sinaidas_fancorner: (Atlantis)
[personal profile] sinaidas_fancorner
Teil 1

Teil 2

Eine halbe Stunde nach McKays fluchtartigem Verlassen des Tisches spürte John ihn in seinem Labor auf.

„Hey, Rodney. Du warst ziemlich schnell weg, vorhin.“

McKay sah nur kurz von seinem Laptop auf. „Ja, ich hatte hier noch …“ Er deutete auf den Bildschirm. „Mir ist eingefallen, dass ich … nun, ich musste hier noch etwas Wichtiges zu Ende bringen“, erklärte er umständlich und begann wieder auf die Tastatur einzuhämmern.

John seufzte innerlich. In letzter Zeit glich der Umgang mit McKay dem Navigieren in einem Minenfeld. Nur dass falsche Manöver leider nicht zu Explosionen führten. Denn mit einem explodierenden McKay, der ihm aufgebracht an den Kopf warf, was für ein kompletter Idiot er war, konnte er umgehen. Ein defensiver McKay, der offensichtlich ein Problem mit John hatte, aber nicht darüber sprechen wollte, verursachte ein kaltes, hilfloses Unwohlsein in seiner Magengegend.

Er biss sich auf die Lippen und bemühte sich um einen leichten Tonfall: „Ich dachte schon es war der Toulawurzel-Brei, der dich vertrieben hat.“

„Danke für die Erinnerung, Colonel.“ Rodney schauderte, den Blick unverwandt auf den Monitor gerichtet. „Ich hatte es gerade erfolgreich verdrängt.“

„Was machst du da?“ Sheppard umrundete den Tisch. Kurz bevor Rodney hastig die Datei schloss, gelang es John noch über seine Schulter einen Blick auf den Bildschirm und die vertraute Grafik von „Asteroids“ zu erhaschen.

„Wichtig, ja?“, bemerkte John ironisch, spürte einen Hauch Enttäuschung über Rodneys Schwindelei, aber auch Genugtuung, dass er ihn dabei erwischt hatte. Vielleicht war ja jetzt die Gelegenheit herauszukriegen, was in McKays Kopf vorging. Er angelte mit dem Fuß nach einem der Drehstühle neben Rodney und setzte sich.

Rodney wandte sich ihm zu, sichtlich verlegen und dementsprechend aufgebracht. „Ja, wichtig. Denn es ist wichtig, für unser aller Überleben sogar, dass ich mit höchster Effizienz arbeite und eine Voraussetzung dafür ist, ab und zu einfach abschalten zu können. Sinnloses Ballern auf leblose Objekte ist dafür genau das Richtige, was du eigentlich am Besten wissen müsstest, denn das ist deine Hauptbeschäftigung hier.“

Das war ziemlich bissig, selbst für McKay.

„Oh, dabei bemühe ich mich doch immer nur sinnvoll zu ballern“, erwiderte John mit freundschaftlicher Ironie, versuchte Rodney zu signalisieren: Hey, hey, ich komme in Frieden.

„Hm.“ Um Rodneys Mundwinkel zuckte es kurz, als er Sheppard von oben bis unten musterte. „Wie auch immer - es wirkt offensichtlich. Deine Körperhaltung gerade ist jedenfalls das Paradebeispiel für ‚entspannt’.“ Der Tonfall war jetzt deutlich milder.

„Nur kein Neid.“ Johns Grinsen war nur teils forciert, teils echtes Amüsement und er ließ sich demonstrativ tiefer in den Stuhl sinken.

Ein Augenrollen begleitete Rodneys nächste Worte. „Glaub mir, ich bin nicht im Entferntesten neidisch auf die Rückenprobleme, die du zweifellos in ein paar Jahren haben wirst. Der Preis, den du zahlst, für deine anhaltenden Versuche mit den Möbelstücken zu verschmelzen.“

„Ich werde dran denken.“ John stützte den Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. „Dein Highscore?“

„Ich bin besser in Strategiespielen“, erwiderte McKay und reckte das Kinn in der vertrauten Weise, die zeigte, dass man gerade einen wunden Punkt getroffen hatte.

