sinaidas_fancorner: (Rodney)
[personal profile] sinaidas_fancorner
Die Palatianer sind ein freundliches, einfaches Volk. Deshalb wundert sich auch niemand in Sheppards Team, als Rodneys Fauxpas mit einer harmlosen Strafe geahndet wird, die für John und Rodney mehr Geduldsprobe als Problem ist.
Aber dann erhalten Ronon und Teyla eine beängstigende Information und mit einem Schlag verändern sich die Dinge grundlegend für alle Teammitglieder.
McKay/Sheppard, Ronon, Teyla, ein paar OCs, h/c, Drama, romance, etwas Humor, eine Prise Horror, ca. 27.000 Worte)
Rating: ab 12
Anmerkung:
- Diese Story ist eine Art Fortsetzung zu meinen FFs "Ein Schritt näher" und "Reset", lässt sich aber auch verstehen, ohne dass man diese beiden Fics vorher gelesen hat.
- Die Story spielt in Staffel 3, zwischen den Folgen „Phantoms“ und „The Return1“
- Vielen, herzlichen Dank an [livejournal.com profile] patk für ihr gründliches Beta, für ihre Geduld mit mir und dieser Geschichte und für ihre tollen Vorschläge, die so manche Szene um Längen verbessert haben. Eine besondere Hilfe war sie mir beim Ordnen der Gedanken und Gefühle der Protagonisten. Alle verbleibenden Fehler gehen ganz klar auf mein Konto. :)
- Die Geschichte ist im Rahmen des MiniBangs im Stargate-Project entstanden, daher gibt es wunderschöne, passende Fanart von [livejournal.com profile] lorien_79 dazu. Vielen, vielen Dank dafür. :)

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Lasin blinzelte in das zu grelle Sonnenlicht, das den Marktplatz seines Dorfes in helles Gleißen tauchte. Mikor und Ralin entließen den Gefangenen - McKay, wie seine Gefährten ihn nannten - gerade aus dem Holzkäfig, der einige Schritte weiter im Schatten des großen Ude-Busches aufgestellt worden war.

Seufzend fuhr Lasin sich durch sein kurzes, schlohweißes Haar. Die Entscheidung, den Weg des Verborgenen als Strafe für den Frevler von der fremden Welt zu wählen, war eine grausame – dessen war Lasin sich bewusst. Grausamer sogar, als das Gesetz es vorschrieb. Aber die Wasser bringenden Monate standen bevor. Sicherlich würde Taramus die Sühne für die Beleidigung akzeptieren und dem Land nicht den dringend benötigten Regen vorenthalten.

Taramus, Herr über das Bergfeuer, war eine mächtige Gottheit, voller unerwarteter Güte, aber auch launisch.

Seit vierzehn Sonnenwenden war Lasin jetzt der Oberste seines Volkes und er wusste aus Erfahrung, es konnte nur gut sein, Taramus etwas mehr zu geben, als er forderte, besonders so kurz vor der Regenzeit.

„Ehrwürdiger Lasin“, ertönte eine sanfte Stimme neben ihm. „Wir sind sehr dankbar, dass Ihr bereit wart, Eure Entscheidung zu überdenken.“

Lasin nickte und musterte die junge Athosianerin, die neben ihm auf der geflochtenen Grasmatte saß. Sie lächelte und wirkte sichtlich erleichtert. Ronon von Sateda lehnte mit verschränkten Armen an einem der Stützbalken, die den Baldachin hielten, der Lasin und die Fremden vor der Sonne schützte. Das kalte, drohende Starren des Kriegers war einer entspannteren Miene gewichen, jetzt da die Verhandlungen vorüber und McKay aus dem Käfig befreit war.

„Wirklich, sehr dankbar … ähm, Ehrwürdiger“, bestätigte der Mann, den sie Sheppard nannten. Seine Lippen lächelten, aber seine Augen waren ernst, wachsam. Die Augen eines Mannes, der viel gesehen hatte, Gutes wie Böses, Krieg, Folter, Verrat, Loyalität, Freundschaft, Liebe. Er war perfekt als McKays Begleiter auf dem Weg des Verborgenen, stellte Lasin mit einem Hauch Schuldbewusstsein fest und spürte, wie sein Magen sich kurz zusammenzog. Er hatte Sheppard schätzen gelernt, in den Stunden der Verhandlung.

„Wir alle sind in der Hand des Allmächtigen und er ist gütig“, sagte Lasin fest. Ja, er glaubte an Taramus’ Güte, nach wie vor, und das war es, woran er jetzt denken musste. „Solange McKay dem ersten Frevel nicht einen weiteren hinzufügt, kann Taramus auf diese Weise besänftigt werden.“

„Oh, ich sorge höchstpersönlich dafür, dass McKay keinen weiteren … Frevel begeht, Ehrwürdiger“, versicherte Sheppard mit einem Hauch Amüsement in der Stimme. Er beschattete seine Augen mit einer Hand und blickte zu McKay hinüber, der von Mikor und Ralin in das Waschhaus, eine schäbige Hütte, die diese Bezeichnung schon lange nicht mehr verdiente, geführt wurde. Bei Taramus, sie brauchten den Regen wirklich. Was waren diese Fremden, gegen das Überleben des ganzen Dorfes?

