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Teil 5

Teil 6

Erschöpft stolperte John in sein Quartier und ließ sich schwer aufs Bett sinken. Er hatte sich auf dem Weg von den Laboren hierher tatsächlich verlaufen, etwas, das ihm seit seiner ersten Woche auf Atlantis nicht mehr passiert war. Und wie kam es, dass zwei der Männer, die ihm im Gang begegnet waren, ihn mit Namen grüßten, er sich aber nicht einmal daran erinnern konnte, sie jemals gesehen zu haben? Mit bebenden Fingern rieb er sich die Schläfen. Das ständige ruhelose Drängen in seinem Kopf war jetzt ein wortloses Wispern, das seine eigenen Gedanken übertönte, es unmöglich machte, sich zu konzentrieren.

Noch dazu ließ die Wirkung der Tabletten langsam nach und der Schmerz in seinen Muskeln und Gelenken steigerte sich von „störend“ zu „unerträglich“. Sogar das Augenbrauenhochziehen tat weh. Stöhnend tastete er nach der Packung Tylenol, die noch geöffnet auf seinem Nachtschränkchen lag.

Sein Blick fiel auf das Bild daneben. Ein Foto von ihm selbst und …
Stirnrunzelnd nahm er das gerahmte Foto in die Hand, betrachtete es genauer und versuchte, sich zu erinnern. Der Name des Mannes schien zum Greifen nahe, direkt am Rande seiner Wahrnehmung, doch er fiel ihm nicht ein. Im Gegenteil. Je mehr er sich konzentrierte, desto konfuser und verschwommener wurden seine Erinnerungen.

Alle Erinnerungen.

Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und der Schweiß brach ihm aus. Teile seiner Vergangenheit bröckelten aus seinem Sinn, wie lose Steine, die vom Rand einer Klippe fielen und verschwanden in Dunkelheit.

Ein stechender Schmerz und blendendes Licht hinter seinen Augäpfeln ließ ihn aufstöhnen. Das Bild fiel ihm aus den bebenden Fingern und landete mit lautem Klirren auf dem Boden. Er vergrub das Gesicht in den Händen und schnappte nach Luft.

So unvermittelt, wie der Schmerz in seinem Kopf gekommen war, verschwand er auch wieder. Und plötzlich, so als hätte jemand das Licht eingeschaltet, was alles da. Sämtliche Erinnerungen.

Langsam ließ er die Hände sinken und holte tief und zitternd Atem.

Drei Tage. Es hatte diesmal drei Tage gedauert.

Das durfte nicht sein. Irgendetwas war schief gelaufen. Fürchterlich schief.

Ihm bliebe nur noch wenig Zeit, viel zu wenig Zeit, bis der Prozess einsetzte. Oder war es etwa schon so weit?

Natürlich, der Muskelschmerz … Er musste sich beeilen, bevor die bleierne Müdigkeit und die Übelkeit begannen, die ihn zur Untätigkeit verdammen würden.

Rasch stand er auf, kämpfte gegen den plötzlichen Schwindel an und zwang sich dazu lange, tiefe Atemzüge zu nehmen. Achtlos trat er auf den Bilderrahmen, der unter seinen Schuhen splitterte und stolperte aus dem Quartier.

Er musste zurück. Sofort.

Aber zuerst brauchte er Waffen.

***


Rodney und Ronon bogen gerade in den Korridor ab, der zu dem Bereich mit den Vorratsräumen und der Waffenkammer führt, als Rodneys Headset knisterte.

„Zelenka an McKay. Wo steckst du?“

„Radek!“ Den hatte er völlig vergessen.

„Das ist mein Name, ja. Und ich warte im Labor, Rodney. Schon seit mehreren Minuten. Ich bin auch bereit noch …“

„McKay!“, zischte Ronon plötzlich neben ihm und griff nach seinem Arm.

„Später, Radek.“ Hastig unterbrach Rodney die Verbindung und folgte Ronons Blick zum Transporter am Ende des Korridors.

Sheppard.

Er stand leicht vornübergebeugt mit hängendem Kopf neben der Tür, mit dem Rücken zu ihnen, die linke Hand an die Wand gestützt, den rechten Arm abgewinkelt gegen seinen Körper gepresst. Er wirkte wie jemand, der sich nur mühsam auf den Beinen hielt und bemerkte anscheinend auch ihr Näherkommen nicht.

