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Teil 5


"Es ist okay, Rodney, er kriegt dich nicht", wisperte John heiser, drückte Rodney fester an sich und vergrub sein Gesicht in dessen Haar. "Ich lass' nicht zu, dass er dir was tut. Hörst du?"

Von Rodney kam keine Antwort. Warum antwortete McKay nicht, lag nur wie ein regloses Gewicht in Johns Armen?

Vorsichtig ließ John ihn los und richtete sich auf. "Rodney, komm schon", drängte er und rüttelte Rodney an der Schulter. Was war hier los? Warum rührte Rodney sich plötzlich nicht mehr?

Er kniete vor dem stillen Körper seines Freundes, tastete sachte nach dessen Gesicht und versetzte Rodney ein paar leichte Schläge auf die Wange. Keine Reaktion. Etwas in Johns Brust wurde plötzlich eng. "Verflucht, McKay, was soll das?", stieß er hervor und fühlte mit fliegenden Fingern Rodneys Puls.

Stark und gleichmäßig. Okay, okay. John holte tief Atem. Rodney ging es offenbar gut, er … schlief nur. Sehr tief. Ja, das musste es sein. Hatte Rodney nicht erwähnt, dass er müde war? Wie lange war das her? Eine Stunde? Fünf? Minuten erst? Himmel, seine Erinnerungen waren so instabil und genauso wenig greifbar wie Treibsand. Und hatte er gerade ... er hatte Rodney ... war das passiert?

Er ließ seine Hand auf Rodneys Arm ruhen, lehnte sich erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand und streckte seine Beine dicht neben Rodneys Kopf und Oberkörper aus. Ausruhen, nur einen Moment. Die Augen schließen. Das Starren in die Dunkelheit war anstrengend, machte ihn schwindelig, als würde die Schwärze ihn auf einem spiralförmigen Sturzflug in ihr Zentrum saugen. Er drückte Rodneys Arm. Es war gut, Rodneys Haut unter seinen Fingern und die harten Steine in seinem Rücken zu spüren. Fixpunkte.

Der Kampf gegen den Wraith hatte ihn völlig ausgepumpt. Er war erledigt, zittrig, aber gleichzeitig so aufgedreht, als hätte er eine Handvoll von Carsons kleinen Muntermachern eingeworfen. Ein Wunder, dass er den Wraith überhaupt … John runzelte die Stirn. Wraith? Was genau war mit dem Wraith passiert? Hatte er den Bastard getötet? Musste wohl so sein, denn mit einem hungrigen Wraith in Reichweite hätte er sich kaum dazu hinreißen lassen, Rodney zu … zu ...

Verdammt, er hatte Rodney tatsächlich geküsst. Ausgerechnet jetzt? John stöhnte innerlich auf. Großartiger Moment für ein Outing, John.

Und was jetzt?

Der Arm unter seiner Hand bewegte sich etwas und Johns Herzschlag beschleunigte sich.

„Rodney? Hey, aufwachen.“ Er rüttelte ihn erneut.

Rodneys tiefes Atmen stockte kurz und wurde dann wieder gleichmäßig.

John fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Okay, wenn McKay schlief, dann würde er eben wach bleiben. War vielleicht gar nicht so schlecht, wenn Rodney ausgeruht war, sobald die Zeit kam, um hier abzuhauen.

Er tastete erneut nach Rodney bis er eine Schulter berührte. Notfalls würde er ihn hier hinaustragen. Behutsam strich er über Rodneys Hals und durch sein Haar.

Schade, dass es zu dunkel war, um Rodney zu erkennen. Er gönnte sich selten die Gelegenheit, ihn einfach nur anzusehen. Viel zu gefährlich. Aber hier gab es keine Beobachter, sie waren allein.

Allein in einer Zelle, gefangen von den Wraith! John biss sich auf die Lippen. Einen hatte er erledigt, aber dessen Kumpels würden sicher bald hier auftauchen. Konzentrier dich, John! Jetzt war nicht die Zeit um …

Ein Klacken ließ John hochfahren. Es kam von irgendwo her aus der Dunkelheit, dort, wo er die Zellentür vermutete. Bedeutete das etwa …? Er lauschte. Das Kratzen und Quietschen von Metall auf Metall. Ja, jemand entriegelte die Tür und öffnete die Zelle.