„Wo bringen sie ihn hin?“, fragte Sheppard, fuhr herum und runzelte die Stirn. „Wir hatten vereinbart, dass …“

„Es ist alles in Ordnung“, versicherte Lasin. „Das ist unser Waschhaus. Er kann sich von Staub und Schweiß reinigen und etwas Wasser trinken, dann bringen wir euch beide an den Ort des Verborgenen.“

„Eine Art … leere Kerkerzelle, richtig?“, vergewisserte Sheppard sich und wechselte einen raschen Blick mit Teyla von Athos. „In der wir einen Tag verbringen werden. Nicht mehr.“

Lasin neigte zustimmend den Kopf. „So haben wir es besprochen. Wir stehen zu unserem Wort.“

„Ich vertraue darauf“, erwiderte Sheppard mit einem Lippenverziehen. Die Härte in seinen Augen signalisierte, dass Lasin dieses Vertrauen besser nicht enttäuschen sollte. In seinem eigenen Interesse.

„Was genau wird sie an diesem Ort erwarten?“, fragte Teyla höflich.

„Die Gnade des Allmächtigen. Und das, was sie mit hinein nehmen“, erläuterte Lasin geduldig.

Sheppard lächelte plötzlich. Ein echtes, offenes Lächeln. Er sah rasch zu Ronon von Sateda hinüber, der ihn aber nur mit deutlicher Verständnislosigkeit anschaute.

Mit einem kurzen Schulterzucken murmelte Sheppard: „Yoda. In ‚Star Wars’“. Dann blickte er wieder zur Tür des Waschhauses und sagte, mehr zu sich selbst: „Rodney wird begeistert sein.“

Ronon und Teyla wechselten einen amüsierten Blick.

Lasin biss sich auf die Lippen. Er erkannte Bindungen, wenn er sie sah und diese Fremden standen sich nahe. Er spürte so etwas wie Mitgefühl für diese drei, die glaubten, die Verhandlung um das Leben ihres Gefährten gewonnen zu haben. Sie konnten nicht ahnen, wie hoch jetzt die Wahrscheinlichkeit war, ihn zu verlieren, trotz Taramus’ Güte.

Und nicht nur ihn. Unwillkürlich wanderten Lasins Augen erneut zu Sheppard. Der Weg des Verborgenen war in Nebel gehüllt, undurchschaubar und endete meist in Blut oder Wahnsinn.

„Ehrwürdiger!“ Pajuni, der Zweite des Dorfes, eilte mit raschem Schritt auf die Gruppe unter dem Baldachin zu, verbeugte sich im Vorübergehen höflich vor den Fremden und wandte sich dann an Lasin. „Ein Wort in Ruhe, Ehrwürdiger. Bitte.“

Lasin runzelte die Stirn und erhob sich langsam und bedächtig. Das selbst auferlegte Fasten begann an seinen Kräften zu zehren und zu rasche Bewegungen ließen ihn schwindlig werden. Niemand erwartete von einem Mann seines Alters ein solches Opfer, aber der Wind hätte schon vor Tagen drehen und kühlere Luft und Wolken von den Bergen her bringen müssen. Der Wasserstand des Brunnens am Südfeld war inzwischen so niedrig wie schon seit Jahren nicht mehr. Ihr aller Leben lag in Taramus’ Hand.

Lasin führte seinen jungen Stellvertreter nur widerwillig ein paar Schritte außer Hörweite der Fremden. Er ahnte Pajunis Anliegen.

Pajuni strich sich eine Strähne seines dunklen und wie immer zu langen Haares aus den Augen und stieß hervor: „Bitte, überdenke diese Entscheidung. Es kann sie das Leben kosten. Beide.“

„Es war ihre Entscheidung“, erwiderte Lasin bestimmt. „Sie hätten nicht verhandeln müssen, sie hätten McKay eine Nacht mit den wilden Lasuli-Hunden verbringen lassen können. Er hätte es – so Taramus gewollt hätte – überstehen können.“

McKay hätte wahrscheinlich überlebt, wäre erfahrungsgemäß mit ein paar Bisswunden, Kratzern, der verdienten Demütigung und Albträumen davon gekommen, denn zu dieser Zeit des Jahres waren die Rüden im Allgemeinen mehr daran interessiert, Weibchen zu finden, als daran, einen in einen Käfig gesperrten Mann anzugreifen, der noch dazu mit Mukus-Blut beschmiert war, das für die Hunde abstoßend roch. Jeder hier wusste das.

Pajunis Augen blitzten und Lasin erkannte in ihnen den Funken der Rebellion, den er in dem Jüngeren allzu oft sah, in letzter Zeit. Etwas, das ihn an ein sehr ähnliches Augenpaar unter rötlichen, immer unordentlich wirkenden Haaren erinnerte. Offensichtlich hatte Pajuni von seiner Großmutter Ota nicht nur die Intelligenz, sondern auch die Widerspenstigkeit geerbt. Lasin erinnerte sich sehr gut, wie er und Ota als junge Adepten mehr als einmal wegen ihrer Sturheit und ihres unerschrockenen Infragestellens jeder Regel aneinandergeraten waren.

„Das wussten sie aber nicht, als sie auf Verhandlungen bestanden“, wandte Pajuni ein. „Sie dachten, sie retten ihren Freund vor einem grausamen und sicheren Tod. Sie denken, dass der Weg des Verborgenen die leichtere Strafe ist. Du hast sie getäuscht … Ehrwürdiger.“

Lasin entging das leichte Zögern vor dem letzten Wort nicht. Bitterkeit stieg in ihm auf. Der junge Pajuni konnte sich bestimmt nicht an Taramus’ Zorn vor fünfzehn Wintern erinnern und daran, dass es nur ihm – Lasin – und der Rückkehr zu den alten Traditionen zu verdanken war, dass das Dorf überlebt hatte.