„Colonel“, sprach Rodney ihn an, als er und Ronon dicht vor ihm standen. „Ist alles …?“

Noch bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Ronon, der seine Waffe zog. Gleichzeitig drehte Sheppard sich mit einer blitzschnellen Drehung zu ihnen um. In seiner Rechten leuchtete etwas auf. Erst als Rodney das weiße, pulsierende Licht sah und Ronon mit einem unterdrückten Laut neben ihm zu Boden ging, wurde ihm klar, was gerade passiert war.

„Oh mein Gott!“ Entsetzt starrte Rodney in Sheppards schweißfeuchtes, graues Gesicht. „Bist du verrückt geworden? Du hast auf ihn geschossen! Warum …?“

Sheppard richtete die Waffe – ein Stunner nur, Gott sei Dank – mit bebenden Fingern auf Rodney, sah ihn an und sagte leise und scharf: „Ich möchte niemanden unnötig verletzten, aber ich habe jetzt keine Zeit für Erklärungen. Ich muss sofort zurück, Dr. McKay.“

Doktor …

Rodney spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Das war nicht Sheppard, Ronon hatte Recht. Sheppards Stimme zwar, aber nicht seine Art zu sprechen - als wären die Worte in Sirup getaucht - sondern, eine harte, scharfe, abgehackte Modulation.

Die Transportertür öffnete sich und bevor Rodney auch nur daran denken konnte irgendetwas zu tun, taumelte Nicht-Sheppard in die Kabine und die Türen schlossen sich hinter ihm.

Hastig kniete Rodney neben Ronon, tastete mit einer Hand nach seinem Puls – nur bewusstlos, zum Glück - und aktivierte mit der anderen sein Headset.

„Sheppard? John?“

Es kam keine Antwort.

Ronon, neben ihm, gab ein Stöhnen von sich.

Rodney wechselte den Kanal. „Elizabeth, ich habe jetzt keine Zeit für lange Erklärungen, aber Sheppard steht höchstwahrscheinlich unter fremdem Einfluss. Es hat etwas mit dem Strahl zu tun. Er hat Ronon niedergeschossen …“

„Wie bitte? John hat Ronon niedergeschossen? Was …?“

„Nein, nein, er ist okay, nur betäubt.“ Erleichtert registrierte Rodney, wie Ronon sich bewegte. Er würde gleich wieder voll da sein. „Hören Sie, wir müssen Sheppard aufhalten, er ist vermutlich auf dem Weg zu einem der Jumper und versucht Atlantis zu verlassen, außerdem scheint er krank zu sein. Sie müssen das Stargate deaktivieren …“

„Rodney, was geht da vor?“

„Keine Zeit für Erklärungen“, schnappte Rodney. „Elizabeth, tun Sie es einfach. Bitte!“

„In Ordnung“, erwiderte Elizabeth nach einem winzigen Moment des Schweigens knapp. „Weir, Ende“

Rodney ließ den angehaltenen Atem entweichen und stand wieder auf. „Bist du okay?“, fragte er Ronon und musterte ihn, unsicher, ob er ihm aufhelfen sollte oder nicht. Er streckte ihm eine Hand hin. „Soll ich …?“

Ronon brummte etwas Unverständliches, schüttelte den Kopf, rappelte sich hoch und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, seine Hände auf die Oberschenkel gestützt.

Nach wenigen Sekunden meldete Elizabeth sich erneut und sagte ruhig: „Das Gate ist vorübergehend deaktiviert. Major Lornes Team befindet sich im Hangar, sie wollten gerade zu einer Mission aufbrechen. Er ist über John informiert. Sollte er dort auftauchen, kommt er nicht weit. Chuck versucht zusätzlich, seinen genauen Aufenthaltsort über das Signal seines subkutanen Transmitters zu bestimmen.“

„Danke, Elizabeth.“ Rodney wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Jetzt hätte ich aber gerne eine kurze Erklärung, warum ich eben eine Handvoll Marines angewiesen habe, ihren eigenen Vorgesetzten unter Arrest zu stellen.“

„Sicher“, erwiderte Rodney zerstreut. „Moment, Elizabeth.“ Irritiert sah er Ronon an, der den letzten Rest der Benommenheit abgeschüttelt hatte und Rodney jetzt ungeduldig in Richtung Transporter schob. „Was?“

„Hinter ihm her, McKay. Du kannst laufen und gleichzeitig reden. Tust du immer.“

„Oh, haha.“

Während sie die Gänge entlanghasteten, erklärte Rodney Elizabeth so kurz und sachlich wie möglich, was geschehen war und was Ronon und er vermuteten. Elizabeth lauschte, ohne ihn zu unterbrechen und sagte dann: „Ich habe gerade Nachricht von Major Lorne erhalten. Sie haben den Colonel. Oder zumindest jemanden, der wie er aussieht.“ In ihrer Stimme vibrierte ein Hauch Nervosität. „Auch Lorne ist aufgefallen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Außerdem geht es ihm sehr schlecht. Carson weiß Bescheid und ist mit einem Notfall-Team auf dem Weg in den Hangar. Ich komme ebenfalls.“

„Verstanden“, bestätigte Rodney.