John musste lächeln und spürte, dass er sich jetzt wirklich entspannte. „Wie wär's dann mal wieder mit einer Runde ‚Hallona schlägt Geldar'?“ Er sah Rodney gespielt ernst an. „Nur, um deine Effizienz weiter zu steigern, natürlich.“

„Hallona schlägt Geldar?“ Rodney schnaubte, aber um seine Lippen spielte ein leichtes Lächeln. „In deinen Träumen. Umgekehrt ist es sehr viel wahrscheinlicher.“

Verschwörerisch beugte sich John etwas vor: „Ah, Rodney, das musst du mir erst beweisen. In einer Stunde im Spielraum?“ Sein Knie stieß gegen Rodneys Oberschenkel. Ein Versehen, aber John sah keinen Grund, sich zu entschuldigen oder wieder abzurücken. Es war angenehm, fühlte sich gut an, genau wie dieser harmonische Moment zwischen ihm und Rodney.

Rodneys Augen wurden plötzlich groß, er schluckte hörbar und senkte dann den Blick. „Nicht heute, Colonel, ich habe da noch … ähm … zusätzlich eine wichtige Simulation laufen, die ich überwachen muss. Wirklich, sehr wichtig.“ Ein nervöses Auflachen. „Nicht ‚Asteroids'-wichtig, sondern wichtig-wichtig.“

Natürlich. John presste die Lippen zusammen. Das war die Mutter aller faulen Ausreden.

Er verbiss sich eine bittere Erwiderung, konterte mit einem betont gleichgültigen Schulterzucken und einem nonchalanten „Dann eben nicht, McKay“. Etwas zu heftig stieß er den Stuhl zurück und stand auf.

„Hör zu, wir können das ja nachholen, okay? Später, irgendwann.“ Rodney sah ihn nach wie vor nicht an und seine Stimme klang zögernd.

„Klar. Irgendwann.“

Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ John das Labor und ging in sein Quartier. Bereits ein paar Minuten später, nach Umziehen und Zähneputzen, lag er im Bett. Es schadete nichts, wenn er mal früher schlafen ging. Und wenn Rodney ihm nicht sagen wollte, was ihn wirklich seit Wochen davon abhielt, seine Freizeit mit John zu verbringen – fein. Heftig blätterte er eine Seite von „Krieg und Frieden“ um. Solange es sich nicht auf ihre Zusammenarbeit auswirkte …

John versuchte, sich auf das Gespräch zwischen Prinz Andreij und seinem Freund Pierre zu konzentrieren, doch als er merkte, dass er sich am Ende eines Absatzes nicht mehr an den Anfang desselben erinnern konnte, klappte er das Buch ärgerlich zu und legte es auf den Nachttisch.

Er löschte das Licht, starrte in die Dunkelheit und murmelte: „Verdammt, McKay.“

Trotz seiner Müdigkeit dauerte es lange, bis er einschlief.

Seine Träume waren wirr und beängstigend, doch alles, woran er sich erinnern konnte, als er mehrmals in der Nacht schweißgebadet, mit wild pochendem Herzen hochschreckte, war das vage Gefühl von erdrückender Dunkelheit, Enge und Schwere.

***



Als John am nächsten Morgen beim Rasieren in den Spiegel blickte, bemerkte er die Veränderung.

Ungläubig tastete er nach der Stelle an seinem Hals, an der gestern um diese Zeit noch die Narbe des Iratuskäfer-Bisses gewesen war. Jetzt fühlte er dort glatte, gesunde Haut. Nervös biss er sich auf die Lippen und entledigte sich hastig seiner Kleidung.

Wenige Minuten später war er sich sicher. Er hatte am ganzen Körper keine einzige Verletzung oder Narbe mehr. Weder die silbrige Linie an seinem rechten Schienbein, die von einem fast dreißig Jahre zurückliegenden Fahrradunfall stammte, noch die erst wenige Wochen alten Male an seiner linken Hand. Kleine Schnitte, die er sich unter dem Einfluss des Retro-Virus zugezogen hatte – seine Kehle wurde eng angesichts der verwaschenen Erinnerung an Wut, Schmerz und dem Splittern von Glas.

Die Einstichstelle in seiner Armbeuge allerdings, wo Carson ihm gestern nach der Mission Blut abgenommen hatte, war immer noch eine druckempfindliche, rotblaue Erhebung unter seiner Haut. Auch das Hämatom, das von Teylas Banto stammte, war deutlich zu sehen.