Ihre Chance auf einen Fluchtversuch.

„Rodney“, zischte John. „Wach auf, verdammt“, und rüttelte ihn verzweifelt. Bitte, Rodney, flehte er stumm und spürte, wie etwas in seinem Inneren hart und kalt wurde.
Es war zu früh, zum Teufel, Rodney war noch nicht so weit. „McKay, hoch mit dir.“ Rodney musste aufwachen. John würde ihn unter keinen Umständen hilflos hier zurücklassen, aber ihn zu tragen und gleichzeitig …

Es würde schwierig werden.

Ein lautes Quietschen ertönte und ein immer größer werdendes Dreieck aus Licht erhellte den Zellenboden. Er zwinkerte hastig, um seine Augen rascher an den Lichteinfall zu gewöhnen.

John rappelte sich auf, kam nur mühsam auf die Füße. Ein Schwindelanfall ließ ihn sich an der Mauer abstützen. Er atmete tief durch und unterdrückte die plötzliche Übelkeit. Verflucht, er durfte auf keinen Fall zusammenklappen. Langsam drehte er sich um und schob sich zwischen Rodney und die Tür. Er würde ihn beschützen, die Wraith würden Rodney nicht kriegen.

Der schwache Lichtschein reichte kaum aus, um die Umgebung zu erkennen. Aber er musste nutzen, was er hatte. Johns Blick schoss durch die Zelle, auf der Suche nach einem anderen Fluchtweg oder einer Waffe. Der Eimer? Oder der Beutel mit ihren Feldflaschen. Besser als nichts. Aber wo …?

Lichtstrahlen tanzten plötzlich durch das Halbdunkel, glitten über Boden und Wände.

Sie kamen! Drei einzelne Lichtkegel. Waren sie nur zu dritt? Wenn er sich den Schwächsten der drei vornahm, schnell genug war, an dessen Waffe rankam, hatte er vielleicht eine Chance.

Schmerzhaft grelles Licht traf John direkt im Gesicht. Geblendet stöhnte er auf und riss die Hände vor die Augen.

„Sheppard?“ Die tiefe Stimme kam ihm vage bekannt vor. „McKay?“

Vorsichtig nahm John die Finger vom Gesicht und blinzelte. Der Widerschein des zu hellen Lichts schien auf seiner Netzhaut eingebrannt, er sah nur Schemen durch tanzende, feurige Kreise hindurch. Sie haben mich geblendet, die Bastarde! Mit unsicheren Fingern tastete er nach der Wand und presste seinen Fuß gegen Rodneys Körper. Sie würden ihm Rodney nicht unbemerkt wegnehmen. „Wir müssen beieinander bleiben … falls ich einschlafe – bleib bei mir, ja?“, wisperte Rodney in seinem Kopf.

„Ist das da Rodney? Zur Hölle aber auch, was ist mit ihm?“ Das war eine andere Stimme, angespannt, aber sanfter als die erste, mit weichem Akzent.

„Geh weg von ihm, Sheppard“, forderte die tiefe Stimme. „Mach Platz.“

Sie hatten Rodney entdeckt. Johns Herz schlug schnell und hart und sein Magen war ein einziger verkrampfter Knoten. Sie würden Rodney holen, sie würden …

John befeuchtet seine Lippen und straffte sich. Was auch immer sie vorhatten - wer zu McKay wollte, musste erst an ihm vorbei.

Drei Gestalten kamen auf ihn zu, sie trugen Stablampen und Waffen. John sog scharf den Atem ein, als ihre Gesichter sich aus den Schatten schälten und seine Befürchtung sich bestätigte.

Wraith!

Für einen Moment verschwamm seine Sicht, klärte sich wieder und für Sekundenbruchteile glaubte er, Ronon und Teyla zu sehen. Er holte keuchend Luft. Was ging hier vor? Verzweifelt rieb er sich die Augen und blinzelte, nahm aber alles nur wie durch einen Schleier wahr. Oh, verdammt, nein, nicht jetzt!

