sinaidas_fancorner: (Atlantis)
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Teil 2

Teil 3

„Eine Gateadresse?“, wiederholte McKay ungläubig und schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Wenn es eine Gateadresse wäre, hätten wir sie sofort als solche erkannt.“

„Ich bin mir sicher.“ John fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sein Blick hing noch wie gebannt an der Inschrift. Die Bedeutung war so klar und doch … Er runzelte die Stirn. „Schnell! Ich brauche was zum Schreiben.“

Rodney reagierte sofort, schnappte seinen Tablet-PC, der bei der restlichen Ausrüstung lag, und drückte ihn John in die Hand. „Hör zu, mal abgesehen davon, dass Gatesymbole hier in Pegasus keine Ähnlichkeit mit der Antiker-Schrift, sondern eher mit Sternkonstellationen haben, sind sie auch überall in der Galaxie einheitlich. Nur so ist es allen Völkern überhaupt möglich, die Stargates zu benutzen.“

„Ich weiß, Rodney“, murmelte John, während er hastig begann, die Gatesymbole auf den PC zu kritzeln. Er musste sich jetzt deutlich stärker konzentrieren als noch vor wenigen Sekunden. Das Wissen um die Bedeutung der Symbole schien ihm nach und nach zu entgleiten, wie feiner Sand, der durch seine Finger rann.

„Das heißt, es könnte natürlich sein …“, begann McKay grüblerisch.

„Die Beschriftung der DHDs ist einheitlich“, warf Zelenka ein. „Aber es ist denkbar, dass …“

„Ein Volk die Symbole in seiner eigenen Schrift ausdrückt“, beendete McKay den Satz.

Das Pochen in Johns Kopf wurde stärker und seine Hand, die den Stift hielt, bebte leicht. Er kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich ganz auf die Symbole, bemüht, das Gespräch der Wissenschaftler, die ihm neugierig über die Schulter sahen, zu ignorieren.

„Ja“, bestätigte Martins. „Das würde sogar eine Menge Sinn ergeben. Schrift und Sprache sind ständigen Veränderungen unterworfen und es kann sein, dass ein Volk zwar nach wie vor die ursprünglichen Symbole, die von den Antikern stammen, versteht, sie aber im Laufe der Jahrtausende beginnt, anders darzustellen. Wenn der Colonel wirklich …“

„Das war's“, fiel John ihr ins Wort und ließ den angehaltenen Atem entweichen. Er fühlte sich plötzlich ausgelaugt und sein Kopf schwamm. Unsicher trat er einen Schritt zur Seite und wäre fast gegen Rodney getaumelt, fing sich aber gerade noch. Ein rascher Blick auf die Wissenschaftler verriet ihm, dass sie nichts bemerkt hatten. Ihre Augen klebten auf dem Tablet-PC.

„Tenari?“, murmelte Martins fragend. „Der Name des Planeten, zu dem die Adresse führt?“

„Möglich.“ John zuckte mit den Schultern. Er hatte wirklich keine Ahnung. „Ich habe nur aufgeschrieben, was ich entziffern konnte.“

„Bemerkenswert“, flüsterte die Linguistin andächtig und warf John einen anerkennenden Blick zu.

„Colonel hat Teil des Rätsel gelöst, ja?“, lächelte Zelenka.

„Jajaja, wobei es nach wie vor fraglich ist, ob es sich nicht nur um eine Fantasie-Adresse handelt“, bemerkte McKay wegwerfend.

„Danke, McKay“, konterte John ironisch.

Rodney ging nicht auf seinen leichten Ton ein, sondern entgegnete mit einem Hauch Schärfe in der Stimme: „Hör zu, was hältst du für wahrscheinlicher? Und, nebenbei bemerkt, für besser angesichts der Tatsache, dass du der militärische Leiter dieser Expedition und für unsere Sicherheit verantwortlich bist?“ Er verschränkte die Arme und fixierte John. „Dass du plötzlich nach dem Kontakt mit einem außerirdischen Licht in der Lage bist geheimnisvolle Schriften zu entziffern oder dass du eine zufällige Ähnlichkeit zu Gatesymbolen entdeckt zu haben glaubst – die uns allen, warum auch immer, entgangen ist – und diese Adresse daher sonst wohin führt, nur nicht zu einem funktionierenden Gate, hm?“

„McKay“, warnte John leise und machte eine viel sagende Kopfbewegung in Richtung der beiden anderen Wissenschaftler.

„Was?“, entgegnete Rodney irritiert und folgte schließlich Johns Blick. Martins schien völlig in die Inschrift und Johns Entschlüsselung vertieft und Radek war inzwischen mit dem Zusammenpacken ihrer Ausrüstung beschäftigt, aber durchaus in Hörweite. Es war nicht nötig die beiden durch derartige Andeutungen zu beunruhigen.

Augen rollend griff Rodney nach Johns Arm, zog ihn ein paar Schritte zur Seite und fuhr nahtlos fort: „Ich persönlich fände Option Nummer zwei nämlich wesentlich beruhigender.“

„Ich weiß.“ John fuhr sich rasch mit der Zunge über die Lippen. Sein Blick flog unwillkürlich zu McKays Fingern, die immer noch sein Handgelenk umspannten, warm, angenehm.