Mechanisch zog er sich wieder an und griff nach seinem Headset. Trotz des zu schnellen Pochens seines Herzens schaffte er es ruhig und gelassen zu klingen: „Dr. Beckett, Sheppard hier. Ich bin in fünf Minuten in der Krankenstation. Da ist etwas, das Sie sich ansehen sollten.“


***



„Nichts? Was soll das heißen?“ Elizabeth stand am Fußende von Johns Bett in der Krankenstation, auf ihrer Stirn eine tiefe Sorgenfalte.

John zuckte mit den Schultern und machte eine vorsichtige Kopfbewegung – die Kontakt-Pads des EEGs klebten noch an Stirn und Schläfen - zu einem der Labortische, an dem Beckett stand. „Er sagt, ich bin okay.“

Er fühlte sich im Großen und Ganzen auch so. Die atemlose Beklemmung, die Angst, als er die Veränderung entdeckt hatte, war nun einer neugierigen Unruhe gewichen.

„Und der Rest Ihres Teams? Sind bei ihnen ähnliche Symptome aufgetreten?“

„Nein. McKay hat all seine Narben noch. Das hat er aber erst geglaubt als Carson es bestätigt hat.“ John tauschte ein rasches, amüsiertes Lächeln mit Elizabeth. „Ronon und Teyla trainieren gerade mit ein paar der Marines. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen nach dem Training kurz hier vorbeischauen, aber bei ihnen ist alles okay. Es war wohl der Strahl und der hat nur mich erwischt.“

Elizabeth nickte, nagte an ihrer Unterlippe und sah zu dem Arzt hinüber, der gerade mit Blut gefüllte Reagenzgläser in eine Zentrifuge steckte. Gleichzeitig versuchte er McKay, der ihm über die Schulter sah und leise auf ihn einredete, höflich aber bestimmt zu versichern, dass er wirklich alle notwendigen Untersuchungen durchführen werde. „Ja, ich denke auch daran, Rodney.“

„Carson?“

Elizabeths Stimme ließ Beckett aufblicken. „Elizabeth, einen Moment, bitte.“ Er schloss die Zentrifuge und trat an Johns Bett. McKay folgte ihm, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte John besorgt und misstrauisch, als erwarte er jeden Moment dessen Verwandlung in das Monster des Monats.

Anscheinend hatte McKay seine seltsame Laune von gestern vergessen. Er war sichtlich beunruhigt, entweder weil er sich Sorgen um John machte oder aus Angst, dass er doch das nächste Opfer einer schrecklichen Epidemie sein würde, die Atlantis heimsuchte. Oder beides.

„Sie haben nichts gefunden?“, fragte Elizabeth und lächelte nervös. „Ist das gut oder schlecht?“

Carson wirkte ratlos. „Nun, der Colonel ist gesund, das ist sicherlich gut.“ Zu John gewandt sagte er: „Ich befreie Sie jetzt hiervon.“ Er begann die Pads von Johns Schläfen zu entfernen und fuhr fort: „Alle Untersuchungen führen zu demselben Ergebnis wie gestern. Sie haben keine fremden Substanzen im Blut, wobei ich die gestrigen Testreihen zur Sicherheit nochmals wiederholen werde. EKG und EEG sind exzellent. Sie sind kerngesund, Colonel und ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Körper nicht dabei ist, sich in irgendeiner Form zu verändern. Von dem Verschwinden der Narben abgesehen.“

Carson lächelte ihn beruhigend an und obwohl John sich nicht sicher war, ob der Arzt selbst wirklich von dem überzeugt war, was er sagte oder ob es in erster Linie dem Seelenfrieden seines Patienten diente, fühlte er sich jetzt doch wesentlich ruhiger. Mit wie durch ein Wunder verschwundenen Narben konnte er leben.