Die drei Wraith näherten sich schleichend und fauchend wie Raubkatzen, weideten sich an seiner Verzweiflung, kreisten ihn und Rodney ein, wie Raubtiere es mit ihrer Beute taten. Johns Atem flog.

„Falls ich einschlafe – bleib bei mir, ja?“

Hektisch sah er sich um, entdeckte den Eimer in der gegenüberliegenden Ecke der Zelle. Zu weit weg. Hier gab es nichts, das er als Waffe benutzen konnte. Sein Blick flog zur Zellentür. Verdammt, dort wartete schon die Verstärkung. Ein ganzer Trupp. Er fuhr sich mit einer zittrigen Hand über das schweißnasse Gesicht. Sie hatten keine Chance, nicht gegen diese Überzahl.

Aber er konnte versuchen, so viele wie möglich aufzuhalten. Einen entwaffnen, die Übrigen in einen Kampf verwickeln. Es würde Rodney vielleicht genug Zeit verschaffen, aufzuwachen und zu entkommen.

John rollte die Schultern und verteilte sein Körpergewicht gleichmäßig auf beide Beine.

„John“, wisperte einer der drei Wraith. Eine weibliche Stimme, eine Queen. Woher kannte sie seinen Namen? War sie in seinem Kopf? Erforschte seine Gedanken?

John schwankte, als sich der Raum erneut um ihn drehte. Er verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln und presste hervor: „Ich muss dich enttäuschen, Verehrteste. Wenn ich jetzt auf die Knie gehe, hat das nichts mit Respekt vor dir zu tun.“

Die Queen zuckte zusammen, als hätte John ihr einen Schlag versetzt, während die Waffe des Großen hoch ruckte und auf Johns Kopf zielte.

John hielt unwillkürlich den Atem an. Es tut mir so leid, Rodney.

„Nein“, zischte der Wraith mit dem weichen Akzent plötzlich und berührte den anderen am Arm. „Nicht schießen, wir wissen nicht, wie diese Sporen auf seinen Kreislauf wirken und …“

John nutze den winzigen Moment der Ablenkung und stolperte auf die Queen zu, versuchte sie zu packen, unbeholfen, als plötzlich rote Lichtfinger nach ihm griffen und ihn mitten in der Bewegung stoppten.

Stöhnend sank er zu Boden.

Alles um ihn wurde dunkel.

~ooOoo~



John öffnete langsam die Augen und starrte auf metallisch-graue Platten, die mehrere Meter über ihm zu schweben schienen. Er blinzelte verwirrt und seine Sicht wurde klarer. Okay, offensichtlich die Decke des Raumes – nicht mehr dieser Zelle! - in dem er … lag. Auf dem Rücken, in einem Bett, wie er durch Betasten des weichen, nachgiebigen Untergrundes feststellte.

Er schloss die Lider wieder. Es war zu anstrengend, sie offen zu halten. Es roch hier … eigenartig, aber vertraut. Streng, scharf und sauber, nach einer Kombination aus Putzmitteln und Chemikalien. Ein Geruch, der nicht direkt angenehm war, der ihm aber signalisierte, dass er hier ausruhen, die Augen schließen konnte. Hier drohte ihm keine Gefahr mehr, hier war er sicher und …

Rodney, wo ist Rodney?

Der blitzartige Gedanke riss ihn aus dem traumgleichen Dämmerzustand und er fuhr hoch, wollte sich aufsetzen und - seine Hände waren gefesselt. Er war an dieses verdammte Bett gefesselt. Fieberhaft zerrte er an den Riemen, die seine Handgelenke an dünnen, aber unnachgiebigen Metallstangen hielten.

Er musste hier weg, musste Rodney finden.

„Colonel“, erklang eine vertraute Stimme plötzlich direkt neben ihm und eine Hand legte sich auf seine Schulter. „Immer mit der Ruhe, mein Junge. Sie sind in Sicherheit.“

John schrak unter der Berührung zusammen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Sprecher.

Wraith!

Der Kontrast zwischen dem Anblick des zähnefletschenden, weißhaarigen Monsters, das mit gelben Reptilienaugen auf ihn herabstarrte, und der besänftigenden Stimme, war auf groteske Art pervers. Der Wraith sprach weiter, versuchte ihn einzulullen, gefügig zu machen. Eine neue Taktik?