„Noch etwas Rätselhaftes. Wir konnten kein Signal von Sheppards Transmitter empfangen.“

„Was?“ Perplex blieb Rodney stehen. „Das … das ist unmöglich.“

„Deshalb ja auch ‚rätselhaft'“, erwiderte Elizabeth trocken. „Weir, Ende.“


***



Als Rodney und Ronon im Hangar eintrafen, war Nicht-Sheppard bereits entwaffnet und stand mit erhobenen Händen da, umstellt von Major Lorne und zwei Marines.

Der Major fühlte sich sichtlich unwohl, seinen vorgesetzten Offizier mit einer Waffe in Schach zu halten. Wobei – viel in Schach zu halten war da nicht, denn Sheppard wirkte so, als würde er jeden Moment vornüber kippen. Seine Gesichtsfarbe hatte immer noch diesen ungesunden Grauton, das Haar klebte schweißfeucht an seinem Kopf und seine Augen zuckten unruhig zwischen den auf ihn gerichteten Waffen und dem Jumper hin und her. Wie ein in die Enge getriebenes Tier.

„Ihr müsst mich sofort gehen lassen. Ich muss zurück“, sagte er tonlos.

„Tut mir leid, Sir.“ Lorne klang respektvoll, aber bestimmt. „Dr. Weirs Anweisungen waren klar, sie wird jeden Moment hier eintreffen und …“

„Zurück wohin? Und warum?“, mischte Rodney sich ohne weitere Vorrede ein, drängte sich zwischen Lorne und Marine Nummer eins. Ronon bezog neben ihm Stellung, seine Waffe ebenfalls auf Sheppard gerichtet.

Der schnappte plötzlich nach Luft, schwankte, presste die Unterarme gegen den Magen und verdrehte mit einem Stöhnen die Augen. Ronon reagierte am schnellsten: Er hielt den Mann fest, als er zusammenbrach, und ließ ihn sachte zu Boden gleiten.

„Was … was ist mit ihm?“ Rodney ging neben ihm in die Hocke und beugte sich nervös über Sheppards Körper, der nach ein paar flachen, schnellen Atemzügen plötzlich erschlaffte, wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte.

Ronon tastete nach Sheppards Puls. „Bewusstlos.“

Eilige Schritte und Carsons Stimme erklangen hinter Rodney. „Lassen Sie mich durch!“

Der Arzt drängte sich an den Männern vorbei, scheuchte Rodney zur Seite, kniete sich neben den Bewusstlosen und fühlte seinen Puls. Dann warf er Lorne einen scharfen Blick zu und deutete mit dem Kopf auf die Neun Millimeter. „Stecken Sie das weg, Major und lassen Sie mir etwas Platz zum Arbeiten. Er ist zu schwach, um aufzuspringen und jemandem etwas anzutun.“

„In Ordnung, Doc.“ Auf Lornes Befehl hin zogen sich seine Männer ein paar Schritte zurück.

„Das ist nicht Sheppard, Doktor“, sagte Ronon ruhig und stand auf, eine Hand nach wie vor an seiner Waffe.

„Ich habe mitgehört“, erwiderte Carson knapp.

Sheppard murmelte etwas Unverständliches und seine Augenlider flatterten.

„Carson, was hat er?“, fragte Rodney angespannt und sah dem Arzt über die Schulter. „Vor einer halben Stunde war er noch völlig in Ordnung.“ Überaus in Ordnung, sogar. Er zwang sich dazu, nicht an das zu denken, was sie zu diesem Zeitpunkt getan hatten. Geschweige denn, mit wem er es getan hatte.

„Eine kurze Ohnmacht, aber er kommt schon wieder zu sich“, erklärte Carson und drängte Rodney mit einer Armbewegung zur Seite. „Bitte, Rodney.“

Hastig machte Rodney Platz.

„Sein Puls ist viel zu schnell und zu flach, er steht anscheinend kurz vor einem Kreislaufkollaps, warum weiß ich noch nicht. Er muss sofort auf die Krankenstation“, verkündete der Arzt.