„Ich habe ihnen mehrmals gesagt, dass McKay das Lasuli-Ritual überstehen kann“, erinnerte er seinen Zweiten beherrscht. „Dennoch war es für sie nicht akzeptabel. Sie haben auf einer anderen Strafe bestanden. Ich habe ihnen die einzige Alternative angeboten, die Taramus gestattet. Sie haben akzeptiert.“ Mit einer raschen Geste hinderte er Pajuni daran, ihn zu unterbrechen. „Mehr noch, Sheppard hat sich sofort bereit erklärt, als McKays Begleiter zu fungieren, als er erfahren hat, dass der Ort des Verborgenen nur zu zweit aufgesucht werden darf.“ Er blickte Pajuni fest an. „Und ich habe nie behauptet, dass der Weg des Verborgenen die leichtere Strafe sei“.

„Nein, aber du hast sie in diesem Glauben gelassen. Sie sind mächtig, diese Fremden. Sie beherrschen die Magie der Vorfahren. Sie haben sogar Fluggeräte, mit denen sie den Ring der Vorfahren jenseits der großen Wüste erreichen können. Und nicht nur das – sie respektieren uns. Uns, unseren Glauben, unsere Sitten. Nur deswegen haben sie verhandelt, anstatt ihren Gefährten mit Gewalt zu befreien.“

„Sie haben ein Ziel, Pajuni. Sie wollen das Facetten-Auge der Vorfahren. Es ist ihnen wichtig genug, um sich zurückzuhalten und uns nicht zu verärgern.“

Pajuni schüttelte den Kopf. „Selbst das hätten sie sich mit der Feuerkraft ihrer Waffen holen können. Sie verdienen Aufrichtigkeit.“

„Taramus verdient Vergeltung des Frevels.“

Pajuni schwieg und blickte zu Boden.

Lasin seufzte. Sein Zweiter hatte noch viel zu lernen und eine der härtesten Lektionen war, dass es Demut verlangte, Taramus zu dienen und anzuerkennen, dass man das eigene menschliche und damit unzulängliche Empfinden für Recht und Unrecht seinem Gesetz unterwerfen musste.

„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, forschte Lasin. „Taramus erzürnen, um Fremden gefällig zu sein? Ihnen das volle Geheimnis des Weges des Verborgenen enthüllen?“

„Das wäre kein Gesetzesbruch“, sagte Pajuni ruhig und sah auf.

„Nein, aber was würden die Fremden dann wohl tun, Zweiter?“

Pajuni antwortete nicht, sondern biss sich auf die Lippen und wich Lasins Blick aus.

Lasin nickte. „Sie würden auch den Weg des Verborgenen ablehnen, nicht wahr? Und wir haben lediglich das Recht, den Frevler festzuhalten, nicht aber seine Gefährten. Also würden sie binnen weniger Stunden, noch bevor das Lasuli-Ritual überhaupt beginnen kann, heimkehren und Hilfe holen, McKay befreien und Taramus seines Rechtes berauben, Vergeltung zu üben.“

Pajuni schwieg noch immer.

„Glaube mir, ich habe es wohl durchdacht und die einzige Möglichkeit gewählt, um Taramus nicht weiter zu erzürnen und seine Gesetze zu achten.

Pajuni fixierte ihn. „Vielleicht ist es an der Zeit, einige Gesetze des Allmächtigen zu … hinterfragen, Ehrwürdiger“, erwiderte er bedächtig.

Lasin hatte geahnt, dass ihr Gespräch früher oder später darauf hinauslaufen würde, auch wenn Pajuni seine rebellische Einstellung vorher nie so deutlich in Worte gefasst hatte. Er hob die Hand in einer gebieterischen Geste und hinderte seinen Zweiten daran, noch mehr zu sagen. „Genug! Die Fremden haben zugestimmt. Sie werden den Weg des Verborgenen gehen.“

„Aber …“

„Das ist mein Wort und ich werde nicht davon weichen“, sprach Lasin den alten Schwur, der das Ende jeder Auseinandersetzung darstellte.

Pajuni hielt seinem Blick einen Augenblick zu lange stand, dann senkte er den Kopf. „Ich füge mich, Ehrwürdiger.“

„Ich nehme es zur Kenntnis.“ Lasin holte tief Luft. Er trug die Verantwortung für sein Volk. Seine Leute vor Taramus’ Zorn zu schützen hatte Vorrang vor dem Wohlergehen der Fremden.

Pajuni hob den Blick, der Ausdruck in seinen Augen war verschlossen, seine Stimme kühl. „Dann werde ich jetzt den Tuomi–Tee zubereiten, Ehrwürdiger.“

Lasin nickte und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. „Ja, geh deiner Pflicht nach.“

Mit einem knappen Nicken wandte Pajuni sich um und eilte in Richtung des Vorratshauses am Ende des Marktplatzes. Lasin blickte ihm noch einen Augenblick gedankenverloren nach, bevor er zu den Fremden zurückkehrte.

Auch wenn Pajuni sein Handeln jetzt sichtlich nicht guthieß – der Tag würde kommen, an dem er es verstehen würde.