„Es tut mir sehr leid“, seufzte der Wraith theatralisch, grinste teuflisch und machte eine Kopfbewegung in Richtung der Fesseln. „Wir mussten Sie fixieren, Sie haben immer wieder versucht, sich die Infusionsnadel herauszuziehen.“

Johns Blick schoss zu seinem Handrücken, in dem ein Zugang für einen Tropf steckte. Die Kanüle führte zu einem Infusionsbeutel, gefüllt mit einer farblosen Flüssigkeit, die Tropfen für Tropfen in seinen Körper sickerte. Um sein Handgelenk schloss sich eine breite, stabile Manschette mit Metallöse und Klettverschluss.

„Mach das weg, verdammt!“, zischte er und zerrte wild an seinen Fesseln, warf sich auf dem schmalen Bett hin und her. Sein Herz hämmerte, schien seine Brust sprengen zu wollen. Er schwitze, ihm war plötzlich übel und seine Sicht verschwamm.

Hände packten ihn an den Schultern und pressten ihn aufs Bett. „Beruhigen Sie sich! Colonel! Oh, verdammt aber auch!“ Die Stimme wurde lauter. „Schwester Ann, wir müssen die Dosis erhöhen.“

„Ja, sofort, Doktor Beckett.“

Die Hände drückten ihn immer noch erbarmungslos nieder. Etwas Warmes rann durch seinen Arm, seinen Körper, ließ seine Glieder wie Blei und seine Gedanken wie Sirup werden.

„Rodney“, wisperte er mit schwerer Zunge. „Was habt ihr mit Rodney gemacht?“

„Rodney schläft, ihm geht es gut“, sagte die Stimme mit falscher Aufrichtigkeit.

Lüge! Verdammter Lügner! Rodney …

John riss an seinen Fesseln und kämpfte noch einen Moment länger gegen die lähmende Dunkelheit, dann fielen ihm die Augen zu.

~ooOoo~



Lasin öffnete die Augen und richtete sich in seinem Bett auf. Sein Kopf war schwer und schmerzte leicht. Es war sehr hell in dem Schlafraum seiner Hütte. Zu hell für die Morgendämmerung, die ihn üblicherweise beim Aufwachen empfing. Der Gedanke vertrieb den Rest der Benommenheit und er erhob sich rasch. Wie lange hatte er geschlafen?

Ein Sonnenstrahl drang plötzlich durch das kleine Fenster, fiel auf das bunte Muster des geknüpften Wandteppichs an der gegenüberliegenden Wand und verblasste wieder. Bei Taramus! Es musste schon Nachmittag sein, dem Sonnenstand nach zu urteilen. Und es war bewölkt.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm dichte, schnell ziehende Wolken, durch die nur ab und zu vereinzelt ein Sonnenstrahl drang. Der Wind zerrte an den Ästen der Ude-Sträucher, zerzauste die trockenen Grasbüschel, die hinter seiner Hütte wuchsen und die einzigen noch lebendigen Pflanzen in seinem kleinen Garten waren.

Lasin atmete tief durch. Es war der gute Wind. Wind, der von den Bergen kam. Schwer vor Feuchtigkeit und dem Versprechen auf Regen. Auf Leben. Lasins Lippen bebten und seine Augen brannten. Das Dorf würde überleben. Für einen Moment musste er sich an den schmalen Fensterrahmen klammern um nicht zu stürzen.

Er lehnte seine Stirn gegen das warme Holz und sandte ein stummes, aber inbrünstiges Dankgebet an Taramus. Er hatte Gnade gezeigt. Er hatte die Sühne für den Frevel akzeptiert und …

Der Frevler! McKay, Sheppard! Sie befanden sich noch immer am Ort des Verborgenen und ihre Zeit würde bald um sein. Lasin fuhr sich mit der Hand über die feuchten Augen. Das, was jetzt kam, verabscheute er am meisten. Menschen – ihre Überreste - aus dem Ort des Verborgenen zu holen, das Wehklagen der Angehörigen, die Trauer ihrer Freunde zu erleben.

