sinaidas_fancorner: (John)
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Teil 2

Jemand schrie.

Rodney erwachte mit einem Ruck und nach Luft schnappend aus einem dieser irritierenden Träume, in denen er glaubte, ins Bodenlose zu stürzen. Einen panischen Augenblick lang wusste er nicht, wo er war, starrte schwer atmend in die Dunkelheit, lauschte auf das Gluckern und Gurgeln von Wasser, das in einen geschlossenen Raum eindrang, tastete blind um sich. Stroh, die Wand - feucht und glitschig. Kein Sheppard.

„Neiiin! Arrrhhhhh!" Sheppards Schrei – schmerzerfüllt, verzweifelt – hallte von den Wänden wieder, schien von überall her zu kommen. Rodneys Nackenhaare richteten sich auf und eine kalte Faust presste sich in seinen Magen.

„Sheppard?"

Er hörte nur keuchendes Atmen und unterdrücktes Stöhnen. „Verdammt, Sheppard, antworte mir!" Hastig rappelte er sich auf, tastete sich an der Wand entlang, watete durch eisiges, knietiefes Wasser.

Sein Bein stieß plötzlich gegen etwas Nachgiebiges, definitiv nicht die Wand. Er stolperte und griff Halt suchend um sich, um nicht in das stetig steigende Wasser zu fallen. Seine Hand streifte etwas Weiches, wie nasse, schwere Seide unter seinen Fingern.

Das kalte, bläuliche Licht, das sein Tablet-PC spendete, ließ Irrlichter auf dem Wasser tanzen, warf groteske Schatten an die Wände des kleinen Raumes, beleuchtete Sheppards wachsbleiches Gesicht - leblose, weit geöffnete, starre Augen unter tiefschwarzen Strähnen, die auf seiner Stirn klebten und zwischen Rodneys Fingern hingen.

Der Aufschrei blieb ihm in der Kehle stecken. Mit namenlosem Entsetzen machte er sich los, taumelte rückwärts, unfähig, den Blick von Sheppards Körper zu nehmen, der langsam von ihm wegdriftete.

Ein schraubstockartiger Griff hielt seinen rechten Knöchel umklammert.

Hände tasteten sich sein Bein hinauf. Er schrie auf, zuckte zurück, wollte fliehen –

und wachte auf. Er saß am Boden, auf trockenem, warmem Stein, die Wand im Rücken und in völliger Dunkelheit.

„Rodney?" Es ertönte dicht vor ihm, ein heiseres Flüstern, vertraut.

„Sheppard?" Seine Stimme überschlug sich, das Pochen seines Herzens hart und viel zu schnell in seinen Ohren.

„Ja. Ja, ich … Bist du okay?" Es waren Sheppards Hände auf seinem Bein.

„Großer Gott, was für ein Albtraum." Rodney schüttelte sich. Er zitterte am ganzen Körper. „Ich hoffe nur, dass ich jetzt wirklich wach bin. Ich merke schon keinen Unterschied mehr."

„Wir müssen hier raus", wisperte Sheppard. „Die verdammten Palatianer haben uns reingelegt. Diese Zelle hier ist zwar wirklich leer, die nebenan aber nicht.“

„Was? Wovon redest du?"

„Ein Wraith. Hinter den Gitterstäben. In der anderen Zelle."

„Was?" Rodney schnappte nach Luft und wünschte sich wohl zum hundertsten Mal in den letzten Stunden, wenigstens irgendetwas erkennen zu können. „Was sagst du? Ein Wraith? Hier?"

„Ja. Ich denke er kann nicht zu uns, Rodney. Noch nicht, jedenfalls. Er hat mich … erwischt. Durch die Gitterstäbe. Bin zu dicht hingegangen … hatte etwas gehört, und …" Sheppard keuchte. „Wir müssen hier raus, bevor …"

„Moment, Moment, was heißt ‚er hat dich erwischt'?" Rodney stockte der Atem. "Großer Gott, hat er …?" Gestochen scharfe Bilder tauchten wie in einer albtraumhaften Slideshow vor Rodneys innerem Auge auf. Sheppard, geknebelt und gefesselt, Kolyas kaltes Lächeln, die Hand des Wraith auf Sheppards Brust, Sheppard, wie er kraftlos, um Jahre gealtert, in die Kamera blickte.