„Aber …“, fuhr Beckett fort, „ich finde keine Erklärung dafür und ich habe Sie wirklich auf alles Mögliche und Unmögliche getestet. Von Befall durch Naniten über Manipulation Ihrer DNS und Kloning, bis hin zu Substanzen, die Ihre Epidermis verändern.“ Sein Lächeln war entschuldigend. „Magie habe ich ausgeschlossen. Allerdings …“

„Oh ja, Medizin und Magie …“, murmelte McKay, verstummte jedoch als Carson seinen Kommentar einfach ignorierte und mit leicht erhobener Stimme weiter sprach: „Allerdings hätte ich eine Vermutung.“ Sein Blick wanderte von Elizabeth zu Rodney. „Könnte es sich bei diesem Raum, auf den ihr gestoßen seid, um eine medizinische Einrichtung handeln?“

McKay warf einen Blick gen Himmel. „Warum stellt mir jeder solche Fragen, obwohl ich klar und deutlich gesagt habe, dass ich erst dann mehr weiß, wenn ich noch einmal dort war?“

„Ah, ich dachte du wärst ein Genie, McKay“, neckte John ihn und setzte sich auf.

„Rodney, könnte es eine medizinische Einrichtung sein?“, wiederholte Carson mit bewundernswerter Geduld.

„Jajaja.“ Ergeben warf Rodney die Hände in die Luft. „Ja, es könnte sein. Genauso wie es ein Kontrollzentrum zum Abschießen unterirdisch stationierter Raketen sein könnte und der Strahl, der Sheppard transportiert hat, ist die übliche Methode für die Knöpfchendrücker von Raum A in Raum B zu gelangen. Oder es könnte ein außerirdischer Schönheitssalon sein, der Sheppard ein Ganzkörperpeeling inklusive Maniküre verpasst hat.“ Er musterte John und verzog das Gesicht. „Wobei mich dann aber wundert, dass sie nichts wegen der Haare unternommen haben.“

„Hey“, bemerkte John gespielt gekränkt.

„Danke Rodney.“ Carson lächelte milde und sagte dann nachdenklich: „Das mit dem Schönheitssalon ist nicht so abwegig. Ich vermute, dass dieser Strahl, der den Colonel erfasst hat, eine Form von plastischer oder Wiederherstellungschirurgie an ihm vorgenommen hat. Es muss eine sehr hoch entwickelte Technologie sein, denn es sind nicht einmal Reste von Narbengewebe zu finden.“

„Wie dieses Taschenlampen-Teil in Star Trek, das sie über die Wunden halten und sie heilen dann sofort? Diese Tricorder?“ John hob beeindruckt die Augenbrauen. „Cool.“

„Nein, nein“, winkte Rodney ab „Das waren nicht die Tricorder, sondern …“

„Gentlemen“, unterbrach Elizabeth mahnend.

Carson räusperte sich. „Ich werde natürlich die medizinische Datenbank nach ähnlichen Phänomenen durchforschen und …“, sein Blick wanderte von John, der gerade die Beine über den Rand der Liege schwang, zu Elizabeth, „halte Sie auf dem Laufenden.“

„Danke, Carson.“ Elizabeth schenkte ihm ein schmales Lächeln.

„Tut mir leid, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr sagen kann“, bemerkte Carson bedauernd. „Ich würde aber gerne selbst einen Blick auf diese Anlage werfen, falls Rodney etwas findet, das sich mit meiner Vermutung deckt.“

„Sicher“, nickte Elizabeth. „Sobald wir Genaueres wissen, sind Sie der Erste, der es erfährt.“

„Sehr schön, danke.“ Carson lächelte und wandte sich an John. „Dann sind Sie entlassen.“

„Ich bin also völlig diensttauglich?“, vergewisserte John sich.

„Ja.“ Der Arzt klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. „Ich sehe keinen Grund, Sie hier zu behalten oder zum Ausruhen in Ihr Quartier zu verbannen.“ Sein Blick wurde ernst. „Ich verlasse mich aber darauf, dass Sie sich sofort bei mir melden, falls Ihnen weitere Veränderungen auffallen, Colonel. Egal welche und egal wie wenig sie auf den ersten Blick mit diesem Strahl zu tun haben.“

„Sicher, Doc.“ John schnappte sich seine Uniformjacke vom Stuhl neben der Liege und warf Rodney und Elizabeth ein zuversichtliches Grinsen zu. Die beiden schienen, trotz der Worte des Arztes, nicht wirklich beruhigt.