~ooOoo~


Angespannt musterte Rodney aus dem Augenwinkel einen der beiden bulligen, mit Speeren und Messern bewaffneten Muskelmänner, die ihn und Sheppard durch einen nur spärlich erleuchteten unterirdischen Zellentrakt eskortierten. Die grob gemauerten, feucht schimmernden Wände und der Fackelschein ließen an mittelalterliche Verliese, Kerker und damit an Folter denken. Nicht gerade Rodneys bevorzugter Gedankengang, ganz besonders nicht, wenn er das Opfer am spitzen Ende des Folterinstruments sein konnte.

Die Zellentüren bestanden aus massiven, ebenen Metallplatten ohne erkennbaren Schließmechanismus, was Rodney nicht in erster Linie wegen des Anachronismus störte sondern weil sie sehr sicher wirkten. Sicher wie in ‚ausbruchssicher'. Was … schlecht war. Und absolut unerwartet, angesichts des ansonsten sehr niedrigen Stands der Technologie dieses Völkchens.

Vermutlich stammte dieser unterirdische Komplex aus besseren Zeiten, erbaut von Generationen vor den jetzigen Benutzern dieser Anlage. Eine Erkenntnis, die ihm persönlich im Moment allerdings auch nichts nützte.

Resigniert wandte Rodney seinen Blick wieder geradeaus, wo Sheppard ein paar Schritte vor ihm den Gang entlang schlenderte, so entspannt und lässig, als wäre er auf dem Weg zum Frühstück und nicht zu ihrer möglichen Hinrichtung. Seufzend wischte Rodney sich den Schweiß von der Stirn. Warum nur war es so warm hier? Geothermische Aktivität? Ein nach wie vor aktiver Vulkan? Und was erwartete ihn und Sheppard jetzt?

Rocky oder Rambo hier zu fragen war zwecklos. Die einzigen Antworten, zu denen sie fähig zu sein schienen, bestanden aus Grunzlauten und einer Speerspitze, die seinen Rippen gefährlich nahe kam, sobald er nur daran dachte, den Mund aufzumachen. Daraus und aus den hastig geflüsterten Bemerkungen des Colonels – „Keine Fragen jetzt“, „Später!“ und „Rodney, verdammt, halt einfach die Klappe!“ - schloss er, dass es wirklich angebracht war, genau das zu tun und abzuwarten.

Was konnte auch noch viel Schlimmeres kommen als die vergangenen Stunden in dem Käfig?

Also war er still. Zumindest so lange, bis Rambo ihm den Speerschaft schräg vor die Brust hielt, die Spitze gefährlich nahe an seiner Kehle, und ihn so zum Stehenbleiben zwang.

„Muss das sein? Ich reagiere sehr empfindlich auf …"

Sheppards warnendes „McKay" und ein drohender Blick des Colonels über die Schulter ließen ihn den Rest des Satzes hinunterschlucken.

Rocky öffnete eine der Zellen - die letzte in dem langen Gang und die einzige, deren Tür einen kompliziert wirkenden Schließmechanismus aufwies - und bedeutete Sheppard mit einem fast schon freundlichen Nicken den kleinen, dunklen Raum zu betreten. „Möge der Allmächtige dich schützen."

„Danke", erwiderte der Colonel ausgesucht höflich.

„Möge der Allmächtige dich schützen", kam das Echo von Rambo, ebenfalls an Sheppard gerichtet. Er hingegen erhielt einen heftigen Stoß, der ihn in die Zelle stolpern ließ. Offenbar wünschte ihm niemand überirdischen Schutz. Fein. Nicht, dass er ihn nötig gehabt hätte. Rodney sah noch, wie Rocky Sheppard einen Lederbeutel in die eine und einen Holzeimer mit Deckel in die andere Hand drückte, dann fiel die Zellentür mit unmelodischem Quietschen ins Schloss und ließ sie in völliger Schwärze zurück.

Rodney lehnte sich mit dem Rücken gegen das kalte Metall der Tür, schloss sekundenlang die Augen, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich an die Finsternis anzupassen, öffnete sie wieder und sah – immer noch nichts. Absolut nichts.

„Oh. Das ist … nicht gut. Überhaupt nicht gut."

Er holte tief Luft und zwang sich ruhig zu bleiben. Geschlossene Räume waren schlimm genug. Aber stockdunkle, geschlossene Räume verurteilten einem zu Abwarten, Hilflosigkeit, Sich-retten-lassen und damit dazu, das eigene Leben in die zweifellos inkompetenteren Hände anderer zu legen. Damit war das die übelste Zelle, in der er seit Langem gesteckt hatte. Nein, die übelste in der er jemals gesteckt hatte, inklusive des Käfigs, aber exklusive des Wraith-Kokons, der allerdings außer Konkurrenz lief und daher nicht wirklich zählte.

„Nett. Es hätte noch schlimmer kommen können." Sheppards Stimme – ohne jede Spur von Anspannung, aber was hatte er erwartet, es war schließlich Sheppard – erklang überraschend dicht neben ihm und ließ ihn zusammenzucken.

Rodney rollte die Augen und schnappte: „Natürlich. Es kann immer noch schlimmer kommen, solange man nicht tot ist und damit nicht mehr in der Lage zu behaupten, es könne noch schlimmer kommen. Solche sinnlosen Plattitüden sind in keiner Weise tröstlich."

„Sollte auch nicht tröstlich sein, Rodney." Jetzt schien Sheppard fast amüsiert. „Nur eine Feststellung. Außerdem ist das hier besser, als die Nacht unbewaffnet in einem Käfig am Rand der Wüste zu verbringen. Nackt und mit Rinderblut beschmiert. Leichte Beute für die Wölfe."