Sheppard hob den Kopf, versuchte sich aufzusetzen, sank stöhnend wieder in sich zusammen und rollte sich auf die Seite, Beine an den Bauch gezogen, Arme gegen den Unterleib gedrückt. Er zitterte, wimmerte leise und schien starke Schmerzen zu haben.

Rodney presste die Lippen zusammen, ging unruhig auf und ab – er konnte einfach nicht still stehen – bemüht, nicht im Weg, aber doch da zu sein. Anderes Bewusstsein oder nicht – das war Sheppard, der da litt. Rodney ballte die Hände zu Fäusten und lockerte sie wieder. Er hasste diese Hilflosigkeit. Rasch sah er zu Ronon hinüber, der ein paar Schritte entfernt neben Lorne und seinen Leuten stand, die Arme verschränkt, den Blick unverwandt auf Sheppard gerichtet.

Carson winkte sein Team heran, das bereits mit einer Bahre wartete. Sanft legte er Sheppard eine Hand auf die Schulter und murmelte beruhigend „Alles in Ordnung“ als der unter der leichten Berührung zusammenzuckte. „Wir bringen Sie jetzt auf die Krankenstation und …“

„Nein!“ Sheppards Hand schoss nach oben und krallte sich in Carsons Ärmel. Sofort ruckten vier Waffen hoch, aber Sheppard ignorierte es, ließ den Arzt nicht los, sondern flüsterte: „Ich muss sofort zurück. Nach … Losuna. In das Rikario. Ich muss …“

„Moment, Moment - wohin?“ Rodney bedachte ihn mit einem verständnislosen Blick.

„In den …“, der Fremde, der Sheppards Gesicht trug, zögerte kurz, „den Säulenraum.“

„Sie können uns das alles später erzählen“, erwiderte Carson beschwichtigend. „Sie sind krank. Ich werde Sie untersuchen und dann …“

„Nein!“, unterbrach Sheppard ihn mit erstaunlicher Vehemenz. „Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss jetzt zurück. Nicht … nicht auf die Krankenstation.“ Er holte keuchend Atem. „Zeitverschwendung. Dieser Körper … dieser Körper ist nicht wichtig.“

„Was soll das heißen?“, fragte Rodney mit scharfer Stimme. „Hör zu, wer immer du auch bist, das ist Sheppards Körper und er will ihn sicherlich gerne völlig intakt wieder haben.“

Der Mann am Boden schien ihn nicht gehört zu haben. Er blickte mit geröteten Augen zu Carson. „Dieser Körper stirbt sowieso, Dr. Beckett. Und niemand kann das aufhalten.“

„Blödsinn!“, fauchte Rodney und wandte sich Carson zu, in Erwartung, den Arzt beruhigend den Kopf schütteln zu sehen. Doch Beckett wirkte ratlos und die eindeutig falsche Zuversicht, mit der er verkündete „nein, niemand stirbt hier“ war wie ein eiskalter Griff um Rodneys Herz.

„Sheppard …“, stieß Nicht-Sheppard hervor, „er ist … er ist noch dort. Er stirbt auch, wenn wir uns nicht beeilen.“

„Du meinst … sein … sein Bewusstsein?“ Rodney hatte plötzlich das verstörende und absolut lächerliche Bild einer Glaskugel vor Augen, in der ein Licht pulsierte. Sheppards gefangenes Bewusstsein auf der Suche nach einem Körper. Wie in dieser Star-Trek Folge.

„Nein. Nein, nicht sein Bewusstsein. Er, John Sheppard. Ich bin nicht …“, wisperte Nicht-Sheppard erschöpft. „Ich bin nicht Sheppard. Das ist nicht sein Körper. Das hier ist nur …“ Seine Lider flatterten. „Das ist nicht sein Körper“, wiederholte er mit schwacher Stimme.

Rodney sog scharf die Luft ein, als plötzlich auch der letzte Teil des verfluchten Puzzles Sinn ergab und sich ihm ein vollständiges, aber beunruhigendes Bild präsentierte. „Großer Gott, natürlich!“

„Was?“, erklang Ronons tiefe Stimme.

Die beiden Marines wechselten einen verständnislosen Blick, während Lorne fragend die Stirn runzelte. „McKay?“

„Verdammt noch mal“, murmelte Carson und starrte Rodney an. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war ihm eben dieselbe Erkenntnis gekommen. „Das erklärt die fehlenden Narben und seinen momentanen Zustand.“

„Und den nicht vorhandenen Transmitter.“ Anklagend deutete Rodney auf Carson. „Du hast gesagt, dass du ihn gründlich untersucht hast und …“

„Habe ich auch, Rodney.“

„Rodney, Carson, was ist los?“ Elizabeth war unbemerkt zu ihnen getreten und musterte sie mit einer steilen Falte zwischen ihren Augenbrauen.