„Ich hoffe, Sie nicht so schnell wieder zu sehen, Colonel.“ Carsons kleiner Scherz klang etwas gezwungen. „Elizabeth, Rodney.“ Er nickte ihnen zu und verschwand in dem angrenzenden Labor.

John schlüpfte in seine Jacke. „Elizabeth, ich würde dann gerne Chauffeur für McKay und den Rest seiner Wissenschaftstruppe spielen.“

„Ich dachte Major Lorne sollte das übernehmen?“, warf Rodney ein.

John nickte. Das war das Erste, was er heute Morgen nach seinem Funkruf an Carson geregelt hatte. Er hatte Lorne informiert, dass der sich bereithalten sollte, für ihn einzuspringen. Allerdings war der Major, bei aller Bereitwilligkeit, sicher nicht besonders scharf darauf die Wissenschaftler zu dem Planeten zu begleiten. Die ganze Aktion war wirklich nicht viel mehr als ein Taxi-Service. Hinflug, stundenlanges, mehr oder weniger sinnloses Herumstehen, während Rodney und Co. sich die Köpfe heiß redeten, Rückflug. Und das im Tausch gegen seinen freien Vormittag.

Aber das hatte sich ja glücklicherweise inzwischen erledigt und John war wirklich neugierig, wie die Wissenschaftler vorgehen würden, um mehr über diesen … Transporter oder was auch immer es war, zu erfahren.

„Da ich aber offensichtlich okay bin, gönne ich Lorne seine Freizeit. Ich behalte euch lieber selbst im Auge und passe auf, dass ihr nichts in die Luft jagt“, neckte er.

McKay verschränkte die Arme vor der Brust und bemerkte: „Hör zu, du bist zwar anscheinend völlig in Ordnung, aber dass Carson die Ursache der Veränderung nicht findet, bedeutet lediglich, dass er sie nicht findet.“

„Ja.“ John zuckte mit den Schultern. „Und?“

McKay betrachtete ihn aus schmalen Augen, mit dem herablassenden Blick, den er sonst nur für die unfähigsten seiner Untergebenen reserviert hatte und mit einer gehörigen Portion Verdruss. „Nur weil er nichts findet, heißt das nicht, dass da nichts ist. Denn – hallo? Keine Narben mehr! Das ist nicht ‚Nichts’. Wer weiß, was gerade in deinem Körper vor sich geht und welche weiteren Auswirkungen das hat.“

„Dessen bin ich mir bewusst, McKay. Und?“, wiederholte John mit einem Hauch Ungeduld. „Komm auf den Punkt.“

„Du solltest nicht fliegen, sondern hier auf Atlantis bleiben“, sagte Rodney geradeheraus.

Stirnrunzelnd erwiderte John: „Nein, denn hier Rumsitzen löst das Problem auch nicht. Du hast Carson gehört – es gibt keinen Grund für mich hier zu bleiben.“ Mit leichter Ironie fügte er hinzu: „Aber falls du Angst hast, dass ich mutieren und über dich herfallen könnte, kannst du die Erforschung der Einrichtung und das Finden des ZPMs ja Zelenka überlassen.“

„Nein, das sicher nicht“, konterte Rodney nach einem Moment des Schweigens knapp.

Elizabeth ließ ihren Blick nachdenklich zwischen John und Rodney hin und her wandern. Dann sagte sie zu John gewandt: „Ich teile Rodneys Bedenken durchaus, aber ich vertraue auch Carsons Urteil. Und da Carson der Ansicht ist, dass Sie in Ordnung sind, spricht nichts dagegen, Sie fliegen zu lassen. Aber …“, sie bedachte ihn mit einem besorgt-mahnenden Blick, „Sie melden sich regelmäßig und bei den geringsten Problemen, welcher Art auch immer, kommen Sie sofort zurück.“

„Natürlich, Elizabeth. Tun wir das nicht immer?“, erwiderte John aufrichtig in seiner besten „Wir-sind-friedliche-Forscher“–Manier, die bei misstrauischen Planetenbewohnern fast immer wirkte. Nicht aber bei Elizabeth.

Sichtlich unbeeindruckt hob sie die Augenbrauen. „Ich meine gering und ich meine sofort.“

„Ja, Ma'am.“ John schenkte ihr ein schiefes Grinsen und nickte Rodney zu. „In einer Stunde geht's los.“


***



Er hätte Lorne fliegen lassen sollen.