„Ja, aber ich bin okay." Es klang erschöpft. „Ich hätte es wissen müssen. Dieses … dieses Geräusch die ganze Zeit und …"

„Okay? Du bist okay? Wie kannst du das sagen, nachdem … warte, lass mich sehen, lass mich … wie lange … wie viel hat er …?" Rodneys Finger flogen über Sheppards Körper, seine Schultern, seine Brust. Er wappnete sich, warmes Blut und die typische Form eines Wraith–Mals zu ertasten, doch alles, was er fand, war intakte Haut und der Stoff des T-Shirts.

Sheppard bäumte sich plötzlich unter seinen Händen auf und schrie: „Halt die Klappe, du kriegst mich nicht, keinen von uns, weder jetzt noch irgendwann!"

Rodney zuckte zurück. „Hey, was soll das?"

„Er soll die Klappe halten oder eine andere Platte auflegen. Dieses ‚Ich werde mich an dir und deinem Volk laben' wird langsam alt." Sheppard holte tief Luft, brüllte: „Hörst du?"

„Hören? Ich …" Rodney verstummte, spürte Gänsehaut und ein unheilvolles Frösteln in seinem Inneren. Seine Gedanken überschlugen sich. Puzzleteilchen ergaben plötzlich ein Bild. Hastig fragte er: „Sheppard, wo genau sind die Gitterstäbe?"

„Ein Stück links von mir. Warum?"

Rodney stand auf, tastete sich an Sheppard vorbei an der Wand entlang.

„McKay! Verdammt, bist du verrückt geworden?", zischte Sheppard und krallte die Finger in Rodneys Hosenbein. „Bleib hier!"

„Hör zu, ich … ich bin vorsichtig. Ich will nur eine Theorie beweisen."

„Was? Wovon redest du?"

„Vertrau mir einfach. Bitte."

Nur zögernd ließ Sheppard ihn los und murmelte: „Was immer du vorhast, stell dich um Himmels willen nicht direkt vor das Gitter."

Rodney holte tief Atem. Er war sich sicher – ziemlich sicher - und trotzdem war ihm übel, als er die bebenden Finger langsam auf Brusthöhe über die kalten, glatten Steine gleiten ließ. Seine Hände feucht und zögernd, sein Körper bereit zur Flucht - bis er an der Ecke der Zelle angelangt war. Steine, einer lückenlos am anderen. Keine Gitterstäbe, keine andere Zelle. Er schluckte, lehnte sich mit plötzlich vor Erleichterung weichen Knien sekundenlang gegen die Wand. Kein Wraith.

„Rodney?"

„Sheppard, ich sage es nur ungern - nun eigentlich nicht, im Grunde genommen bin ich verdammt froh - aber …"

„McKay."

„Jajaja. Also, hier … hier ist nichts außer einer Steinwand. Keine andere Zelle, kein Wraith. Den ich übrigens, im Gegensatz zu dir, auch nicht höre und nie gehört habe."

Keine Antwort.

„Es ist dunkel, Colonel. Und daraus folgt, gemäß Sinneswahrnehmung für Anfänger Teil eins, ich sehe nichts. Also wären Worte angebracht, anstelle von Augenbrauenhochziehen, Nicken, Kopfschütteln oder was immer du sonst gerade getan hast."

„Scheiße", flüsterte Sheppard schließlich erschöpft. „Es ist wohl nicht nur dein Kopf, der … du weißt schon."

„Ja." Rodney tastete sich zu ihm zurück und setzte sich neben ihn, den Rücken zur Wand, seine Schulter und sein Oberschenkel an Sheppards gepresst und zum Teufel mit irgendwelchen Gedanken über unangebrachte Berührungen. „Ich vermute, es war dieser seltsame Tee, den wir schlucken mussten. Ein Halluzinogen vielleicht, das Wahnvorstellungen erzeugt, die auf tatsächlich erlebten Ereignissen basieren."

Rodney dachte kurz an Sheppards kaltes, starres Gesicht und korrigierte sich. „Nun, zum größten Teil auf tatsächlich Erlebtem. Und mit dieser pechschwarzen Horrorfilm-Kulisse hier ist sicher gestellt, dass die Gedanken auch in die gewünschte Richtung gehen und man nicht vielleicht vom letzten Hawaiiurlaub träumt."