„Es war Taramus’ Wille. Und das Dorf wird überleben“, flüsterte er, aber die Kälte in seinem Magen ließ sich nicht vertreiben.

So schnell wie sein schmerzender Kopf und das leichte Schwindelgefühl es zuließen, wusch Lasin sich, kleidete sich an und verließ die Hütte.

Pajuni wartete im Schneidersitz auf einer Grasmatte neben dem Eingang, so wie sein Zweiter es üblicherweise tat, wenn er etwas mit ihm zu besprechen hatte. Er stand auf und verneigte sich, als er Lasin bemerkte. Hinter ihm knieten, ebenfalls mit geneigten Häuptern, Mikor und Ralin. Lasins Herz sank. Warum bewachten sie nicht den Ort des Verborgenen? Was war geschehen? Sein Blick glitt über den menschenleeren Marktplatz und sein Atem stockte. Wo waren die spielenden Kinder? Die Frauen und Männer, die normalerweise vor den Hütten ihre Arbeiten verrichteten? Das Dorf wirkte wie ausgestorben.

Lasin schluckte hart „Zweiter“, krächzte er mit einer Stimme, die ihm kaum gehorchte, „was geht hier vor? Wo sind all die Menschen?“

Pajuni hob den Kopf und sagte leise: „Sie sind in ihren Hütten und beten.“ Er holte tief Luft. „Die Gefangenen wurden von ihren Freunden befreit.“

„Das ist … unmöglich“, stieß Lasin entsetzt hervor. „Wie konnte das geschehen?“

„Sie hatten den Zweiten als Geisel genommen und uns gezwungen, die Reihenfolge der heiligen Symbole zu enthüllen, Ehrwürdiger“, wisperte Ralin und hielt die Augen weiter zu Boden gerichtet.

Pajuni errötete und wich Lasins Blick aus. „Mikor und Ralin trifft keine Schuld. Sie wurden getäuscht.“

Und nicht nur von den Fremden, wie mir scheint, dachte Lasin bitter und musterte seinen Zweiten. „Wann wurden sie befreit?“, erkundigte er sich beherrscht. Vielleicht war noch nicht alles verloren, vielleicht …

„Lange bevor ihre Zeit vorüber war. Taramus wurde bei der Vollstreckung seines Gerichts unterbrochen“, sagte Mikor mit erstickter Stimme und fügte hinzu: „Es gibt keine Worte, die ausdrücken können, wie sehr wir, Ralin und ich, unser Versagen bedauern und …“

Lasin schwankte, ließ sich zu Boden sinken, vergrub sein Gesicht in den Händen und lauschte der unglaublichen Erzählung von unsichtbaren Fluggeräten, Waffen, die Blitze spien, aber nicht töteten, sondern nur vorübergehend lähmten und Fremden, die Taramus seines Rechts auf Vergeltung beraubt hatten.

„Wir sind verloren“, wisperte Lasin. „Taramus wird uns den Regen vorenthalten, um uns zu strafen.“

„Nein, Ehrwürdiger“, sagte Pajuni fest. „Blicke in den Himmel.“

„Taramus wird die Wolken vorüberziehen lassen, ohne dass …“

Ein schwerer, warmer Regentropfen traf ihn im Genick. Lasin ließ die Hände sinken und hob das Gesicht dem Himmel entgegen. Graue Wolken hatten sich über dem Dorf zusammengeballt, eine Decke, die sich bis zum Horizont erstreckte. Ein weiterer Tropfen traf Lasins Wange, dann noch einer. Schließlich prasselte süßer, Leben spendender Regen auf ihn hernieder. Die Art von Regen, der andauern würde, der die leeren Brunnen und Kanäle füllte, der eine reiche Ernte verhieß.

Lasin hörte Mikors befreites Lachen, sah, wie die Türen der Hütten sich langsam öffneten und Männer, Frauen und Kinder - zuerst mit ungläubigem Staunen, dann mit heller Freude auf den Gesichtern - heraustraten. Sekunden später war der Marktplatz mit lachenden Menschen gefüllt, die ihre Arme dem Wasser entgegenreckten, das in steten Tropfen auf sie hernieder fiel. Mit Tränen in den Augen beobachtete Lasin wie sein Volk auf dem inzwischen schlammigen Marktplatz tanzte und Taramus’ Güte pries.