Rodney ließ ihn sofort los, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. „Also?“, forderte er etwas zu laut, zu heftig und zu ärgerlich.

John ignorierte die Reaktion für den Moment. Jetzt gab es Wichtigeres, als McKays Körpersprache zu analysieren. „Ich weiß auch, wie sich das anhört, aber … Es ist eine echte Gateadresse, ich bin mir ganz sicher. Ich kenne die Bedeutung der Symbole.“ Er atmete tief durch. „Besser gesagt, ich kannte sie. Bis vor ein paar Sekunden noch.“

„Und jetzt?“

„Nichts“, entgegnete er mit einem Schulterzucken. „Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich da drauf gekommen bin.“

Rodney rieb sich kurz die Stirn und sah John dann fast anklagend an. „Weiß du, es sollte dich verdammt noch mal wenigstens ein bisschen nervös machen, dass dieser Strahl offensichtlich irgendetwas in dein Gehirn eingepflanzt hat, das vorher nicht da war. Von den verschwundenen Narben mal ganz abgesehen.“

Rodney hatte Recht, absolut. Es sollte ihn nervös machen. Aber er wusste, dass er keinen Grund hatte, beunruhigt zu sein. Er wusste es mit derselben Sicherheit, mit der er eben noch die Bedeutung der Symbole erkannt hatte. Aber das konnte er McKay auf gar keinen Fall sagen.

Er versuchte es mit einem Scherz. „Entspann dich, McKay. Ich spüre bisher nicht den Drang dich, oder jemand anderen umzubringen.“ Neckend fügte er hinzu: „Und – was auch immer dieser Strahl mit mir gemacht hat – es scheint nicht ansteckend zu sein. Also, dein Hirn ist nicht in unmittelbarer Gefahr.“

Mit zusammengepressten Lippen starrte McKay ihn an. „Das ist nicht was …“ Seine Augen irrten kurz ab, trafen dann wieder Johns, ungewohnt ausdruckslos für Rodney. „Gut zu wissen“, konterte er kühl.

John runzelte die Stirn. Okay, irgendetwas lief hier falsch. „Komm schon, Rodney“, bemerkte er, bemüht durch einen leichten Tonfall gegen die plötzliche Missstimmung und fast greifbare Kälte zwischen ihnen anzugehen. „Nicht alles Neue und Unbekannte muss gleich gefährlich sein und dich in den Hintern beißen, sobald du dich umdrehst.“

„Oh, bitte!“

Dieser Gesichtsausdruck war John vertraut. Eine Variante von Rodneys „Alle-außer-mir-haben-offensichtlich-den-Verstand-verloren“-Blicks. Und was sagte es über ihn – John – aus, dass sich etwas in ihm unter der Schärfe dieses herablassenden Starrens tatsächlich entspannte? Heightmeyer würde sich alle zehn Finger lecken bei der Aussicht, das analysieren zu dürfen. Nicht, dass er ihr je Gelegenheit dazu geben würde.

„Das ist die Pegasus-Galaxie, Sheppard. Nenn mir ein Beispiel für eine potenzielle Bedrohung, die sich dann doch als harmlos entpuppt hat. Hm?“

„Chaya“, erwiderte John prompt.

„Chaya? Das ist das beste Beispiel, das dir einfällt?“ McKay sah ihn groß an.

„Du hast sie zuerst für das personifizierte Böse und für eine Bedrohung gehalten und dann hat sich herausgestellt, dass sie völlig harmlos ist. Eine Antikerin, sogar.“ John zuckte mit den Schultern. „Perfektes Beispiel.“

„Ah, Sekunde, Colonel.“ Belehrend hob Rodney einen Zeigefinger. „Ich hatte von Anfang an vermutet, dass sie nicht die ist, für die sie sich ausgibt. Nicht mehr und nicht weniger. Und – ich hatte absolut, absolut Recht.“

„Aber - sie gehört auch nicht zu den bösen Jungs, sondern …“

Ein Räuspern in seinem Rücken unterbrach ihn. „So“, erklärte Radek sehr laut. „Es gibt nur einen Weg herauszufinden, ob es eine tatsächlich existierende Adresse ist, die zu einem Planeten führt, der ähnliche Technologie aufweist wie dieses Gebäude hier.“ Er deutete auf die Metallkoffer mit ihren Messgeräten. „Alles gepackt, in Atlantis können wir auswerten. Wir sind fertig hier.“

„Ja, ganz fertig“, bestätigte Martins und blickte deutlich amüsiert von John zu Rodney, während sie auf ihrem Daumennagel kaute.

John schickte einen letzten irritierten Blick zu McKay, den der mit einem streitlustigen Recken des Kinnes beantwortete, und nickte Radek zu. „Gehen wir.“


***



Sie traten aus dem angenehm sanften Licht des unterirdischen Komplexes in den grellen Sonnenschein hinaus, der von endlos scheinenden Sanddünen reflektiert wurde. Rodney blinzelte angesichts der plötzlichen Helligkeit. Sheppard, der mit Dr. Martins ein paar Schritte vor ihm und Radek lief, zog seine Sonnenbrille aus der Hemdtasche und setzte sie auf. Eine der seltenen Gelegenheiten, in denen sie tatsächlich einen sinnvollen Zweck erfüllte und nicht nur dazu diente, den Colonel besonders schneidig aussehen zu lassen.