John lehnte an der Wand des Säulenraumes – wie er ihn in Ermangelung eines besseren Namens nannte – die Hände auf seine P-90 gestützt. Wohl schon zum tausendsten Mal in den letzten Stunden ließ er seinen Blick über glatte, graue Wände gleiten und versuchte in den verschlungenen Linien und kryptischen Zeichen auf der Säule irgendein bekanntes Muster zu entdecken. Das Dreiecksymbol leuchtete nach wie vor in einem warmen Grün. Mehr gab es hier nicht zu sehen. Auch der angrenzende Raum war, bis auf die Metallplattform, auf der er aufgewacht war, völlig leer.

Weder Türen - jedenfalls keine, die sich mit dem bloßen Auge oder durch Abtasten der Wände entdecken ließen - noch erkennbare Technik, Leitungen oder Stromkreise. Nichts.

Direkt nach ihrer Ankunft hatten Rodney und Radek diverse Geräte an Laptops angeschlossen und mit Hilfe von Diagnosesonden Energiemessungen vorgenommen. Nachdem McKay dann erklärt hatte, dass man alles in den beiden Räumen gefahrlos berühren konnte –„was nicht, ich wiederhole: ‚nicht’ für blinkende Knöpfe aller Art und Form gilt, die wir vielleicht noch entdecken werden, Colonel!“ – war Johns anfängliche Anspannung leichter Langeweile gewichen.

Dr. Martins, die Linguistin, saß im Schneidersitz am Fuß der Säule und blickte stirnrunzelnd von den teils eingravierten, teils reliefartigen Symbolen zu ihrem Laptop und wieder zurück, maß die Tiefe der Einkerbungen und Erhebungen, fotografierte und machte sich eifrig Notizen. Sie hatte offenbar die unappetitliche Angewohnheit, wenn sie hoch konzentriert war, am Ende ihres langen, blonden Zopfes zu kauen. Jedenfalls tat sie das bereits seit … seit sie den ersten Blick auf die Inschrift geworfen hatte. John schüttelte sich leicht.

Rodney und Radek waren wieder - oder besser gesagt, immer noch - in einen Disput über den vermutlichen Sinn und Zweck der Säule und des ganzen Raumes verwickelt. Nachdem die Theorie „extraterrestrische Privatklinik“ wohl vom Tisch war – sie hatten nichts gefunden, das diese Vermutung stützte – war die Transporter-These wieder aktuell. Zumindest für Zelenka. Die beiden Wissenschaftler standen ein paar Schritte von John entfernt an der gegenüberliegenden Wand, Radek halb von der Säule verdeckt, Rodney und seine fliegenden Hände genau in Johns Blickfeld.

John musste unwillkürlich lächeln. Was auch immer zurzeit mit McKay los war – auf seine Begeisterung für seine Arbeit und seine Besessenheit, was das Lösen von Rätseln anging, wirkte es sich nicht aus. Und was die Laus betraf, die sich in McKays Leber eingenistet hatte - John war fest entschlossen so bald wie möglich mit Rodney zu reden und zu klären, was das Problem war. Diesmal würde er sich nicht mit Ausflüchten abspeisen lassen. Das Leben war zu kurz, um die wenige Zeit, die sie hatten, mit Missverständnissen zu vergeuden.

John bewegte den Kopf etwas hin und her, lockerte seine Schultern und beobachtete, wie McKay jetzt mit raschen Schritten vor Radek auf und ab ging und seine Worte – eher lautes Denken, als tatsächliche Erklärungen - mit ausdrucksvollen Gesten unterstrich. Der Stoff seines T-Shirts spannte sich über kräftigen Oberarmen und breiten Schultern. Für jemanden, der körperliche Betätigung in erster Linie als ein notwendiges Übel ansah, um dem Speer oder Pfeil zu entkommen, der sonst in seinem Hintern landen würde, hatte Rodney wirklich nicht die Figur eines Stubenhockers, war meist alles andere als ungeschickt oder unbeholfen. Im Gegenteil - Rodney in Bewegung war ein anziehender Anblick. Harmonie und Stärke.