Carson atmete tief durch: „Er ist ein Klon, Elizabeth. Sheppards Klon.“


***



Das Schweigen nach dieser Eröffnung war fast greifbar.

Lorne wechselte einen grimmigen Blick mit seinen Leuten. Ronon sah finster auf den am Boden liegenden Mann hinab.

„Das ist … unerwartet“, sagte Elizabeth schließlich und holte tief Atem. „Carson, ich dachte, Sie hätten diese Möglichkeit ausgeschlossen?“

„Ja. Er ist wohl auf eine Weise geklont, die nicht die üblichen Spuren in der DNS hinterlässt, daher habe ich auch bei den Untersuchungen nichts festgestellt.“

„Und Sheppard – der echte - ist nach wie vor auf dem Planeten?“ Fragend wandte Elizabeth sich an den Klon.

„Ja, er ist im Rikario. Wir müssen uns beeilen, müssen ihn holen.“ Klon-Sheppard rang nach Atem. „Dieses Mal hat nichts funktioniert. Wenn die Kapsel in der er liegt, auch von der Fehlfunktion betroffen ist, wird er womöglich sterben. Ich muss …“

Rodney fiel ihm ins Wort. „Wo genau ist Sheppard? Wie finden wir ihn? Warum haben wir ihn nicht schon längst gefunden, als …?“

Der Klon gab ein unterdrücktes Wimmern von sich, sank erneut in sich zusammen und blieb bewegungslos liegen.

„Verflucht“, stieß Rodney hervor und ballte die Hände zu Fäusten. „Carson, tu was!“

„Ich bin dabei, Rodney.“ Mit zusammengepressten Lippen tastete Beckett nach dem Puls des Klons und sagte dann zu niemand Bestimmtem: „Er hat Recht, er wird sterben. Sein Kreislauf versagt, dann seine Organe. Auch wenn ich nicht weiß, wie das Kloning in seinem Fall vorgenommen wurde – diese Symptome sind typisch für einen sterbenden Klon und sein Zustand verschlechtert sich rapide.“

Rasch zog er eine Ampulle und eine Spritze aus seiner Notfalltasche. „Ich gebe ihm etwas zur Kreislaufstärkung, damit er bei Bewusstsein bleibt. Es hilft nicht gegen die Schmerzattacken und die Krämpfe, ganz im Gegenteil, aber wir haben wohl keine andere Wahl.“ Carson schüttelte leicht den Kopf und ihm war anzusehen, dass es ihm nicht behagte, die Schmerzen eines Patienten noch zu verstärken.

Rodney nickte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ja, wir haben dort alles untersucht. Alles, Carson. Keine Spur von irgendeiner Kapsel oder von Sheppard. Wenn diese verrückte Geschichte wahr ist – und das ist sie wohl – dann brauchen wir ihn …“, er deutete auf den Klon, “um Sheppard zu finden.“

Carson verpasst dem Klon die Aufbauspritze und schon nach ein paar Minuten öffnete er langsam die Augen und versuchte, sich aufzurichten. Carson legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Immer mit der Ruhe. Wie fühlen Sie sich?“

„Besser“, hauchte er.

„Wo ist Sheppard?“, fragte diesmal Ronon, kam näher und betrachtete den Mann am Boden aus schmalen Augen.

Der schüttelte nur müde den Kopf. „Ihr könnt ihn nicht finden, das ist unmöglich. Nur ich kann … muss … muss dort etwas aktivieren. Ihr braucht mich.“ Er ließ seinen flehenden Blick von Rodney zu Elizabeth wandern. „Bitte! Ich erkläre alles unterwegs, aber lassen Sie mich jetzt zurückfliegen. Ich wollte … wir wollten niemanden verletzen und wenn John Sheppard stirbt …“

„Ich komme mit“, sagte Carson sofort. „Der Colonel wird einen Arzt brauchen, nehme ich an.“ Er wandte sich an den Klon. „Er ist in einer Kapsel? Ähnlich wie unsere Stasis-Kammern?“

„Ja.“

„Das heißt, wenn sie nicht funktioniert, könnte er dehydriert sein.“ Carson rieb sich die Augen. „Oder bereits tot, wenn die Sauerstoffzufuhr unterbrochen …“

„Jajaja“, winkte Rodney ungeduldig ab. Was standen sie hier rum und diskutierten, anstatt bereits im Jumper zu sitzen? „Wir müssen vor allem jetzt losfliegen!“