Rodney blieb kurz stehen, stellte den Koffer mit den Messgeräten für einen Augenblick ab, presste stöhnend eine Hand ins Kreuz und streckte sich. Zum Glück trug Sheppard einen seiner Laptops und es war auch nicht sehr weit bis zum Jumper. Trotzdem, in der Hitze und mit den Ausrüstungsgegenständen beladen, schien ihm der Weg dreimal so lang. Seufzend nahm er den Koffer in die andere Hand und murmelte: „Bandscheibenvorfall, ich komme.“

„Du solltest den auch nehmen, Rodney.“ Radek deutete auf den anderen, wesentlich leichteren Koffer, den er selbst trug. „Gleichmäßige Gewichtsverteilung ist besser für Rücken.“ Er schaffte es tatsächlich, diesen lächerlichen Vorschlag mit einem Ausdruck aufrichtiger Besorgnis vorzubringen. Rodney schoss ihm einen finsteren Blick zu. Radek hatte es faustdick hinter den Ohren und konnte ein Meister der subtilen Boshaftigkeit sein. Jedenfalls Rodney gegenüber. Sicher einer der Gründe, warum sie so gut zusammenarbeiteten.

„Oh, sind wir jetzt auch noch Arzt?“ Schnaufend setzte Rodney einen Schritt vor den anderen. „Wie wär’s, wenn du dann beide trägst, hm?“

Radek schob seine Brille zurecht. „Ich habe kein Problem mit Rücken und erwarte keinen Bandscheibenvorfall.“

„Fein!“ Aufgebracht warf Rodney die freie Hand in die Luft. „Ich hab’s verstanden. Jedem hier geht es gut, alle sind fit wie ein Turnschuh, wie schön für euch.“ Er funkelte Radek an. „Und nur, weil ich in der Lage bin, vorausschauend zu denken – und zwar durchaus auch, wenn es um das Wohl anderer geht - und es vorziehe, von potenziell tödlichen Ereignissen nicht überrannt zu werden, sondern mich lieber wappne für … Was?“

Radeks ungläubiges Schnauben ließ ihn innehalten.

„Weißt du Rodney, deine Gedankengänge sind … verstörend, manchmal.“ Er schüttelte mitleidig den Kopf. „Bandscheibenvorfall? Potenziell tödlich, ja?“

Rodney sah ihn einen Moment groß an, als ihm aufging, was er da eben gesagt hatte. Dann schüttelte er nur knapp den Kopf und murmelte: „Jaja, was auch immer.“

Zelenka musterte ihn, nachdenklich jetzt. Plötzlich spielte ein leichtes Lächeln um seine Lippen. „Ah, ich verstehe.“ Mit dem Kopf deutete er auf Sheppard. „Du redest über Colonel. Du bist besorgt um ihn, Rodney, ja?“

„Was? Ich? Nein, warum sollte ich? Laut Carson ist er schließlich ein Paradebeispiel für blühende Gesundheit.“ Hastig drehte er Radek den Rücken zu und stapfte weiter. „Und wenn sich Colonel Sorglos selbst keine Gedanken macht, habe ich ja wohl auch keinen Grund, meine Zeit damit zu verschwenden.“

„Sicher, wenn du es sagst.“ Radek klang keineswegs überzeugt, sondern eher mitfühlend-beschwichtigend.

Rodney verkniff sich jeden weiteren Kommentar und lief etwas schneller. Doch Radek hielt mit ihm Schritt und bemerkte nach einem Moment des Schweigens im Plauderton: „Was habe ich vorhin gehört? Chaya? Immer noch nicht drüber weg, ja, Rodney?“

„Was?“ Fast wäre Rodney über seine eigenen Füße gestolpert. Aus großen Augen sah er Radek an. „Das war ein simples Beispiel, für …“ Mit der freien Hand wedelte er nichts sagend durch die Luft. „Egal. Außerdem, der Colonel hat damit angefangen, nicht ich.“

„Sicher.“

„Und könntest du vielleicht noch etwas lauter sprechen?“, zischte Rodney mit einem raschen Blick zu Sheppard und Martins. Die beiden stapften unbeirrt ein paar Schritte vor ihnen durch den Sand und schienen sich angeregt zu unterhalten. Sehr angeregt sogar. Martins kicherte gerade über etwas, das der Colonel gesagt hatte, stolperte plötzlich und taumelte leicht gegen Sheppard, der sofort mit einer hilfreichen Hand an ihrem Ellbogen zur Stelle war. Das sicherlich schmachtende Lächeln, das sie ihrem Retter daraufhin schenkte, konnte Rodney nur erahnen. Er presste die Lippen zusammen. Wenn er gewusst hätte, dass Martins damit überfordert war, ein Gespräch zu führen und gleichzeitig ihre Füße anständig zu heben, hätte er sie nie für diese Außenmission vorgeschlagen. Nun gut, zumindest war nicht anzunehmen, dass Sheppard – derart abgelenkt - ihm und Radek zugehört hatte.

Mit verhaltener Stimme wandte er sich wieder an Zelenka: „Außerdem, was heißt, bitte ‚drüber weg’? Da ist nichts und war nie etwas, worüber ich ‚weg' sein müsste.“ Was, sofern es Chaya betraf, sogar halbwegs stimmte.