John fing einen raschen, leicht irritierten Seitenblick McKays auf und merkte in dem Augenblick erst, dass er ihn unverhohlen angestarrt hatte. Verdammt, das war sonst nicht seine Art. Natürlich hatte er schon bei ihrer ersten Begegnung in McMurdo registriert, dass Rodney gut aussah, aber bisher hatte er diese Erkenntnis konsequent am Rande seiner Wahrnehmung gehalten.

Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht um die leichte Röte des Ertappt-worden-Seins zu verbergen und den Eindruck zu erwecken, als hätte er aus Müdigkeit blicklos vor sich hingestiert. Glücklicherweise schien Rodney es zu schlucken, denn nach einem fragenden Stirnrunzeln, das John mit einem betont gelangweilten Schulterzucken und einem Gähnen beantwortete, wandte er sich wieder Zelenka zu. Nicht ohne John vorher einen indignierten Blick zuzuwerfen, der deutlich machte, was er von Leuten hielt, die jetzt und hier fast einnickten.

John straffte sich, bemüht, interessiert überall hinzugucken, nur nicht mehr zu McKay und konzentrierte sich auf das Gespräch der beiden Wissenschaftler.

„Nein, nein, nein, Radek. Hör zu, wenn es wirklich nur ein Transporter wäre, woher kommen dann diese enormen Energiewerte?“ McKays Zeigefinger stach nach der Anzeige auf einem der Monitore.

„Ich weiß es nicht, Rodney.“ Zelenka rückte seine Brille zurecht und seufzte. „Aber da wir keine Hinweise finden, die Dr. Becketts Vermutung stützen und auch sonst nichts, das auf Zweck dieser Anlage hinweist und es nichts weiter getan hat, als den Colonel zu transportieren …“ Er zuckte ratlos mit den Schultern.

„Und mir ein Ganzkörperpeeling zu verpassen“, ergänzte John, nur um irgendetwas zu sagen.

„Hm.“ McKay rieb sich nachdenklich mit dem Daumen über die Lippen und winkte dann ab. „Nein, da muss noch etwas anderes sein, was wir übersehen haben. Ich meine, wer baut so etwas …“ Seine Geste schloss den ganzen Raum ein, „mehr oder weniger für die Ewigkeit auf einem Planeten, der ansonsten eine seit Jahrhunderten unbewohnte Steinwüste ist? Und der ganze Sinn dieser Anlage ist welcher? Zufällige Besucher mal eben vom Flur ins Schlafzimmer zu beamen?“ Sein Blick streifte John. „Und sie dabei optisch aufzuwerten?“

„Natürlich ist ein tieferer Sinn dahinter, Rodney“, entgegnete Zelenka mit der erschöpften Geduld eines Mannes, der zum hundertsten Male dieselben stichhaltigen Argumente vorbringt und trotzdem ignoriert wird. Seine Stimme wurde verzweifelt. „Aber wir finden ihn jetzt offensichtlich nicht.“ Er wies auf die Messgeräte. „Was auch immer die Ursache für diesen Energieausstoß ist – er stört alle anderen Messungen, macht sie unbrauchbar. Wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob hinter diesen Wänden weitere Hohlräume sind, ob es noch mehr Türen gibt, ob …“

„Jajaja, danke für die völlig überflüssige Wiederholung offensichtlicher Tatsachen“, winkte Rodney ab. „Ich bin durchaus selbst in der Lage die Anzeigen zu lesen und …“

„Gut“, fiel Zelenka ihm ins Wort und starrte Rodney durch blitzende Brillengläser kriegerisch an. „Dann tun wir jetzt das einzig Vernünftige und werten die verwendbaren Daten aus. Auf Atlantis. In Antiker-Datenbank könnte es Hinweise geben, auf …“

„Dr. McKay, Dr. Zelenka.“ Martins unterbrach ihn aufgeregt. „Ich glaube, ich habe hier etwas entdeckt.“ Sie stand vor der Säule und deutete auf eine Stelle der Inschrift.