„Einen Moment.“ Elizabeth hob die Hand. „Woher wissen wir, dass Sie die Wahrheit sagen?“ Sie blickte den Klon scharf an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie uns tagelang getäuscht. Woher wissen wir, dass das keine Falle ist?“

Der Klon richtete einen bittenden Blick auf Elizabeth. „Ich habe Sie nicht absichtlich getäuscht. Ich dachte, ich wäre Sheppard. Bis … bis vorhin. In diesem Körper befindet sich mein …“ Er runzelte die Stirn. „Mein Programm und eine Kopie von John Sheppards Bewusstsein und … noch etwas.“ Er blinzelte hastig. „Es ist unfassbar, was diesmal schief gelaufen ist.“

Rodney hörte ein überraschtes Schnauben neben sich. Einer der Soldaten - Kimp? Kempski? - der, was Alter und Aussehen anging, ein Sohn Sheppards sein könnte, sah mehr als ungläubig drein.

Willkommen in der Pegasus-Galaxie dachte Rodney grimmig.

Laut sagte er: „Ich glaube ihm. Elizabeth – bitte.“ Sein Blick streifte den Klon, der sich mit Hilfe der beiden Marines aus Lornes Team langsam aufrichtete und schwankend auf die Füße kam, dann sah er wieder Elizabeth an. Eindringlich fuhr er fort: „Er sieht nicht so aus, als hätte er noch viel Zeit. Wir müssen sofort los.“

Großer Gott, wenn das so weiter ging, würde er sich noch mit dem Stunner den Weg zum Jumper freischießen.

Ronon nickte. „McKay hat Recht.“ Er deutete auf besagten Stunner, den Soldat Nummer zwei an sich genommen hatte. „Den hat der Klon aus der Waffenkammer geholt. Keine P-90. Er lockt uns nicht in die Falle.“

„In Ordnung.“ Elizabeth presste die Lippen zusammen und wies Lorne an: „Sie fliegen den Jumper, Major und nehmen Sergeant Waller und Lieutenant Kemp mit.“ Sie wandte sich an Ronon und Rodney. „Sie beide wollen auch dabei sein, nehme ich an. Carson?“

Beckett beendete gerade ein Gespräch über Funk und bestätigte dann: „Ich bin gleich soweit. Dr. Biro ist schon hierher unterwegs, um mir die nötige Ausrüstung zu bringen.“

„Gut.“ Elizabeth nickte und sagte zu Lorne. „Sie können los, sobald Dr. Beckett bereit ist.“ Mit fester Stimme wandte sie sich an alle: „Viel Glück, Gentlemen. Holen Sie den Colonel nach Hause.“

***


Der Jumper schoss durch das Orbitalgate über M48-D52 und raste auf den Planeten zu, als gälte es einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Rodney dankte Zelenka im Stillen für exzellent gewartete Trägheitsdämpfer. Kemp auf dem Co-Pilotensitz wirkte allerdings völlig unbeeindruckt. Offenbar war das Lornes üblicher Flugstil. Auch der bullige Sergeant Waller, der sich mit Rodney, Ronon, Carson und Klon-Sheppard im hinteren Abteil drängte, schien derartige Manöver gewohnt zu sein.

Nun gut, Geschwindigkeit zählte jetzt schließlich.

Rodney fixierte den Klon und kam direkt zur Sache. „Also, wer – oder was – genau bist du? Und warum, um Himmels willen wurde Sheppard in Stasis gesteckt, während du an seiner Stelle tagelang ‚Sheppard für Arme’ gibst und uns alle mit deiner bestenfalls zweitklassigen Vorstellung unterhältst?“

Klon-Sheppard saß ihm gegenüber, zwischen Carson und Waller, und lauschte den Fragen mit aufmerksam schräg gelegtem Kopf. Rodneys Sarkasmus prallte völlig an ihm ab, etwas, das er mit dem echten Sheppard gemein hatte, nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese Sheppard-Kopie vor ihm anscheinend nicht einmal begriff, dass Rodney sarkastisch war.

„Ich habe keinen Namen“, sagte er schließlich ruhig. „Ich bin ein Programm. John Sheppard ist in Stasis, weil das der einfachste, bequemste und sicherste Aufenthaltsort für das Original ist, während der Muatii, der ... Klon, seine Aufgabe erfüllt. Diese Aufgabe besteht darin, neue Erfahrungen und neue Erinnerungen zu sammeln.“

Rodney rollte die Augen und warf dem – was? Muatii? - einen irritierten Blick zu. Jetzt, da er fast schon zurück im Säulenraum war und sich nach dem Zeug, das Carson ihm gespritzt hatte offensichtlich besser fühlte, klang er nicht mehr verzweifelt, sondern eher wie der Audio-Guide des Toronto Aerospace Museums.