„Gut, dass du das inzwischen so sehen kannst. Fortschritte, Rodney, das ist wirklich gut.“ Radek nickte verständnisvoll.

„Oh bitte, zuerst medizinische Tipps und jetzt Psychoanalyse? Was kommt als Nächstes? Farbberatung?

Radek lächelte mitfühlend. „Ich versuche nur zu helfen.“

„Dann halt den Mund, damit hilfst du am meisten“, schnappte Rodney.

Radek presste die Lippen zusammen, warf ihm aus blitzenden Brillengläsern einen mörderischen Blick zu und ging etwas schneller. Rodney konnte an seinem Rückgrat erkennen, dass er beleidigt war.

Und – ja – er wusste selbst, dass es nicht fair war, seine Frustration über Sheppards Verhalten an Radek auszulassen. Verdrossen blieb Rodney erneut stehen, um den Koffer in die andere Hand zu nehmen. Vermutlich versuchte Radek tatsächlich nur zu helfen. Er war scharfsinnig, hatte eine gute Beobachtungsgabe, ahnte vermutlich, wie Rodney für Sheppard fühlte, und wusste sicher auch, wie hoffnungslos diese Gefühle waren.

Mit einer heftigen Bewegung kickte Rodney einen Stein aus dem Weg und stapfte weiter, hinter den anderen her. Radek hatte Martins und Sheppard bereits eingeholt. Über die Gesprächsfetzen hinweg hörte Rodney Sheppards unmelodiös bellendes Lachen und es stellte Dinge mit seinem inneren Gleichgewicht an, über die er nun wirklich nicht nachdenken wollte. Außerdem – wie zum Teufel konnte der Mann jetzt lachen?

Großer Gott, wäre er an Sheppards Stelle, er hätte panische Angst und wäre Dauergast bei Carson, bis der Arzt die Ursache für das gefunden hätte, was gerade mit ihm geschah. Die Retro-Virus-Katastrophe hatte schließlich auch zunächst mit Symptomen begonnen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt negativ gewesen waren. Hatte Sheppard das etwa vergessen?

Aber ihn daran zu erinnern würde nur zu einem weiteren Kommentar a la „Angst vor Bazillen, McKay?“ führen.

Bitterkeit stieg in Rodney auf.

Beim Jumper angelangt – endlich – verstaute Rodney mit Radeks Hilfe die Ausrüstung und nahm Sheppard dann kommentarlos, mit einer heftigen Bewegung, seinen Laptop ab, was der Colonel mit einem ironischen „gerne geschehen, McKay“ kommentierte.

Auf dem Rückflug versuchte Rodney vergeblich, nicht ständig forschend zu Sheppard hinüber zu blicken, der provokativ fröhlich vor sich hin summte. Das Summen allein war schon ungewöhnlich genug – Rodney konnte sich nicht erinnern, dass Sheppard das jemals zuvor getan hatte – aber noch eigenartiger war die Melodie. Eine komplizierte, fesselnde Weise mit raschen Tempi-Wechseln, die sicher nicht aus der Feder von Johnny Cash stammte.

Mit fest zusammengepressten Lippen starrte Rodney in die Schwärze des Alls hinaus.

***


„John.“ Elizabeth betrachtete ihn fragend über Chucks Konsole im Kontrollraum hinweg. „Ich verstehe immer noch nicht, warum Sie so sicher sein können, dass es sich bei diesen Zeichen um eine Gateadresse handelt.“

„Hm, dann sind wir schon zwei“, warf McKay ein, ohne vom Bildschirm seines Laptops aufzusehen.

„Drei“, erwiderte John und zog eine Grimasse. Hoffentlich würden die beiden das Thema jetzt endlich fallen lassen. Der Rückflug, die anschließende Untersuchung in der Krankenstation und die darauf folgende Besprechung waren schon unangenehm genug gewesen.

Rodney, der ihm im Jumper ständig stirnrunzelnde Seitenblicke zugeworfen hatte, hatte noch im Hangar mit dem Feingefühl und der Lautstärke eines Presslufthammers eine weitere Untersuchung für John gefordert. „Aber diesmal gründlich, bitte, denn offensichtlich ist der Colonel besessen.“

Dann Elizabeths besorgte Blicke und Dr. Martins forschende Fragen, die er nicht beantworten konnte. „Ein Code? Ein Muster? Irgendetwas, wodurch Sie die Symbolsequenz entschlüsseln konnten, Colonel?“

Er hatte keine Antworten und er war auch nicht besessen. Jedenfalls nicht, soweit Carson das feststellen konnte. Und er fühlte sich auch nicht so - soweit er das beurteilen konnte. Da waren nur von Zeit zu Zeit diese Momente, in denen er etwas desorientiert war, als würde ihm manchmal für Sekunden die Kontrolle über seine Gedanken und Gefühle entgleiten. Aber das beunruhigte ihn nicht wirklich. Außerdem erschien es ihm nicht wichtig genug, um es Carson, Rodney oder Elizabeth gegenüber zu erwähnen.

„Nun, dann versuchen wir unser Glück mit diesem Planeten. Vielleicht finden wir dort ein paar Antworten.“ Auffordernd nickte Elizabeth Chuck zu. John hielt den Atem an, als der Techniker die sieben Symbole wählte und das Stargate zum Leben erwachte. Langsam tauchte das MALP in den schimmernden Ereignishorizont ein und verschwand.