„Oh." Damit wusste er jetzt zumindest, was sich in den Bottichen befunden hatte, die zwei grimmig lächelnde Frauen neben dem Käfig platziert hatten. Und so gesehen war diese Zelle doch besser als der Käfig.

„Ja. ‚Oh'."

Rodney verschränkte die Arme vor der Brust und starrte herausfordernd ins Dunkle.

„Also, was geht hier vor? Warum stecken wir hier? Und – viel wichtiger – wann kommen wir wieder raus?"

Leises Knistern und Rascheln kam von Sheppards Position.

„Was ...?"

„Warte."

Jetzt klapperte es. Offenbar untersuchte der Colonel den Inhalt des Beutels.

„Was? Was ist? Bist du plötzlich nicht mehr in der Lage zwei Dinge gleichzeitig zu tun? Wie zum Beispiel meine Fragen zu beantworten und dabei deine Finger zu bewegen? Vor Kurzem jedenfalls konntest du noch gehen und dabei Dinge wie 'Halt die Klappe' zischen, wofür du mir übrigens auch noch eine Erklärung schuldig bist."

„Wie du meinst – Meredith", erwiderte Sheppard spitz.

Die Stimme kam nun von weiter unten, vermutlich war Sheppard in die Hocke gegangen, um die Tasche besser durchstöbern zu können.

Gerade als Rodney zu einer Erwiderung ansetzen wollte, hörte er ein leises „Plopp" gefolgt von einem Gluckern. Rodney schluckte unwillkürlich und rieb sich mit dem Handrücken über die Lippen. Sie prickelten und brannten noch von dem "Tee", den der Häuptling vorhin gemeinsam mit ihm und dem Colonel getrunken hatte. Wobei Rodney jede Wette einging, dass Sheppard an dem Gebräu in seinem Becher höchstens genippt und den Rest dann unauffällig entsorgt hatte. Gelegenheit dazu hatte er genug gehabt, denn die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war auf ihn – Rodney – gerichtet gewesen. Aber die eindringliche Bitte in Teylas Augen, Ronons starrer, drohender Blick, Sheppards ungeduldiges „Mach schon“ und die Tatsache, dass der Häuptling auch davon getrunken hatte, waren für Rodney überzeugend genug gewesen, sich jeglichen Protest zu verbeißen und das stinkende, sirupartige Zeug in einem Zug zu schlucken. Der Triumph in den Augen des „Unterhäuptlings“ angesichts des geleerten Bechers verursachte ihm jetzt noch ein nervöses Stechen in der Magengegend.

"Gib mir auch ..." Unwillkürlich streckte Rodney seine Hand aus, stieß gegen etwas Warmes, Haariges. Er zuckte zurück. "Was war das?"

"Mein Kopf, Rodney. Und jetzt hör auf zu zappeln, damit ich dir das Wasser geben kann, okay?"

"Zappeln? Wer zappelt hier?"

Etwas berührte ihn an der Brust, tastete sich über seinen Oberarm hinunter zu seiner Hand. Sichere Finger - Sheppards Finger - schlossen sich um sein Handgelenk, hielten es fest und Sekunden später fühlte Rodney das kühle, glatte Metall der Feldflasche und griff zu. "Ich hab' sie."

"Wirklich? Lass sie bloß nicht fallen, ich hab' keine Lust im Dunkeln 'such das Fläschchen' zu spielen."

"Da bist du nicht der Einzige", erwiderte Rodney Augen rollend.

Sheppard löste seinen Griff, ließ seine Finger jedoch auf Rodneys Arm ruhen. Vernünftig, das ersparte ihnen erneutes Umhertasten bei der Flaschenrückgabe und die unangenehme Erfahrung ausgestochener Augen oder Schlimmeres. Rodneys Haut kribbelte unter Sheppards federleichter Berührung. Rasch nahm er ein paar tiefe Schlucke aus der Feldflasche und verschloss sie wieder. "Okay." Er hielt das Gefäß, bis sich Sheppards Hand sicher darum schloss. Warme Fingerspitzen lagen auf seinem Handrücken.

"McKay, du ... kannst jetzt loslassen."

"Ähm ... ja." Hastig zog Rodney seine Finger zurück und lauschte den Geräuschen, mit denen Sheppard erneut in die Knie ging und das Gefäß wieder in dem Beutel verstaute.

Er holte tief Atem. „Was haben wir sonst noch?"

„Außer dem Toiletteneimer und den Feldflaschen noch ein paar Energieriegel. Wir werden also nicht verhungern."

„Das kommt darauf an, wie lange wir hier drin bleiben, was mich wieder zu meiner ursprünglichen Frage führt, Col..." Er unterbrach sich und starrte entsetzt in die Dunkelheit, wo Sheppards Stimme herkam. "Toiletteneimer?"

"Ja."

Rodney sank in sich zusammen. "Und ich dachte wirklich, es könnte nicht mehr schlimmer kommen."

"Trag's mit Fassung, McKay. Stell dir vor, wie es hier stinken würde, wenn jeder der Gefangenen einfach in ..."

"Danke, vielen Dank, ich hab's verstanden und durch meine überaus lebhafte Fantasie jetzt genug Stoff für Albträume, um die kommenden Nächte damit zu füllen." Er schüttelte sich. "Also ...?"