„Warum?“, fragte Ronon und beugte sich etwas vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Er schien den Klon mit Blicken durchbohren zu wollen.

„Ich werde von vorne beginnen“, erklärte Nicht-Sheppard mit einem verbindlichen Lächeln. „Meine Schöpfer, die Tenari, wurden schon vor langer Zeit von den Wraith ausgelöscht. Sie lebten auf diesem Wüstenplaneten, den wir besucht hatten – Dune?“ Er legte den Kopf etwas schief, hob die Augenbrauen, grinste amüsiert und war für einen Augenblick so sehr Sheppard, dass Rodney der Atem stockte und er bissig erwiderte: „Ich würde sagen, wir sparen uns die lange und tragische Geschichte deines Volkes und kommen zum Wesentlichen, hm?“

„Ich glaube, er war dabei uns genau das zu erzählen, Rodney“, sagte Carson beschwichtigend.

„Jaja, also, weiter.“

„Den Tenari war bewusst, dass es auf Dauer kein Entkommen von den Wraith geben würde. Sie errichteten auf Losuna …“, Sheppards Muatii deutete zur Frontscheibe, hinter der M48 –D52 zu sehen war, “eine Einrichtung, um Erinnerungen und Erfahrungen zu sammeln, ein riesiges Archiv, in der Hoffnung, dass spätere Generationen, wenn die Wraith nicht mehr sind, daraus Nutzen ziehen können und so ein Teil ihrer Kultur und auch der anderer Völker bewahrt bleibt.“

„Der Säulenraum.“

„Genau, Dr. McKay“, erwiderte der Klon und deutete bestätigend auf Rodney – die Diskrepanz zwischen vertrauter Geste und der distanzierten Anrede so frappierend, dass es Rodney für einen Augenblick die Kehle zuschnürte.

„Colonel Sheppard wurde also von dem Strahl direkt in die Stasis-Kammer transportiert und gleichzeitig geklont?“, wollte Carson wissen.

„Korrekt. Der Klon erwacht dann, mit den Erinnerungen und der Persönlichkeit des Originals und meinem Programm. Mein Programm ist so konzipiert, dass es dominant ist, ich bin mir immer sofort bewusst, was ich bin.“

Rodney rieb sich erschöpft die Augen. „Dieses Mal offensichtlich nicht.“

„Nein. Diesmal ist mein Programm erst nach drei Tagen vollständig aktiviert worden und …“ Der Klon unterbrach sich und schien in sich hinein zu lauschen. Langsam, fast ungläubig fügte er hinzu: „Ich habe keine Ahnung, wie es zu diesen Fehlfunktionen kommen konnte.“

„Fehlfunktion-en, wie in ‚Plural’?“, hakte Rodney nach.

„Ja“, erwiderte der Muatii nach einem Augenblick. Er klang zutiefst erstaunt. „Ja. Ich verstehe nicht warum, aber … da ist noch eine Erinnerung in mir. Eine weitere Person, ein Musiker von Tenari.“

Er wurde blass und rieb sich mit bebender Hand die Stirn. „Die letzten drei Tage … Es war … verwirrend und …“ Plötzlich grinste er schief, sah Rodney direkt in die Augen und meinte: „Hey, so muss es sich anfühlen, wenn man durchdreht. Ich … nein, der andere in meinem Kopf, hatte eine Frau, Rodney, das war ... wirklich verrückt.“

„Ja“, erwiderte Rodney mit flacher Stimme, blinzelte und sah zu Boden, weg, nur weg von Sheppards Blick. Er spürte für einen Augenblick die Wärme von Ronons Schulter gegen seine und seltsamerweise linderte das etwas den Druck in seiner Brust. Er wünschte plötzlich, Teyla wäre auch hier.

Ein Schrei ließ ihn ruckartig den Kopf heben. Sheppard – der Klon – krümmte sich, presste die Unterarme gegen den Magen und wäre fast von der Bank gerutscht. Geistesgegenwärtig hielt Sergeant Waller ihn fest und half ihm, sich hinzulegen. Das schmerzerfüllte Keuchen war unerträglich laut im Jumper und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Anfall vorbei war und Sheppard erschöpft, schweißnass und schwer atmend dalag.