„Rodney, ich … ich habe den Tee nicht getrunken.“

„Was? Oh, ich wusste es!“ Rodney schnaubte entrüstet. „Mich zwingst du, dieses Zeug zu schlucken und du …“

„Aber der Häuptling hat es getrunken."

„Und? Vielleicht wirkt es bei ihm nicht. Oder er ist ein Junkie und nimmt es dreimal am Tag, liegt jetzt zufrieden in seinem Bett und träumt davon mit zehn nackten Jungfrauen in einem Whirlpool zu sitzen."

„Das war mehr, als ich je über deine Fantasien erfahren wollte, Rodney." Sheppard war immer noch atemlos, aber der gehetzte Tonfall und die Verzweiflung waren aus seiner Stimme verschwunden und hatten milder Ironie Platz gemacht.

"Ich wünschte ich hätte solche Fantasien, aber offensichtlich ist alles, was mein Unterbewusstsein zustande bringt, ein Todesszenario nach dem anderen, in Technicolor und Dolby-Surround."

"Willkommen im Club. Liegt wohl wirklich an der Umgebung hier." Rodney merkte, wie Sheppard ein Schauder durchlief.

Müde rieb Rodney sich die Augen. Sie juckten etwas. Vermutlich war er doch allergisch gegen diese Sporen, die Sheppard hier verteilt hatte. Er kniff die Lider zusammen, lehnte den Kopf für einen Moment gegen die Wand hinter ihm und – starrte auf die verschwommenen Zahlenreihen, die sein Monitor anzeigte, blinzelte heftig um wieder klare Sicht zu bekommen und - schrak hoch.

Verdammt, er war eingenickt. Dabei musste er wach bleiben, musste herausfinden, was … Er blinzelte erneut und versuchte sich zu konzentrieren. Was war es, das …? Richtig, er wollte herausfinden, was der Grund für diese Halluzinationen war.

„Also“, murmelte er und gähnte. „Du hast nichts von dem Tee getrunken, demnach kann es auch nicht der Tee sein, der uns beeinflusst. Aber was ist es dann?“ Er runzelte die Stirn. Irgendetwas Wichtiges hatte er gerade übersehen. Ein Gedanke, der verschwamm, sich verflüchtigte, sobald er sich auf ihn konzentrieren wollte.

„Keine Ahnung", presste Sheppard hervor und wisperte dann: „Das ist aber jetzt wirklich unser geringstes Problem. Der Wraith …“

„Ist nur in deinem Kopf, Colonel“, versetzte Rodney und gähnte wieder. Es gelang ihm nicht wirklich, das angebrachte Maß an Beunruhigung darüber aufzubringen, dass Sheppard nach wie vor von der Existenz des Wraith überzeugt war. Es waren schließlich nur Wahnvorstellungen, weiter nichts. Sie saßen in einer leeren Zelle, nur sie beide, was konnte da schon passieren?

Und er war so unglaublich schläfrig, konnte sich nicht einmal dazu aufraffen, zu dem provisorischen Lager zurückzukehren. Bleierne Müdigkeit hielt ihn da, wo er war, machte sogar das Reden zu einem Kraftakt. Er schloss die Augen, nur für einen Moment. Nur einen Moment …

~ooOoo~


„Was machst du da?“

Die tiefe Stimme hinter seinem Rücken ließ Pajuni herumfahren. Ronon stand direkt vor ihm und starrte auf ihn herab, wie ein Jäger auf seine Beute.

„Einer der beiden hat seinen Tee weggeschüttet“, erwiderte Pajuni fassungslos.

„Ja. Sheppard“, bestätigte Ronon knapp.

„Zweiter, was hat das zu bedeuten?“, erkundigte Teyla sich, stand auf und kam näher. „Was enthielt dieser Tee?“

„Tajil“, erwiderte Pajuni abwesend und rieb sich die Schläfen. Seine Gedanken überschlugen sich. Was sollte er jetzt tun? Sich den Fremden anvertrauen? Lasin verraten, sich offen gegen ihn auflehnen? Oder schweigen und riskieren, dass Sheppard vom Grauen, das ihn auf dem Weg des Verborgenen erwartete, überwältigt wurde?