„Also ...“ Sheppards Arm streifte flüchtig an seinem aufwärts, als sich der Colonel wieder aufrichtete. „Du erinnerst dich an deine Bemerkung über den Gesichtsausdruck der Steinfigur am Haus des Häuptlings?“

„Ja, was …? Oh. Es … es ist mir so rausgerutscht.“ Rodney seufzte. „Ich hab also den Häuptling beleidigt, hm?“

„Nein, nein“, erwiderte Sheppard leichthin. „Das Urteil lautet lediglich ‚Gotteslästerung’.“

„Was? Das - das ist lächerlich! Ich habe nur … Ich meine - Gotteslästerung?"

„Diese Figur soll wohl ihren obersten Gott darstellen." Sheppards Tonfall klang verdächtig nach einem Schulterzucken. „Teyla hat Häuptling Lasin aber davon überzeugt, dass es keine Absicht war, sondern dass dir öfter mal ‚was rausrutscht.’“ Die Anführungszeichen waren praktisch zu hören. „Also, kein Käfig und gefressen werden für dich, aber dafür ein Tag Knast für uns."

Rodney rieb sich die bloßen Unterarme. Trotz der ungewöhnlichen Wärme in der Zelle war ihm plötzlich kühl und er bedauerte, dass man ihm mit dem Rest seiner Ausrüstung auch die Jacke abgenommen hatte.

„Der ‚Kein Käfig und nicht gefressen werden'–Teil ist beruhigend, zugegeben. Drei Stunden in dem Ding - während du, Teyla und Ronon Kaffeekränzchen mit dem Häuptling hattet - waren mehr als genug, vielen Dank." Wenigstens hatte er auch dieses Mal, wie immer, wenn es auf derartige Höllenplaneten ging, seine Spezial-Sonnencreme aufgetragen. Ohne diesen Schutz hätte seine Haut jetzt sicher Blasen geworfen. Die dürren Zweige dieses armseligen Busches, unter dem sein Käfig gestanden hatte, waren als Schattenspender keinesfalls adäquat gewesen.

„Verhandlungen um dein Leben, Rodney. Und es gab keinen Kaffee", versetzte Sheppard mit leichtem Bedauern.

„Und warum steckst du hier?"

Du hast zwar gottesgelästert …"

„Ich denke nicht, dass es dieses Wort gibt, Colonel."

„Aber in diese nette Unterkunft hier kommt man nur im Doppelpack.“

„Hm." Rodney runzelte die Stirn. „Erscheint dir das logisch? Ich meine, diese Zelle ist, trotz der Dunkelheit, sicher der ganzen "Wüste-bei-Nacht-unter-Wölfen"–Geschichte vorzuziehen und dann noch Gesellschaft? Das klingt für mich eher wie zwei Pluspunkte für den Gefangenen und nicht wie ein Kompromiss.“

„Das ist mir auch aufgefallen, stell dir vor, Rodney. Aber, weißt du, ich hab gedacht, ich erwähne es lieber nicht. Oder hätte ich’s tun sollen?“ Der Sarkasmus in Sheppards Stimme war nicht zu überhören.

„Nein, natürlich nicht. Ich frage mich nur – was ist der Haken bei dem Arrangement?“

An Sheppards langem Schweigen und seinem nicht sehr überzeugenden „Womöglich gibt es keinen“, erkannte Rodney, dass dem Colonel vermutlich dasselbe auch schon durch den Kopf gegangen war.

„Fein“, murmelte er, drehte sich um und ließ seine Hände forschend über die glatte Fläche der Tür gleiten. Hier musste es doch irgendwo ein Schloß geben. Metall, mehr Metall, eine schmale Fuge, dann Steine. Einer am anderen. Trocken auf der linken Seite der Tür, etwas feuchter auf der rechten. Feucht und glitschig. Und roch es hier plötzlich modrig? Angeekelt rieb Rodney sich die Hand an der Hose ab. Fantastisch. Kein Schloss, dafür höchstwahrscheinlich Schimmel. Er seufzte. „Ein Tag, also. ‚Tag' wie in ‚Rotationszeit dieses Planeten um seine Achse', oder ‚Tag' wie in ‚vierundzwanzig Stunden'?"

„Ich nehme an das war eine rhetorische Frage?", erkundigte sich Sheppard von links. „Und außerdem - keine Ursache Rodney, ich habe mich wirklich gern freiwillig hier mit dir einsperren lassen."

Etwas streifte Rodneys Rücken, berührte seine rechte Schulter. Instinktiv fuhr er herum und schlug blind danach, traf etwas Festes, aber Nachgiebiges, Lebendiges, bevor seine Hand festgehalten wurde. Panisch versuchte er, sich loszureißen.

"Hey, hey, immer mit der Ruhe, McKay, ich bin's."

"Was?" Rodney schnappte nach Luft. "Du ... du warst eben noch links von mir und ... und warum zum Teufel sagst du nichts, anstatt dich einfach an mir vorbei zu schleichen und ausgerechnet jetzt deine Trainingseinheiten zum „Wie bewege ich mich absolut lautlos“-Kurs zu absolvieren?

"Entschuldige"; erwiderte Sheppard aufrichtig. "Mehr Kommunikation wäre besser, hm?" Er ließ Rodneys Hand wieder los.

"Bitte. In deinem eigenen Interesse, Colonel." McKays Herz pochte immer noch hart und zu schnell in seiner Brust. "Wo habe ich dich erwischt?"