Sekunden später übertrug die Kamera die ersten Bilder. Es war Nacht auf dieser Planetenseite. Trotzdem waren die Bilder eindeutig. Eine Wüstenlandschaft - Sand, Geröll, ein paar Felsen und vereinzelte, vom Wind zerzauste, dürre Sträucher. Das MALP bewegte sich auf eine Anordnung von Felsbrocken zu, Ruinen und Trümmer, die Überreste einer einst blühenden Gesellschaft. Hier und da nahm die Wärmebildkamera huschende Bewegungen wahr – kleine, nachtaktive Tiere vermutlich.

„Nicht viel zu sehen“, bemerkte Rodney. „Diese Zivilisation wurde mit Sicherheit schon vor Hunderten von Jahren zerstört.“

„Wraith?“, fragte Elizabeth.

„Wer sonst?“, zischte John und ballte die Hände zu Fäusten. Er konnte sie förmlich sehen, die stolzen Bauten, die von der Intelligenz und dem Schönheitssinn ihrer Erbauer zeugten. Spielende Kinder auf den Straßen, Lachen und Leben - bis der Himmel sich verdunkelte und erneut eine Welt in Schmerz, Feuer und Rauch verging. Es wiederholte sich immer und immer wieder. Ein Planet nach dem anderen – ausgeweidet. John hatte den plötzlichen, irrationalen Wunsch etwas zu zerschlagen, fühlte heißen, ungezügelten Zorn in sich aufsteigen. Scharf sog er den Atem ein und grub in hilfloser Wut seine Fingernägel fest in die Handflächen, bis es schmerzte.

Elizabeth warf ihm einen raschen Blick zu, nickte mit zusammengepressten Lippen und richtete ihre Aufmerksamkeit dann wieder auf die Übertragung.

John blinzelte und entspannte sich wieder etwas, öffnete und schloss seine verkrampften Hände. Die Wut war genauso schnell verraucht, wie sie gekommen war. Was war nur mit ihm los, verdammt?“

Fragend wandte Elizabeth sich an Rodney: „Wann ist wieder Tageslicht auf dem Planeten?“

„Hm.“ McKay studierte die Datenübertragung des MALP. „In sechs Stunden dürfte es in der Zeitzone, in der sich das Stargate befindet, für ziemlich genau 14 Stunden hell sein.“

„In Ordnung“, erwiderte Elizabeth. „Auch wenn es dort außer Ruinen und Sand nicht viel zu geben scheint, ist diese Gateadresse doch bisher der einzige brauchbare Hinweis, auf die möglichen Erbauer der Einrichtung auf M48- D52. Wir werden uns das näher ansehen. Vielleicht finden wir dort identische Inschriften oder sogar ähnliche unterirdische Bauten.“

Sie wandte sich an Chuck: „Holen Sie das MALP zurück.“

„Ja, Dr. Weir.“

Zu John und Rodney sagte sie: „Ich gebe Major Lorne Bescheid, dass er sein Team dann bereithalten soll."

John wollte widersprechen, doch Rodney war schneller. „Lorne?“, fragte er ungläubig. „Ich meine, nichts gegen Lorne und sein Team, aber ist diese Mission nicht unsere Sache, Elizabeth?“ Er wedelte mit der Hand zwischen sich und John hin und her. „Immerhin waren wir es, die diese Einrichtung auf M48- D52 entdeckt haben.“

„Wenn ich die Einsätze nach der guten alten Kindergarten-Regel ‚Ich hatte es zuerst, also darf ich damit spielen' einteilen würde, hätten Sie sicherlich Recht, Rodney“, bemerkte Elizabeth ironisch aber keineswegs unfreundlich. „Aber danach geht es nun mal nicht. Gerade Ihr Team war in den letzten Wochen enormen Belastungen ausgesetzt und solange wir nicht sicher sind, was mit Colonel Sheppard passiert ist und welche weiteren Auswirkungen das hat …“

„Jajaja“, fiel Rodney ihr ungeduldig ins Wort. „Genau deswegen sollte er ja dabei sein. Ich meine, es geht nicht nur darum, ein paar Fotos zu machen. Da Sheppard neuerdings über besondere ‚Erkenntnisse’ verfügt …“ Sein Zeigefinger machte eine nicht sehr schmeichelhafte, kreisende Bewegung in Höhe seiner Schläfe. „Und falls es eine Verbindung von diesem Planeten zu den Erbauern der Einrichtung auf M48- D52 gibt, könnte er eine Hilfe sein, mehr darüber zu erfahren. Vielleicht entdeckt er etwas, das jedem anderen von uns entgehen würde.“

Elizabeths Augen wanderten kurz zu John, bevor sie sie auf ihre locker vor dem Körper verschränkten Finger senkte. Trotzdem hatte ihm der Moment genügt, um Zweifel und Besorgnis in ihren Augen zu erkennen.

Er seufzte innerlich, bemüht, sich so „normal“ wie möglich zu benehmen und deutete zustimmend auf Rodney. „McKay hat Recht. Das sollten wir übernehmen. Unser Team. Wenn ich die Gateadresse nicht entdeckt hätte, wären wir noch keinen Schritt weiter.“ Ironisch fügte er hinzu, während er Rodneys Geste nachahmte: „Besondere Erkenntnisse, ja?“

McKay reagierte nicht, sondern studierte wieder die Anzeige seines Laptops.