„Was ist Tajil?“, drängte Teyla. „Gift? Eine Droge?“

„McKay hat es getrunken. Was passiert jetzt mit ihm?“ Ronon kam noch einen Schritt näher, drängte Pajuni zurück, bis ihn die Zweige des Ude-Busches in den Rücken stachen, und funkelte ihn drohend an. „Raus damit!“

Pajuni verbarg das Gesicht in den Händen. Er wollte nicht, dass McKay und Sheppard etwas geschah, hatte es nie gewollt. Das Tajil in den Tee zu geben war weniger ein durchdachter Plan gewesen, als ein verzweifelter Versuch in letzte Minute, um das Schlimmste zu verhindern. Für McKay und Sheppard und damit für das Dorf. Denn die Rache der Fremden, wenn ihre Freunde nicht überlebten, würde zerstörerisch sein. Dessen war sich Pajuni sicher. Und er wusste inzwischen, dass Taramus lange nicht so mächtig war, wie alle glaubten.

„Bitte.“ Teylas drängende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Was bewirkt das Tajil? Sind unsere Freunde in Gefahr?“

Pajuni ließ die Hände sinken und erkannte in den Augen der Frau vor ihm nichts als ehrliche Sorge um ihre Gefährten. Er straffte sich und holte tief Luft. „Ja, sie sind in Gefahr. Das Tajil hätte ihnen geholfen – wenn beide es getrunken hätten.“

„Was ist wirklich in dieser Zelle?“, grollte Ronon.

„Nichts.“ Pajuni schüttelte den Kopf. „Lasin hat nicht gelogen. Die Zelle ist leer, bis auf eine … Pflanze, die dort an den Wänden wächst. Sie sondert etwas ab und das … das beeinflusst Menschen.“ Pajuni sah angespannt von Ronon zu Teyla. „Meine Großmutter hat mir davon erzählt. Sie war eine Heilerin und ist viel gereist, hat bei Kräuterkundigen jenseits der Berge studiert. Aber niemand hier wollte ihr glauben, als sie von der Wirkung dieser Pflanze berichtete, denn sie gedeiht nicht im Licht und verliert dort ihre Wirkung. Alle hier denken, es ist Taramus, der dort in den Zelle Gericht hält und die Gefangenen straft.“

„Was bewirkt diese Pflanze bei den Gefangenen?“, fragte Teyla scharf. „Was geschieht mit ihnen?“

„Ich weiß es nicht genau. Es … es ist nicht leicht zu erklären“, begann Pajuni.

„Versuch es“, bemerkte Ronon leise aber grimmig, verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte Pajuni mit einem gefährlichen Lächeln.

„Ja, ja ich … ich werde …“, stammelte Pajuni, schloss kurz die Augen, sandte ein rituelles Schutzgebet an den Allmächtigen und fuhr dann etwas ruhiger fort: „Als unsere Vorväter den unterirdischen Trakt entdeckt und die Zellen dort benutzt hatten, um Verbrecher einzusperren, bemerkten sie, dass die eine Zelle am Ende des Ganges … besonders ist. Dort geschieht etwas … Unheimliches.“

Verzweifelt suchte Pajuni nach den passenden Worten, um den Fremden all das zu beschreiben, was Generationen seines Volkes unter dem Begriff „Der Weg des Verborgenen“ zusammenfassten.

„Wenn die Gefangenen in diese Zelle, an den Ort des Verborgenen, geführt werden und sich die Tür hinter ihnen schließt, dauert es nicht lange und man hört - furchtbare Geräusche aus dem Innern. Unmenschliche Laute, als würden dort wilde Bestien aufeinander losgehen.“ Er holte tief Luft. „Die Türen, die den Ort des Verborgenen verschließen, sind dick, aber einmal sollen sogar die Wächter durch das Heulen und Wimmern, das aus der Zelle gedrungen ist, wahnsinnig geworden sein.“

Auf Teylas ungläubiges Augenbrauenhochziehen hin fügte Pajuni eilig hinzu: „Das erzählen die Alten.“ Rasch strich er sich eine Haarsträhne aus der Stirn und fuhr fort: „Wenn Taramus’ Gericht beendet ist und die Tür wieder geöffnet wird …“ Unwillkürlich zögerte er kurz und senkte die Stimme. „Dann findet man meist nur noch - Leichen. Entsetzlich zugerichtet, mit blutigen Gesichtern und gebrochenen Knochen.“

Ronons grimmiges Lächeln wich mit einem Mal einer Miene wachsamer Aufmerksamkeit.