"An der Schulter. Ich werd's überleben. Okay, wie wär’s, wenn du dir mal die Tür vornimmst und die Wand rechts davon? Ich fang auf der anderen Seite an und komme dir entgegen. Schadet nichts, so viel wie möglich über den Raum hier rauszukriegen." Sheppards Schritte entfernten sich etwas von ihm.

"Jaja, ich bin schon dabei", murmelte Rodney. Er starrte in die Schwärze und rieb die Finger der Rechten geistesabwesend gegeneinander. Er glaubte immer noch, die Berührung von Sheppards Hand zu spüren, wie … damals, in der Nacht nach der Belagerung. Sheppards Finger, die nach seinen tasteten. Seltsam, dass er gerade jetzt daran denken musste. Es war über ein Jahr her und Rodney hatte es – gut - nicht vergessen, aber er hatte aufgehört darüber nachzugrübeln, was Sheppard tatsächlich gewollt hatte, in jener Nacht. Und es gab keinen Grund, ausgerechnet jetzt wieder damit anzufangen.

Entschieden schob er den Gedanken beiseite und massierte sich mit den Fingern die Nasenwurzel. Das angestrengte Starren in die Dunkelheit verursachte ihm bereits jetzt Kopfschmerzen. Aber er brachte es nicht über sich, die Augen länger als ein paar Sekunden zu schließen. Irgendwo in der Zelle tropfte Wasser, mit monotoner, nervenaufreibender Gleichmäßigkeit, ein stetiges Hintergrundgeräusch, das er mal mehr mal weniger bewusst wahrnahm, das ihn aber unruhig werden ließ, wie der Soundtrack eines Horrorfilms. "Achtundzwanzig Stunden, also."

„Ja." Sheppards Schritte waren jetzt ein leises Schlurfen von der anderen Seite des Raumes. Es platschte etwas, als liefe er durch Wasser.

„Und wie viele Energieriegel haben wir?"

„Genug. Ich faste. Zufrieden?"

„Machst du Witze? Nein, natürlich nicht." Rodney trommelte mit den Fingern gegen das kalte Metall der Tür. „Hör zu, die Tür hier hat weder Schloss, noch Klinke noch sonst etwas, das wir aufbrechen oder sprengen könnten. Wozu uns, nebenbei bemerkt, die nötigen Mittel fehlen, oder hast du gerade bei der Aufzählung der Dinge auf unserer Haben-Seite C4 erwähnt und es ist mir entgangen?"

„Nein."

„Nein. Das dachte ich mir." Er seufzte. „Falls die Palatianer also plötzlich ihren Ein-Tages-Deal vergessen sollten oder beschließen, dass Ronons Tischmanieren gotteslästerlich sind – was sie sind, und zwar in jeder Galaxie - und uns deshalb nie mehr hier rauslassen, könnten wir uns nicht einmal selbst befreien. Oder hast du einen Plan, von dem ich nichts weiß?" Sheppard hatte immer irgendeinen Plan, verrückt, selbstmörderisch oder undurchführbar, aber immerhin einen Plan. Auch wenn es im letzteren Fall meist Rodney überlassen blieb, die fehlenden Komponenten beizusteuern, damit er durchführbar wurde.

„Wir warten einfach, bis sie uns rauslassen. Das ist der Plan, Rodney."

„Das ist kein Plan, Colonel, das ist einfallslos."

„Ist es nicht. Ich bin nur realistisch."

„Oh bitte, seit wann?", versetzte Rodney Augen rollend.

„Seit dem Moment in dem ich in eine stockfinstere, fensterlose Zelle gesteckt worden bin, mit einer fest verschlossenen Tür, ohne C4 und vor allem ohne Licht." Er klang jetzt ein wenig gereizt. „Und mit dem Versprechen nach 28 Stunden wieder rausgelassen zu werden. Doch, ich denke, abwarten ist ein sehr guter Plan."

„Hm."

„Und wenn wir uns bis morgen um diese Zeit nicht gemeldet haben, schickt Elizabeth Lorne und ein paar seiner Marines.“

„Oh." Rodney ging es sofort besser. „Warum sagst du das nicht gleich? Das ist ein Plan."

„Ja, Plan B."

„Und warum, bitte, ist das nur Plan B und nicht A?"

„Friedliche Handelsbeziehungen? Die Aussicht auf ein ZPM? Unser Fehler?", schlug Sheppard mit leichter Ironie vor. „Außerdem – die Kavallerie ist immer Plan B. Standardprozedur. Schon vergessen?“

„Gut, gut." Rodney seufzte. Er hoffte wirklich, dass dieses ZPM der Mühe wert war. Sobald er seinen Tablet-PC wieder in die Finger bekam und die gespeicherten Messwerte auswerten konnte, würde er mehr wissen. Einen nagenden Moment lang fragte sich Rodney, ob er sich dafür entschuldigen sollte, dass er Sheppard in diese Lage gebracht hatte. Es war sein Fehler, genau genommen. Andererseits – er konnte nicht wirklich etwas dafür, ganz genau genommen.

„Ich … also, ich hatte wirklich nicht gedacht, dass … ich meine, niemand hat uns beim Betreten des Dorfes eine ‚10 Dinge die ich auf keinen Fall über die gottgleiche Steinfigur sagen darf’–Broschüre in die Hand gedrückt und … wer rechnet schon mit so was?" Seine abwertende Geste schloss die Zelle, die unglaubliche Beschränktheit der Palatianer sowie die aller religiös oder abergläubisch beeinflussten Völker dieser Galaxis ein.