„Taramus hat uns gesegnet, Ehrwürdiger“, erklang Pajunis Stimme. Lasin sah zu ihm hoch. Pajuni lächelte und streckte ihm die Hand entgegen.

Lasin ergriff sie und ließ sich von seinem Zweiten aufhelfen.

„Komm“, sagte Pajuni leise und legte ihm einen Arm um die Taille. „Ruh dich aus, Ehrwürdiger. Ich lasse dir etwas Brot und Mukus-Brühe bringen. Du solltest dich jetzt stärken.“

Dankbar stütze Lasin sich auf Pajunis Arm und ließ sich von ihm die wenigen Schritte zu der grob gezimmerten Bank neben seiner Hütte führen, wo ihn ein Vordach vor dem strömenden Regen schützte. Tief atmete Lasin die feucht-warme Luft ein, die nach Erde, Gräsern und Leben roch. Es war vorüber - die Dürre, die Angst, das Dorf an den Hunger zu verlieren. Jetzt erst, da der Regen diese Sorge wegspülte, spürte Lasin, wie sehr ihn das Fasten tatsächlich geschwächt hatte. Er setzte sich mit einem Seufzen. Dann fragte er leise: „Die Gefangenen, Pajuni? Wie … ging es ihnen, als …?“

Ein Lächeln huschte über Pajunis Gesicht. „Sie haben es beide überlebt. Ihr Heiler hofft, dass sie sich wieder erholen.“

Der Knoten in Lasins Magen löste sich etwas und beinahe hätte er Pajunis Lächeln erwidert. Schon im nächsten Moment schalt er sich für sein unangebrachtes Mitgefühl. Es war nicht richtig, froh darüber zu sein, dass es einem Frevler gelungen war, Taramus’ Gerechtigkeit zu entgehen. Andererseits – wenn Taramus diesen Ausgang nicht gewollte hätte, dann hätte er McKay und Sheppard nie ziehen lassen und sein Volk dann doch mit Regen belohnt.

„Taramus ist gnädiger als ich für möglich gehalten hatte“, gestand Lasin.

„Oder aber wir haben es uns unnötig schwer gemacht, haben seine Gesetze zu streng ausgelegt“, versetzte Pajuni beiläufig.

„Etwas, wovon du mich in der Vergangenheit schon des Öfteren überzeugen wolltest.“
Lasin musterte seinen Zweiten, das offene Gesicht, die hellen, ausdrucksstarken Augen. Pajuni hatte für die Fremden Partei ergriffen und seine Verlegenheit während Ralins Schilderung der Befreiung, sprach Bände. Sein Beitrag dazu war vermutlich nicht nur der einer hilflosen Geisel gewesen.

Pajuni begann nervös mit den Fransen seines Ärmels zu spielen, fühlte sich unter dem forschenden Blick sichtlich unwohl. Dennoch sah er Lasin fest in die Augen. Der Junge erinnerte ihn in diesem Moment mehr denn je an Ota. Widerspenstig - ja. Aber auch aufrichtig. Ein Grund, warum er ihn zu seinem Zweiten gemacht hatte. Lasin wusste: Würde er Pajuni jetzt direkt fragen, ob er den Fremden geholfen hatte – er würde eine ehrliche Antwort erhalten.

Lasin hielt den Augenkontakt noch einen Moment länger, dann erlöste er Pajuni mit einem nachdenklichen Nicken und sagte ruhig: „Es ist wird mir eine Lehre sein, deiner Meinung in Zukunft mehr Beachtung zu schenken.“ Ein zögerndes, dankbares Lächeln stahl sich auf Pajunis Gesicht.

Bevor sein Zweiter etwas erwidern konnte, entließ Lasin ihn mit einer Handbewegung. „Und jetzt hole mir bitte etwas von der Brühe, die du vorhin erwähnt hattest.“

„Ja, Ehrwürdiger. Ich … ich danke dir.“ Pajuni verneigte sich tiefer als nötig, wandte sich um und eilte durch den strömenden Regen zum Vorratshaus.