Pajuni stockte kurz und redete dann rasch weiter. „Wer es überlebt, ist nur noch eine leere, geistlose Hülle, dem Wahnsinn verfallen. Es heißt, dass Taramus selbst vom Herzen des Berges in diese Zelle steigt, um sein Urteil zu vollstrecken, aber …“ Er biss sich auf die Lippe. „Meine Großmutter hat mir erklärt, dass es die Gefangenen sind, die sich …“

„Ein Moos?“, fiel Ronon ihm plötzlich ins Wort, keine Drohung sondern erbitterten Zorn in der Stimme, der sich aber ganz offensichtlich nicht gegen Pajuni richtete. „Diese Pflanze. Ist es ein trockenes, weiches Moos mit gelben Sporen?“

„Ja“, sagte Pajuni verblüfft.

„Du weißt, wovon er spricht, Ronon?“, fragte Teyla überrascht.

„Tosal“, sagte Ronon tonlos, ließ die Arme hängen und starrte einen Moment lang zu Boden, wie um sich zu sammeln. Oder um schmerzhafte Erinnerungen zu verdrängen. Er sah wieder auf und erklärte knapp: „Es ist selten, wächst nur in warmen Höhlen. Auf den meisten Planeten werden die Sporen veredelt und dann als Droge oder Medizin verkauft.“ Ronons Stimme wurde hart. „Manche Völker benutzen es aber pur. Sie bestrafen damit Schwerverbrecher.“

Teyla warf ihrem Gefährten einen nachdenklichen Blick zu und Pajuni fragte sich, wen Ronon wohl durch solch ein Strafgericht verloren hatte.

„Dieses ‚Tosal’ wächst in der Zelle und lässt die Gefangenen aggressiv werden, so, dass sie einander bekämpfen?“, wandte Teyla sich forschend an Pajuni.

„Ja“, bestätigte Pajuni. „Aber es ist mehr als das. Sie sehen offenbar Dinge, die nicht existieren, vergessen, wo sie sind …“

„Nicht einfach Dinge“ unterbrach Ronon ihn schroff. „Eigene, unterdrückte Ängste. Albträume, verdrängte Gefühle - das ist es, was durch das Tosal lebendig wird. Freunde werden zu Feinden. Oder zu Monstern, die man bekämpfen muss.“

Teyla wisperte: „Ich … verstehe.“ Ihre Brust hob und senkte sich rasch. Mit hörbar erzwungener Ruhe fragte sie: „Dieser Tee, den Rodney getrunken hat – enthielt er ein Gegenmittel?“

„Nein. Das … das Tajil hätte sie schlafen lassen – für die meiste Zeit. Aber da nur McKay es getrunken hat …“ Pajuni wagte nicht den Satz zu Ende zu bringen und senkte den Blick.

„Das bedeutet, Rodney schläft, während John …“ Teylas Augen weiteten sich entsetzt.

„Er durchlebt seine Albträume“, ergänzte Ronon grimmig und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. „Wie auf M1B-129.“

Teyla sog scharf den Atem ein. „Er hielt mich für Captain Holland. Und er hat auf Rodney geschossen.“

„Hätte mich fast getötet.“

Teyla nickte und sagte leise: „Zumindest ist er jetzt nicht bewaffnet.“

Etwas in Pajunis Brust verkrampfte sich angesichts der Hoffnung in Teylas Stimme.

„Macht keinen Unterschied“, grollte Ronon und presste die Lippen zusammen. „Das Tosal mischt Ängste und Realität. Sheppard ist eingesperrt, wieder. Das letzte Mal, als er in einer Zelle saß, war er Wraithfutter.“

„Du denkst …“, stieß Teyla fassungslos hervor.

Ronon nickte knapp. „Sheppard wird kämpfen - um zu töten. Und er braucht keine Waffen dazu.“

~ooOoo~


Wasser überall. Der Ozean – tiefschwarz und kalt – zog ihn hinab.

Rodney schnappte nach Luft, schrak hoch und blinzelte in undurchdringliche Dunkelheit. Ein Traum, Gott sei Dank, nur ein Traum. Kein endloser Ozean, sondern eine trockene Zelle, die …

Wasser platschte plötzlich gegen seine Hand, durchnässte seine Hose. Oh nein, nicht schon wieder! Hastig rieb er seine nassen Finger an seinem T-Shirt ab.