John, Rodney und Radek waren mit wenigen Schritten neben ihr. Mit angewidertem Blick betrachtete McKay das abgelutschte Zopfende und den dunklen, feuchten Fleck auf Martins T-Shirt. Sie grinste nur und zuckte nachlässig die Schultern, wurde aber sofort wieder ernst, als sie zu erklären begann. „Hier, dieser Teil, von dort oben ...“, ihr Finger zeigte auf ein Symbol, das wie ein spiegelverkehrtes „F“ aussah, „bis hierher …“, etwas, das John an einen auf dem Rücken liegenden Igel erinnerte, „ist vermutlich ein Antiker-Dialekt.“

Stirnrunzelnd blickte John auf die Zeichen. Sie erschienen ihm vage vertraut, aber ohne wirklich einen Sinn zu ergeben. „Und was bedeutet es?“

„Das muss ich noch herausfinden und dazu würde ich mich gerne mit Dr. Weir beraten. Es gibt übrigens zwischen den beiden Textteilen deutliche Parallelen in der grafischen Aufteilung und der Zeilengestaltung. Ich kann mir daher vorstellen, dass der kryptische Zeichensalat auf der anderen Seite nur eine Wiederholung dieses Textes hier in einer anderen Sprache ist.

„Etwa wie der Rosette-Stein?“, fragte John nachdenklich.

Martins sah zu ihm herüber und schenkte ihm ein erfreutes Lächeln. „Ja, möglicherweise. Daran hatte ich auch gerade gedacht.“

Sie wies auf ihren Laptop. „Ich habe Bilder der Symbole gemacht und alle relevanten Daten gespeichert. Soweit es mich betrifft, sind wir hier fertig. Mehr kann ich ohne die Datenbank auf Atlantis nicht herausfinden.“

„Bohw diky! Dann fliegen wir jetzt zurück.“ Radek warf Rodney einen triumphierenden Blick zu. „Die Symbole sind der einzig brauchbare Hinweis, den wir bisher gefunden haben.“

„Jaja, sieht wohl so aus“, murmelte McKay abwesend, den Blick auf die heftig zuckende Anzeige eines der Messgeräte gerichtet. Er seufzte. „Es gefällt mir nicht, denn … Ich meine, hier …“ Er deutete auf die Säule, „hier ist das Rätsel und nur hier können wir die Lösung finden.“

Unter Zuhilfenahme seiner Finger zählte er auf: “Mysteriöse Transporterstrahlen mit … ähm … interessanten Nebeneffekten, enorme Energiewerte, deren Quelle wir nicht genau orten können, eine Anlage, deren Technologie derart fortschrittlich ist, dass wir sie nicht mal ansatzweise verstehen.“ Er hob einen Zeigefinger. „Noch nicht. Wenn wir wissen möchten, warum das gebaut wurde, und ich will das definitiv wissen, müssen wir das an Ort und Stelle herausfinden. Wir können diese … diese Einrichtung hier schließlich nicht mitnehmen und auf Atlantis untersuchen und …“

Mit einem Ohr lauschte John McKays Worten, während er langsam die Säule umrundete, in den Anblick der Symbole versunken. Eine Gruppe von Zeichen fiel ihm ins Auge. Es war ein Teil des „kryptischen Zeichensalats“ den Martins erst einmal zugunsten der geläufigeren Symbole ignoriert hatte. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Hinter seinen Schläfen begann es dumpf und schmerzhaft zu pochen. Irgendetwas an der Anordnung der Striche und Kreise schien ihm vertraut, wurde immer klarer. Er sog scharf den Atem ein und sein Herz schlug plötzlich hart und schnell in seiner Brust, als die Kombination unerwarteterweise Sinn ergab.

„Wow“, flüsterte er und ließ die Finger andächtig über die Säule gleiten.

„Was? Was ist?“ McKay stand plötzlich dicht neben ihm.

John rieb sich die Augen und versuchte die leichte Benommenheit abzuschütteln. Er deutete auf die Symbole. „Das hier … ist ein Name – vermutlich.“ Er holte tief Luft. „Und … eine Gateadresse.“

Teil 3

Profile

sinaidas_fancorner: (Default)
sinaidas_fancorner

November 2011

S M T W T F S
  12345
678910 11 12
13141516171819
20212223242526
27282930   

Most Popular Tags

Style Credit

Expand Cut Tags

No cut tags
Page generated Sep. 20th, 2017 09:10 am
Powered by Dreamwidth Studios