Lasin blickte ihm nach und lächelte. Dann drehte er die Handfläche in seinem Schoß nach oben und beobachtete, wie sich die schweren Tropfen darin sammelten. Wenn Taramus das Handeln seines Zweiten so offensichtlich gut hieß, wer war er dann, es in Frage zu stellen?

~ooOoo~



Als John das nächste Mal aufwachte, stand Carson Beckett an seinem Bett und kontrollierte die Tropfgeschwindigkeit der Infusionslösung.

„Carson“, wisperte John heiser, versuchte sich aufzurichten und sank mit einem unterdrückten Stöhnen wieder in die Kissen. Seinem Kopf bekamen plötzliche Bewegungen eindeutig nicht.

„Colonel!“ Carson lächelte zögernd, streckte die Hand aus, als wolle er Johns Schulter berühren, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und ließ den Arm wieder sinken. „Sie sind wach“, stellte er fest und fügte rasch hinzu: „Sie wissen, wo Sie sind?“

John nickte. Carson, eine grünliche, zu dünne Bettdecke, ein Tropf, der typische Geruch nach Desinfektionsmitteln und steriler Sauberkeit - kein Zweifel. „Krankenstation.“

Carson strahlte. „Sieht so aus, als wären Sie wieder voll da.“

„Scheint so“, murmelte John abwesend. Er war zu müde, um sich zu fragen, was genau Carson mit „voll da“ meinte, er wollte nur eines - weiterschlafen. Aber zuerst musste er wissen, wo … Er sah sich um. Die Betten zu seiner Rechten und zu seiner Linken waren leer. „Wo ist McKay?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Es geht ihm gut“, erwiderte Carson beruhigend. „Er schläft. Und Sie sollten auch noch etwas schlafen.“

Erleichtert schloss John die Augen. „Okay.“

„Willkommen daheim, John“, sagte Carson herzlich.

~ooOoo~



John verbrachte zwei lange Tage in einem der separaten Räume der Krankenstation, starrte auf die beige-grauen Wände und ergab sich der verwirrenden Achterbahnfahrt, die seine Gedanken und Erinnerungen vollführten. Selbst einen Tag nach ihrer Rettung konnte er sich nur kurze Zeit konzentrieren und schaffte es kaum, einem Gespräch zu folgen. Teyla, Ronon, Elizabeth, am späten Nachmittag dann auch Rodney, besuchten ihn, doch alles, was davon hängen blieb, war Rodneys Enttäuschung über das komplett entleerte ZPM der Palatianer. Er schlief viel, während das von Carson entwickelte Gegenmittel durch seine Adern rann.

Den nächsten Tag verschlief er sogar fast komplett. Am Abend ging es ihm dafür deutlich besser. Aus dem wattigen Chaos in seinem Kopf schälten sich echte Erinnerungen, blitzartige Momentaufnahmen, Bilder und Gefühle, die er mühsam in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen suchte.

Die Zelle, Dunkelheit, Panik und Angst – seine und Rodneys, seine wilde, verzweifelte Entschlossenheit einen Wraith zu töten, den es nicht gab, seine Hände um Rodneys Kehle, Rodneys Hände, die ihm Halt gaben, Rodneys Lippen auf seinen …

Er erinnerte sich nicht an Details, etwa, wie aus dem Versuch, Rodney zu töten, ein leidenschaftlicher Kuss geworden war, oder wer von ihnen damit begonnen hatte. Aber er wusste noch ganz genau, dass es unmöglich gewesen war, es nicht zu tun, Rodney nicht zu berühren, ihn nicht zu küssen. Wie ein Bedürfnis, so notwendig wie Atmen, wie das Töten des Wraith.

Eine Auswirkung dieser Sporen, wie ihm klar wurde, nachdem er halbwegs in der Lage war, Carsons Erklärungen zu folgen. Nicht nur unterdrückte Ängste kamen zum Vorschein, auch … anderes.

Die Frage war keineswegs, was er für Rodney empfand. Das wusste er schon lange, auch wenn es offensichtlich Alkohol, oder außerirdische Sporen brauchte, damit er diesen Gefühlen nachgab.

Die Frage war, was er jetzt damit tun sollte.

~ooOoo~


Teil 7

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