Er atmete tief durch und unterdrückte den Impuls aufzuspringen. „Es ist nicht real“, wisperte er und zwang sich dazu, die Hand erneut auf den Boden neben sich zu legen. Kein Wasser. Fieberhaft tastete er über Hose und Stiefel. Trocken. Er ließ den angehaltenen Atem entweichen. „Gut“, murmelte er, „das ist gut“, und lehnte erleichtert den Kopf gegen die Wand. Es wurde besser, er hatte sich langsam wieder im Griff. Wenn jetzt auch Sheppard …

Rodneys Ellbogen, mit dem er Sheppard anstupsen wollte, ging ins Leere.

„Sheppard?“ Rasch ging Rodney auf Hände und Knie und tastete hektisch die Stelle ab, an welcher der Colonel gerade noch gesessen hatte. „Verflucht! Sheppard?“

Keine Antwort. Rodney richtete sich wieder auf, ließ sein Gewicht auf seine Hacken sinken und lauschte angestrengt ins Dunkel. Er hörte – nichts. Absolut nichts. Nicht einmal Atemgeräusche. Sein Magen verkrampfte sich. Wie lange hatte er geschlafen? Hatten sie Sheppard aus der Zelle geholt? Oder war er verletzt, lag hilflos irgendwo in der Dunkelheit, bewusstlos womöglich?

Panik ließ seine Stimme selbst für seine eigenen Ohren schrill klingen. „Komm schon, Sheppard das ist nicht der passende Zeitpunkt um Verstecken zu sp ...“

Der Angriff kam wie aus dem Nichts.

Etwas stieß hart gegen seinen Oberkörper, ließ ihn das Gleichgewicht verlieren und mit der linken Schulter gegen die Wand krachen. Brennender Schmerz schoss durch Rodneys Arm. Wer …? Oh Gott, sie hatten Sheppard geholt, ihn ausgetauscht, gegen …

Er keuchte auf. Eine nach Moder und Seewasser riechende Hand patschte nach seinem Gesicht, presste sich auf Mund und Nase, nahm ihm den Atem. Griffin! Verzweifelt unterdrückte Rodney den Würgreiz. Reiß dich zusammen, Rodney. Nicht Griffin, er ist nicht wirklich hier … nur in deinem Kopf. Es ist nicht echt!

Ein sehr reales Gewicht drückte ihn gegen die Mauer und halb zu Boden. Sein linker Arm war eingeklemmt, er konnte ihn nicht bewegen. Das ist echt, verflucht! Sheppard, wo ist Sheppard? Finger gruben sich brutal in seine Haare und zwangen seinen Kopf in den Nacken, während ihn die Hand unerbittlich zu ersticken versuchte. Eine heisere, wohlbekannte Stimme flüsterte dicht an seiner Wange: “Das war’s. Ich bring dich um!“

Sheppard!

Was in aller Welt …?

Sheppard wollte ihn umbringen? Warum? Was …?

Er versuchte zu schreien, doch alles, was herauskam, war ein dumpfes Keuchen. Feurige Kreise tanzten vor seinen Augen. In verzweifelter Todesangst bäumte er sich auf und versuchte Sheppard abzuschütteln, von sich zu stoßen. Rodney riss den rechten Arm nach oben und stieß die Faust blindlings dorthin, wo er das Gesicht seines Angreifers – Sheppards, großer Gott! - vermutete. Ein stechender Schmerz schoss durch seine Knöchel und Sheppard stöhnte unterdrückt. Getroffen! Er hatte irgendwie getroffen. Die Finger in seinem Haar lockerten ihren Griff und Rodney riss ruckartig den Kopf zur Seite. Die Hand verschwand von seinem Mund und er konnte sich plötzlich wieder bewegen. Endlich! Keine Sekunde zu früh.

Gierig holte er Atem, rappelte sich so gut es ging in eine halb sitzende Position auf und hob die Arme schützend vors Gesicht. Das Kinn auf die Brust gesenkt und den Kopf zwischen die Schultern gezogen - ganz wie Sheppard es ihm beim Selbstverteidigungstraining beigebracht hatte - schrie er verzweifelt: „Sheppard! Stopp! Ich bin’s, Rodney.“

Sheppards keuchender Atem stockte für einen Moment, dann flüsterte er heiser: „Netter Versuch, du grünhäutiger Bastard!“

~ooOoo~


Teil 4

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