„Schon okay, Rodney", erwiderte Sheppard leichthin. „Außerdem …" Ein Lächeln schlich sich in seine Stimme. „Dieses Ding sieht aus wie Caldwell mit Blähungen."

Rodney grinste schief. „Ja, nicht wahr?" Trotz der Dunkelheit wusste er genau, welchen Ausdruck Sheppards Gesicht jetzt hatte. Dieses schmale, aber echte Halb-Lächeln, das teils Sympathie, teils ironische Erheiterung war. So als würde er mit Rodney einen Scherz teilen, den nur sie beide verstanden und zur Hölle mit all den anderen. Und Rodney spürte plötzlich wieder die Zuneigung und das bittersüße Verlangen nach mehr, das dieses spezielle Mienenspiel eine Zeit lang in ihm ausgelöst hatte. Großer Gott, darüber war er doch längst hinweg.

Er presste die Lider zusammen, verbannte das mentale Bild aus seinem Sinn und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. „So, also …" Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, tastete er sich an der Wand entlang. „Die Wände bestehen aus Steinquadern und werden rechts von der Tür immer feuchter und glitschiger."

Sheppard erwiderte von der anderen Seite des Raumes. „Hier drüben sind sie ganz trocken."

„Wie schön für dich." Es kam schärfer heraus als beabsichtigt, bissiger. Eine Art verzögerte Reaktion auf das, was dieses verdammte Lächeln in Sheppards Stimme eben bewirkt hatte.

John Sheppard war sein Freund, sein bester Freund - aber nicht mehr. Damit hatte er sich schon vor Monaten abgefunden, hatte das „Händchenhalten“ in jener Nacht nach der Belagerung als Einbildung abgehakt. Nun, nicht die Geste an sich, natürlich. Aber die konnte angesichts der Umstände – gerade noch dem Tode entronnen, so müde, dass sie kaum noch klar denken konnten, zu viel Wodka – alles bedeuten. Freundschaft, der Wunsch nach menschlicher Nähe oder … mehr. Aber Sheppards Verhalten am nächsten Tag hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass dieses „mehr“, das Rodney zu sehen geglaubt hatte, für Sheppard nicht existierte.

Das waren die Fakten und Rodney hatte sie akzeptiert.

Also warum ließ ihn gerade jetzt Sheppards Lächeln, seine Berührung, die Erinnerung an die Linien seines Gesichts im Dämmerlicht, nicht los?

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann fragte Sheppard leise: „Rodney? Bist du okay?"

"Jaja, alles in Ordnung", erwiderte er rasch und rieb sich kurz mit der Hand über das Gesicht. Er zwang einen Hauch Ironie in seinen Tonfall. "Mir geht's blendend, mal abgesehen davon, dass hier alles trieft und meine Kleidung vermutlich schon zu schimmeln beginnt. Auf der anderen Seite ist es trocken, sagst du?"

"Ja und hier an der Wand wächst eine Art … Moos. Sehr trockenes Moos. Es ist überall und ganz weich. Wenn es am Boden wäre, könnten wir sogar …“ Sheppard nieste plötzlich heftig mehrmals hintereinander und sagte dann mit erstickter Stimme: „Okay, ich bin wohl allergisch gegen das Zeug.“

„Allergisch? Lass die Finger davon, hörst du? Wer weiß …“

„Es ist okay, Rodney. Nicht so allergisch“, beschwichtigte Sheppard und schnäuzte sich geräuschvoll.

„Sag jetzt bitte, dass du ein Taschentuch einstecken hast.“

„Ich hab ein Taschentuch einstecken“, wiederholte Sheppard gehorsam und deutlich belustigt. „Ist das jetzt dein größtes Problem? Ich …“ Sheppards weitere Worte gingen in einem krampfartigen Hustenanfall unter und er schnappte röchelnd nach Luft. Es hörte sich so an, als würde er jeden Moment ersticken.

„Sheppard!“ Panisch tastete Rodney sich an der Wand entlang auf die grausigen Geräusche zu.

„Ich …“ Pfeifendes Atmen. „Ich bin … bin okay.“ Weiteres Husten folgte, dann tieferes Durchatmen. „Bleib wo du bist, Rodney.“

„Sheppard? Was …“

„Staub, oder ... Sporen von diesem Zeug, das hier wächst. Ich hab’s direkt eingeatmet. Kein Grund, dass du das auch tust.“

„Okay, gut, das … ist nur vernünftig.“ Erleichtert holte Rodney tief Luft - und dachte dann erst an die Sporen, die Sheppard jetzt sicher großzügig in der ganzen Zelle verteilt hatte. Hastig brachte er wieder etwas Abstand zwischen sich und die Stelle, an der das Moos wuchs, und achtete ein paar Sekunden lang bewusst auf seine Atmung. Er bekam problemlos Luft, keine beginnende Schwellung in seinem Hals, die ihm die Kehle zuschnürte. Also, was auch immer dieses Zeug an Sporen absonderte, er war nicht allergisch dagegen und Sheppard wohl auch nicht. Trotzdem. „Alles in Ordnung? Kannst du frei atmen, oder …“

„Ja“, erwiderte Sheppard knapp, seine Stimme seltsam gepresst, als würde ihm das Sprechen Mühe bereiten. „Etwas Kopfschmerzen plötzlich, das ist alles.“ Rasch, ohne Rodney Gelegenheit zu geben, das zu kommentieren, fuhr er fort. „Hier drüben sind Gitterstäbe. Anscheinend eine Art Tür, die in eine andere Zelle führt."

Teil2

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