sank Rodney in sich zusammen und ließ den Kopf für einen Moment auf die Knie fallen. Sheppard hatte ihn erkannt. Der Albtraum war vorbei. Er hob den Kopf wieder. „Ich dachte schon …“

„Halt den Mund“, zischte Sheppard plötzlich und im nächsten Moment fühlte sich Rodney brutal gegen die Wand gedrückt. Finger gruben sich schmerzhaft in Rodneys Schulter und eine Hand presste sich unbarmherzig auf seinen Mund.

Gott, nein, nicht noch eine Runde. Er konnte nicht mehr. Das Wasser schoss Rodney in die Augen und er blinzelte es hastig weg.

Heißer Atem streifte sein Ohr.

Es dauerte einen langen Augenblick bis die Bedeutung von Sheppards fieberhaft geflüsterten Worten zu ihm durchdrang.

„Sei still! Er hört uns.“

Hören? Wer …?

„Ich bring dich hier raus, aber wir müssen leise sein, okay?“, wisperte John.

Gierig sog Rodney Luft durch die Nase ein und nickte heftig.

Der Druck der Hand wurde locker, abwartend, und verschwand schließlich ganz.
Endlich! Dankbar atmete Rodney tief durch, bevor er ganz leise fragte: „Wer hört uns? Der Wraith?“

„Psst!“ Ein Finger legte sich erneut auf Rodneys Lippen. „Ja. Er ist noch in der Nähe. Ich … ich denke, jedenfalls.“ Johns Stimme wurde unsicher und der Finger glitt von Rodneys Mund.

„John“, flüsterte Rodney eindringlich im selben Moment. „Hier ist kein Wraith.“

„Er nicht mehr hier? Wohin ist er …?“

„Es gibt keinen Wraith, John. Bitte, glaub mir. Wir sind hier ganz allein.“

„Was? Nein, unmöglich, ich …“

„Kein. Wraith“, wiederholte Rodney verzweifelt. „Wirklich. Und ich wäre dir unglaublich, unglaublich dankbar, wenn du mich nicht wieder mit einem verwechselst und versuchst, mich zu ersticken oder anderweitig umzubringen, in Ordnung?“ Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme beim letzten Wort kippte und es wie ein unterdrücktes Schluchzen klang.

„Was? Was habe …? Himmel, Rodney …“, presste Sheppard hervor. Hände waren plötzlich auf Rodneys Körper, behutsam jetzt, tasteten ihn ab und verschwanden sofort wieder, als Rodney unwillkürlich vor der sanften Berührung zurückzuckte.

„Ich bin okay, ich bin okay“, versicherte er rasch.

„Ich wollte nicht … Rodney ich dachte, du wärst … nicht hier und … Der Wraith - ich habe ihn gesehen, wie er … wie er …“ Sheppards Stimme brach. „Es tut mir leid, ich …“ Er klang kein bisschen wie er selbst, sondern verzweifelt, völlig aufgelöst, bar jeglicher Kontrolle und das erste Mal, seitdem sie in dieser Zelle saßen, war Rodney fast dankbar für die Finsternis. Es war auf fundamentale Art falsch, dass Sheppard - ausgerechnet Sheppard - sich so anhörte und es war gut, dass Rodney im Moment das Gesicht seines Freundes nicht sehen konnte. Es würde ihn nur dazu verleiten, etwas ausgesprochen Dummes zu tun, um den Ausdruck, der zu dieser Stimme gehören musste, verschwinden zu lassen.