Rodney fühlte sich ausgelaugt, als wäre er es, der die Schmerzen hatte, nicht Shepp… der Klon.

„Es tut mir leid“, sagte Carson leise und drückte den Arm seines Patienten. „Die einzigen Schmerzmittel, die jetzt noch eine Wirkung hätten, würden Sie betäuben und ich weiß nicht, ob ...“

„Nein“, sagte der Klon mit erstaunlich fester Stimme und setze sich mit Carsons und Sergeant Wallers Hilfe wieder auf. „Ich muss bei Bewusstsein bleiben.“

„Sie sollten sich wenigstens etwas ausruhen, Ihre Kräfte sparen“, sagte Carson.

Der Klon schüttelte den Kopf, lehnte sich erschöpft zurück und schloss für einen Moment die Augen. „Ich darf nicht einschlafen. Und Sie haben Fragen. Also fragen Sie.“

Rodney massierte sich mit den Fingern die pochenden Schläfen. Er hatte natürlich tausende Fragen, was die Technik auf M48 –D52 anging. Aber diejenige, die ihn am Meisten interessierte, konnte ihm der Muatii auch nicht beantworten. Lebte Sheppard noch?

„Was sollen wir tun, wenn du … wenn du …“ Seine Hand wedelte vor dem Klon hin und her. „Wenn du es nicht schaffst. Wie finden wir Sheppard?“

Der Muatii fixierte Rodney. „Ich muss es schaffen.“

„Jajaja, ich weiß, aber - es gibt doch sicher eine Möglichkeit, um das Original auch ohne dich zu finden. Knöpfe, dir wir drücken können, eine Symbolkombination auf der Säule, ein Code, den wir irgendwo eingeben müssen - irgendetwas?“

„Ich muss es schaffen“, wiederholte der Klon und nun war es keine Sheppard-Sturheit in seiner Stimme mehr, sondern die Unfähigkeit eines Programms Alternativen in Erwägung zu ziehen, für die es nicht programmiert war. Selbst wenn es Alternativen gab, kannte der Muatii sie offenbar nicht. Oder nicht mehr. Möglicherweise war das Programm im Laufe der Jahrtausende so weit degeneriert, dass wichtige Teile unwiederbringlich verloren waren.

„Ja. Ich … ich verstehe“, erwiderte Rodney tonlos und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Großer Gott, hoffentlich hielt diese Kopie hier durch, bis sie Sheppard hatten.

Ronon stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite. „Hey, wir sind gleich da.“ Mit dem Kopf wies er zum Cockpit des Jumpers, wo durch die große Frontscheibe schon das Plateau zu erkennen war, das sie auch bei den letzten Flügen als Landeplatz gewählt hatten.

Rodney nickte. „Gut. Das ist gut.“

Der Klon hatte die Augen erneut geschlossen und lehnte sich schwer gegen Waller.

„Warum Kloning?“, erkundigte Carson sich, sicherlich weil ihn diese Frage brennend interessierte, aber auch um den Klon wach zu halten. „Das ist hoch kompliziert und ich frage mich, wie ihr es schafft, einen Klon in so kurzer Zeit nicht nur zu erschaffen, sondern auch mit der Persönlichkeit des Originals auszustatten. Gibt es keine einfachere Methode die Erinnerungen in euer Archiv einzuspeisen?“

Der Klon atmete ein paar Mal tief durch und murmelte, ohne die Augen zu öffnen: „Es sind mehr als nur Erinnerungen. Ich steuere den Muatii, um ihn dazu zu bringen Dinge zu tun, die für ihn ungewöhnlich und neu sind. Ich kann dadurch Erfahrungen sammeln, die uns sonst verwehrt blieben, zu riskant wären.“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Unsere Genetiker beschäftigen sich schon sehr lange mit Kloning. Die Methode, die sie entwickelt haben, ist nicht besonders kompliziert. Zuerst hatten wir versucht andere Wege zu gehen, Erinnerungen direkt zu übertragen, aber es kam zu Fehlschlägen, Verlusten.“

„Gibt es Aufzeichnungen, Material darüber? Wir könnten so viel von euch lernen“, fragte Carson eifrig.

Natürlich, Carson im siebten Genetiker – Himmel.

„Tut mir leid, Dr. Beckett. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wie das Rikario funktioniert, Technik und Wissenschaft dahinter sind mir nicht vertraut. Ich kann lediglich die Grundfunktionen aktivieren und deaktivieren.“

Sichtlich enttäuscht nickte Carson.

Sekunden später landete der Jumper.

Teil 7

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