„Ja, ich verstehe und das Argument ist stichhaltig. Aber …“ Elizabeth sah John fest an. „So praktisch das auch sein mag, dass Sie diese Schrift entziffern konnten – ich würde mich wesentlich wohler fühlen, wenn wir wüssten, warum.“

„Ich mich auch“, bekräftigte John und legte das Maß an Beunruhigung in seine Stimme, das Elizabeth – jeder hier – angesichts der Situation von ihm zu erwarten schien. „Aber Dr. Beckett findet nichts, ich bin diensttauglich und dort …“, er deutete auf das Stargate, aus dessen Ereignishorizont gerade das MALP auftauchte, „dort finden wir womöglich ein paar Antworten.“

„Gut, also dann …“ Elizabeth nickte ihnen zu. „Können Sie in – sagen wir – zwölf Stunden bereit sein? Also morgen früh um sechs Uhr?“

„Absolut“, bestätigte John. „Ich sage Ronon und Teyla Bescheid. McKay?“

„Jaja, sechs Uhr“, sagte Rodney zu niemand Bestimmtem, ohne von seinem Laptop aufzusehen. Er fuhr das Gerät herunter und stöpselte es von der Konsole ab.

„Keine Angst mehr vor meiner ‚Besessenheit’, McKay?“, stichelte John, hauptsächlich um eine Reaktion zu provozieren, die über das Übermitteln von Daten und Fakten hinausging. Ein Augenrollen oder ein indigniertes Schnaufen vielleicht. „Ich könnte plötzlich durchdrehen und versuchen, dir bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen.“

„Nein. Ronon und Teyla werden das sicher verhindern. Außerdem, Colonel …“ Rodney wich Johns Blick aus. „Auch wenn es nicht in dein Bild von mir zu passen scheint - es ist nicht so, dass ich mir ausschließlich um meine eigene Haut Gedanken mache.“ Damit klemmte er sich den Laptop unter den Arm und verließ den Kontrollraum.

John biss sich auf die Lippe und wechselte einen raschen, erstaunten Blick mit Elizabeth. Chuck saß mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck über seine Konsole gebeugt, scheinbar völlig fasziniert von den blinkenden Anzeigen.

„Okay, ich sollte …“, begann John und deutete in die Richtung, in die Rodney verschwunden war.

„Ja“, bemerkte Elizabeth und hob amüsiert die Augenbrauen. „Schönen Abend noch, Colonel.“


***



John holte ihn vor dem Transporter ein. „Rodney, warte!“

„Colonel?“ McKay drehte sich zu ihm um, den Rücken zur geöffneten Transportertür, einen schwer zu bestimmenden Ausdruck in den Augen. Eine Mischung aus Erschöpfung, Verärgerung und Resignation.

John stemmte die Hände in die Hüften. „Was war das da eben?“, wollte er wissen und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Kontrollraums.

McKay rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. „Nichts. Ich bin nur …“ Er schüttelte kurz den Kopf. „Nicht wichtig.“

„Das sehe ich anders“, erwiderte John mit erzwungener Ruhe, bemüht, den Ärger aus seiner Stimme herauszuhalten. Jetzt war wirklich nicht der Moment für „Rate, was ich fühle“–Spielchen und er hatte weiß Gott Besseres zu tun, als Rodney die Würmer aus der Nase zu ziehen. Verstanden die Leute hier nicht, wie unsinnig es war, wertvolle Zeit damit zu vergeuden, Problemen aus dem Weg zu gehen, anstatt sie zu lösen? Ein Leben im Schatten der Wraith bedeutete, dass jede Minute kostbar war.

„Was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen? Das geht jetzt schon seit einiger Zeit so. Spuck's aus, McKay.“

Rodney reckte das Kinn, eine vertraute Geste, die aber diesmal eher defensiv als streitlustig wirkte. Er wich Johns Blick aus. „Wie ich schon sagte, Colonel. Es ist nicht wichtig.“

„Okay“, meinte John gedehnt. „Wenn du nicht reden willst - fein.“ Er zielte mit dem Zeigefinger auf McKays Brust. „Aber dann schluck's runter, was immer es auch ist und hör verdammt noch mal auf, dich so zu benehmen, als hätte ich deine Forschungsergebnisse geklaut und unter Kavanaghs Namen veröffentlicht.“

Das trug ihm zumindest ein entrüstetes Schnauben ein. „Als ob das jemand glauben würde …“

John verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, vermutlich nicht. Aber darum geht es jetzt auch nicht.“

Sie starrten sich einen Moment lang in die Augen bis Rodney die Schultern hängen und seinen Atem hörbar entweichen ließ.

„Hör zu“, begann er müde. „Ich weiß, dass du seit … seit Doranda nicht unbedingt die beste Meinung von mir hast und … ja … ich kann es dir bis zu einem gewissen Punkt auch nicht verdenken. Es war nicht unbedingt meine Sternstunde und …“ Sein Blick irrte kurz ab, dann traf er wieder Johns. „Eine Lektion für mich, was Selbstüberschätzung und in einem gewissen Maß auch Egoismus anrichten kann. Aber das hier …“ Er deutete auf den Laptop in seiner Hand. „Was jetzt mit dir passiert ist und meine … meine …“ Er verzog kurz das Gesicht. „Ich will nicht sagen ‚Sorgen’ das ist nicht ganz … jedenfalls – das hat nichts mit Egoismus zu tun.“

„Rodney, was …?“ John schwirrte der Kopf und er suchte nach dem Sinn in McKays Wortschwall – vergeblich. Und – Doranda? Was zum Teufel?