„Hey, kein Wraith hier, denk dran, ja?“, entgegnete Rodney mit gespielter Leichtigkeit. Sein Kopf schmerzte, er hatte sicher einen riesigen blauen Fleck an der Schulter und seine Hand … Gott, er hatte Sheppard ins Gesicht geschlagen. Und ihm womöglich den Finger gebrochen. „Was ist mir dir? Dein Finger. Ist er …?“

„Ich kann ihn bewegen. Bin okay.“

„Wirklich?“

„Ja.“ Sheppard holte zitternd Luft. „Rodney, er ist immer noch hier, ich höre ihn. Er kommt näher. Wir müssen …“

„Das ist alles nicht real, John.“ Wie um seine Worte Lügen zu strafen, liefen Rodney plötzlich kalte Tropfen über Kopf und Schultern, sickerten als eisiges Rinnsal den Nacken hinunter. Er ballte die Hände zu Fäusten und wiederholte: „Kein Wasser! Es ist nicht real! Verdammt, ich weiß, dass es nicht real ist, also Schluss damit!“

Das Tropfen verstummte und Rodney ließ den angehaltenen Atem entweichen.

„McKay.“ Sheppards Finger griffen nach ihm, gruben sich in Rodneys Oberarme. „Sei ruhig“, wisperte er.

Rodney schauderte. Was auch immer mit Sheppard los war – es war nicht wirklich vorbei. Auch wenn John sich jetzt dankenswerterweise mehr um Rodney sorgte, anstatt ihn zu attackieren.

Den Schauder, der Rodney durchlief, offensichtlich fehlinterpretierend, flüsterte Sheppard dicht an seinem Ohr: „Hey, wir schaffen das. Wir müssen nur leise sein und irgendwie zur Tür kommen.“ Sheppards Hände wanderten zu Rodneys Schultern hoch und er drückte sie ermutigend. „Komm schon. Steh auf.“

„Nein.“ Rodney blieb wo er war. Er würde sich jetzt sicher nicht von einem wild halluzinierenden Sheppard quer durch die Zelle zerren lassen. Nicht mit seinem pochenden Knie.

„John“, sagte er eindringlich, packte Sheppards Oberarme und hielt ihn fest, hinderte ihn daran aufzustehen. „Hier ist kein Wraith. Er existiert nicht. Ich weiß nicht, was du hörst oder siehst, aber – es ist nicht real. Wir sind alleine.“

„Aber er …“ Sheppard verstummte und für einen Moment war nur sein rasches, erregtes Keuchen zu hören. Seine Finger kneteten für einen Moment fast krampfhaft Rodneys Schultern, dann lockerte sich der harte Griff plötzlich, John ließ den Atem entweichen und die Anspannung verließ ihn fühlbar. Eine Kapitulation vor der Realität. „Verdammt.“

„Ja. Ja, absolut.“ Rodney schluckte. „Nur du, ich, ein schlechter Trip und eine dunkle Zelle. Eine leere Zelle. Aber vollkommen trocken.“ Rodney lachte kurz auf, ein heiserer, hysterischer Laut, den er nicht unterdrücken konnte. „Kein Wasser und kein Wraith.“

„Kein Wraith“, wiederholte Sheppard nachdrücklich, als müsse er sich selbst davon
überzeugen. Was vermutlich der Fall war.

„Genau. Wir müssen also nur warten, bis … bis sie uns rausholen.“ Rodney blinzelte hastig. Jetzt, da die unmittelbare Gefahr, von John im Wahn erwürgt zu werden, vorüber war, holte ihn die bleierne Müdigkeit mit aller Macht ein. Er konnte kaum die Augen offen halten, aber er durfte nicht noch einmal einschlafen. Er musste mit Sheppard reden, musste verhindern, dass der erneut tiefer in diese Wahnvorstellungen glitt. Der Realitätssinn des Mannes glich im Moment einem spröden Gebilde aus hauchdünnem, brüchigem Glas, das er – Rodney – schützen musste. Er musste wach bleiben. Für sich selbst und für John.

„Hey“, sagte Rodney, hauptsächlich um irgendeine Reaktion von Sheppard zu provozieren und weil das Weiterreden ihm selbst half, nicht wieder einzunicken. „Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass etwas in unseren Köpfen ist, das … nur in unseren Köpfen ist.“

Sheppard reagierte nicht.

~ooOoo~


Teil 5

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