„Jaja, ich komme gleich zum Punkt.“ Rodney wedelte Johns Worte beiseite. „Was ich meine ist … ich sehe Gefahren oft, bevor andere sie sehen. Gut, ich bin ein Pessimist, nicht dass das wirklich eine Neuigkeit wäre und das trägt sicher auch dazu bei, dass ich immer zuerst das Negative in allen Optionen finde - Tod, totale Vernichtung, das Universum in Auflösung und …“

Mit einer Handbewegung unterbrach John den Monolog und stürzte sich auf den Teil, der für ihn am allerwenigsten Sinn ergab, den er aber unbedingt als Erstes klären musste. „Warte - wie kommst du jetzt auf Doranda?“

„Oh, bitte, Colonel, glaubst du, ich merke das nicht?“ Rodney starrte ihn gekränkt an. „Wie war das – ich muss mir dein Vertrauen erst wieder verdienen? Offensichtlich habe ich das noch nicht, woran du mich ja gerne bei jeder Gelegenheit erinnerst. Und wie gesagt – ich habe das sicher auch teilweise verdient. Aber diese ständigen Sticheleien in letzter Zeit, diese Andeutungen, ich würde nur an mich denken und daran, meine eigene Haut zu retten, das ist ein wenig … nun, ich denke nicht, dass ich das verdient habe.“

John hätte vor Frustration am Liebsten laut aufgestöhnt. McKay hatte das ernst genommen? Hatte Johns Versuche ihn zu necken völlig in den falschen Hals bekommen? Verdammt, seit wann war Rodney so empfindlich?

Oder war er selbst tatsächlich zu weit gegangen? Trug er Rodney die Doranda-Sache doch noch nach? Etwas, zumindest?

Die Erinnerungen an Doranda – Rodneys Weigerung zuzugeben, dass er die Simulation keineswegs im Griff hatte, seine Überheblichkeit, die Explosion, ihre Flucht im Jumper, die Rettung durch Caldwell – das alles zuckte in raschen Momentaufnahmen durch Johns Sinn. Bilder, ohne die damit verbundenen Emotionen, die normalerweise mit Erinnerungen verknüpft waren.

Er sah deutlich Rodneys Gesicht vor sich, als er sich dann - Tage später - entschuldigt hatte. Hörte den Klang seiner Stimme, erinnerte sich an seinen eigenen … Ärger? Seine Enttäuschung? War es das, was er empfunden hatte? Er musste tief im Inneren nach den Gefühlen forschen, die zu den Bildern gehörten und als er sie entdeckte, war es, als wären sie gedämpft, gefiltert, als sei er unter Wasser und versuche, Geräusche von der Oberfläche zu hören.

John blinzelte und wurde sich bewusst, dass Rodney ihn ansah, auf eine Antwort wartete, in seinen Augen eine Mischung aus Herausforderung, Erwartung und Hoffnung.

Mit beiden Händen rieb sich John über das Gesicht und sagte schließlich hilflos: „Rodney, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Jedenfalls nicht ... Das ist … ich rede so mit dir, schon immer. Das … das ist meine Art …“

Das ist meine Art, zu versuchen, deine Aufmerksamkeit zu bekommen. John biss sich auf die Lippe, als ihm klar wurde, dass er den letzten Satz fast laut ausgesprochen hätte. Es war so schon beängstigend, dass dieses vage Gefühl, das er am Liebsten nicht zu genau ergründete, wie von selbst in seinen Gedanken Gestalt angenommen hatte.

„Okay?“ Er sah McKay an. Hoffentlich war jetzt alles geklärt.

„Tatsächlich? Hm.“

Der Zweifel in Rodney Erwiderung war nicht zu überhören. John seufzte innerlich, wappnete sich mit einem tiefen Atemzug und fuhr fort: „Ja, ich war enttäuscht. Und wütend. Das lässt sich nicht so leicht abschütteln, Rodney.“

Er blinzelte, beunruhigt, wie leicht und glatt ihm dieses Geständnis über die Lippen ging.

„Aber meine Bemerkungen … das war keine Absicht, also, ich wollte nicht …“

Okay, das ging jetzt nicht mehr so glatt, aber er schuldete Rodney eine Antwort.

„Das ... ähm ... das hat nichts damit zu tun, was ich wirklich von dir halte. Es ist ...“ Er holte tief Luft. „Ich scherze. Nichts weiter.“
„Scherzen, ja? Und dein Kommentar, dass du mir lieber auf die Finger siehst, damit ich nichts in die Luft jage?“ Rodney klang eher unsicher als streitlustig.

John zuckte innerlich zusammen und biss sich auf die Lippen. Hatte er das gesagt? Offensichtlich. „Dumme Wortwahl“, gestand er ein.

„Ja, kann man so sagen“, murmelte McKay, mehr zu sich selbst.

John atmete tief durch blickte Rodney fest an. “Und … wegen dieser Sache jetzt - ich weiß, dass du um mich besorgt bist und ich … ich weiß das zu schätzen, okay?“

Rodney sah ihn groß an und John konnte buchstäblich sehen, wie die Bedeutung seiner Worte zu ihm durchdrang, das Herausfordernde in seinem Blick verschwand und Erleichterung und Verlegenheit Platz machte.

„Wirklich?“, erkundigte McKay sich leise.

„Ja, wirklich Rodney“, bekräftigte John aufrichtig. „Tut mir leid, wenn das … anders bei dir ankam. War nicht so gemeint.“

„Oh. Okay.“ McKay errötete leicht und ließ seinen Laptop von einer Hand in die andere wandern. „Vermutlich bin ich etwas … nun ja, etwas empfindlich, seit … seit dem und habe überreagiert, dich missverstanden und … ja.“

„Ja, vermutlich“, erwiderte John und spürte, wie Erleichterung ihn durchströmte. „Also, alles in Ordnung?“, fragte er und lächelte.

„Ja. Ja, ich denke schon.“ Rodney erwiderte das Lächeln zögernd. Für einen langen Moment sahen sie sich in die Augen und John wurde sich bewusst, wie dicht sie beieinander standen. Dichter, als für seinen Seelenfrieden gut war. Er schob die Hände in die Taschen. Es verlangte ihn nach einer physischen Bestätigung, dass zwischen ihnen alles in Ordnung war, eine kurze Berührung am Arm vielleicht. Aber gerade in Momenten wie diesem konnte er sich das nicht erlauben. Nicht bei McKay. Nicht mehr.

Bei jedem anderen – Ronon, Teyla, Carson - war ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter nie mehr als nur und genau das. Aber zwischen ihm und McKay gab es kein „nur“ mehr. Jedenfalls nicht für ihn.

Schließlich war es Rodney, der den Blickkontakt brach und mit einem kleinen, nervösen Auflachen auf die Tür hinter sich deutete: „Hey, wie kommt es eigentlich, dass wir unsere emotionalsten Gespräche immer in Korridoren führen oder vor offenen Transportern?“

„Ich weiß nicht, Rodney …“, begann John und befeuchtete die Lippen mit der Zunge.

McKays Augen weiteten sich und er schluckte hörbar. „Das … das war eine rhetorische Frage“, erklärte er hastig, wich einen Schritt zurück und wäre fast über seine eigenen Füße gestolpert. „Und der offene Transporter ist das Stichwort – ich sollte jetzt wirklich ins Labor und … Ich habe noch eine Menge zu erledigen.“

„Alles okay?“ John runzelte die Stirn.

„Jaja, alles bestens. Ich bin nur … beschäftigt. Ich meine, ich sollte jetzt beschäftigt sein. Mit … Arbeit.“

„Ja. Klar“, nickte John und versuchte seine Enttäuschung über McKays Flucht aus Gesicht und Stimme herauszuhalten. Das schmale Grinsen kostete ihn körperliche Anstrengung. „Übertreib's nicht, okay? Morgen müssen wir früh los.“

„Ja, ja, sicher, ich weiß. Ich will nur …“ Rodney senkte den Blick, rieb sich die Stirn und sah dann auf. „Hör zu, dein Vorschlag gestern, wegen einer Runde unseres Spiels? Ich hätte nichts dagegen. Nicht jetzt natürlich, denn … Also, ich würde jetzt gerne, wirklich, aber …“, er deutete auf seinen Laptop, „ich will noch ein paar der Berichte vom Stargate Center durchgehen, gucken ob anderen SG-Teams so etwas Ähnliches …“ Seine Hand wedelte vor John auf und ab. „So etwas wie auf M48- D52 auch schon passiert ist.“ Er schenkte John die Andeutung eines schiefen, hoffnungsvollen Lächelns. „Aber morgen?“

„Okay, morgen“, stimmte John zu und biss sich auf die Lippe. Natürlich. Morgen.

„Gut.“ Rodney hob die Hand als wolle er Johns Arm berühren, erkannte aber wohl im letzten Augenblick, dass sie zu weit voneinander entfernt standen und verwandelte die Bewegung in ein kurzes, unbeholfenes Winken. Er verschwand im Transporter.

John starrte auf die geschlossene Tür und seufzte. Er hatte nicht den Eindruck, sehr viel weiter gekommen zu sein.

„Seltsam“ beschrieb Rodneys momentanes Verhalten nicht mal ansatzweise. Wenn John ein ZPM in der einen und eine Zitrone in der anderen Hand halten würde, könnte Rodney sich nicht widersprüchlicher benehmen. Einen begeisterten Schritt vor und zwei panische zurück. John biss sich auf die Unterlippe. Derart unbeholfen und unsicher hatte er McKay schon lange nicht mehr erlebt. Eigentlich noch nie. Nicht mal bei seinen tollpatschigen Flirtversuchen mit Allina oder seiner ersten Begegnung mit Katie Brown, hatte er …

John zog scharf die Luft ein. Allina, Katie … Rodney, der … verliebt war …

Das konnte nicht sein.

Oder?

Ein zögerndes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

Langsam drehte er sich um und ging ziellos den Korridor entlang, den Kopf voll mit wirren Gedanken und zu vielen Gefühlen.

Bewegung. Er brauchte Bewegung.

Teil 4

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