sinaidas_fancorner: (John)
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Ein Weihnachtsgeschenk von Rodney bekommt für John im Laufe der Jahre eine besondere Bedeutung.
(McKay/Sheppard, slash, future-fic, ~ 4500 Worte)

Rating: G
Anmerkung: Die Handlung der Story knüpft direkt an „The Rising 2“ an und erstreckt sich bis etwa zweieinhalb Jahre nach Ende der fünften Staffel.
Vielen Dank an [livejournal.com profile] patk für’s superschnelle Beta trotz Erkältung.
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DER GLÜCKSBRINGER



John blickte Elizabeth nach und beobachtete, wie sie den Balkon verließ, um wieder in den Gateraum zurückzukehren, in dem die improvisierte Feier noch in vollem Gange war.

Sie sind jetzt der ranghöchste Militäroffizier oder muss ich Sie daran erinnern?

Ihre Worte hallten in ihm nach, lagen drückend auf seinen Schultern, wie ein Mantel, zu groß und zu schwer für ihn - für eine andere Person gemacht. John atmete gegen die Beklemmung in seinem Innern an und vermied sorgfältig den Gedanken an eben diesen Moment, der ihn zum ranghöchsten Offizier gemacht hatte. Erfahrungsgemäß würde ihn diese Erinnerung und all das, was ihr unweigerlich auf dem Fuß folgte, noch früh genug einholen.
Stattdessen ließ er seinen Blick die Pfeiler und Türme der Stadt hinaufwandern, die hell erleuchtet in den Nachthimmel ragten.

Atlantis war … wunderschön.

Er hätte nie gedacht, das jemals über eine Stadt dieser Größe zu sagen, denn egal wo er im Laufe seines Lebens gelandet war – es gab bisher keinen Ort, den er als wunderschön empfunden hatte. Ihm fehlten die Wurzeln, das verwachsen sein mit einer Gegend – irgendeiner - die rosarote Brille der Heimat, die selbst das heruntergekommenste Viertel in den Augen seiner Bewohner zum schönsten Ort der Welt machte. Aber Atlantis … ihm fiel kein anderer Begriff ein, der zu der Eleganz, der stolzen Ästhetik dieser Stadt passte.

Eine Stadt, die selbst ihre Erbauer nicht wirklich vor den Wraith hatten verteidigen können. Und das, obwohl die Antiker wohl so etwas wie eine Kombination aus Superman und Einstein gewesen waren – jedenfalls, wenn er den ehrfürchtig-verzückten Kommentaren der Wissenschaftler glauben konnte.

Doch auch dieses fortschrittliche Super-Volk hatte die Stadt aufgeben und versenken müssen, trotz Technologie, die der irdischen weit überlegen war.

John schauderte leicht und wandte den Blick wieder auf den Ozean vor ihm. Der Geruch nach Salz und Meer war vertraut, weckte die Erinnerung an Sonnenwärme auf seinen Schultern. Das Surfbrett unter seinen Fußsohlen, der winzige Augenblick atemloser, erregender Stille, bevor die Welle brach - in einer anderen Galaxie. Unerreichbar weit weg.

Der Becher in seiner Hand bebte leicht, als er den letzten Rest des Champagners auf einen Zug hinunterkippte. O’Neills Champagner. O’Neill, der einer der Gründe war, warum John überhaupt hier war. Der General hatte ihm vertraut, trotz des dunklen Flecks in seiner Akte.

Im Gegensatz zu Sumner. Sumner, dessen leblose Hülle jetzt am Boden des Hive-Schiffes vor sich hinmoderte, weil …

Gott, er war jetzt der ranghöchste Militär auf dieser gottverdammten Basis in einer unerforschten Galaxie, verwickelt in einen jahrtausendealten Krieg gegen Weltraum-Vampire, weil … Sumner … weil er Sumner …

Der leere Becher drohte John plötzlich aus der Hand zu gleiten und er stellte ihn rasch zu seinen Füßen ab. Der Ozean war mit einem Mal zu weit, zu tief, zu schwarz, zu fremd, machte ihn schwindelig. Er trat einen Schritt von der Brüstung zurück und presste die Lider zusammen – nur um Sumners Gesicht zu sehen, eingebrannt auf seiner Netzhaut. Er sah dessen müdes Nicken, erkannte den Befehl, die Bitte in diesen sterbenden Augen, zielte und drückte ab.

Kalter Schweiß brach ihm aus, er fühlte sich zittrig, die Beine wie Gummi und der Champagner brannte wie Feuer in seinem Magen und in seiner Kehle.

Er war jetzt der ranghöchste Militär, denn er hatte seinen kommandierenden Offizier erschossen.

John versuchte gegen die aufsteigende Übelkeit anzukämpfen, atmete tief und schluckte hart, einmal, zweimal und … Mistmistmist!

Hastig presste er die Hand vor den Mund und eilte den Balkon entlang, schaffte es, ohne jemandem zu begegnen, in die Einrichtung, die offensichtlich schon zu Antiker-Zeiten eine öffentliche Toilette gewesen war. Er stolperte an den Waschbecken vorbei und rempelte jemanden an, der gerade aus einer der kleinen Kabinen im hinteren Teil des Raumes kam. Noch bevor sich die automatische Tür hinter John geschlossen hatte, sank er vor der Toilettenschüssel auf die Knie und erbrach das Wenige, das er im Magen hatte.

Mit bebenden Fingern wischte er sich den Mund ab, lehnte sich mit der Schläfe gegen die kühle, glatte Wand und beobachtete mit distanzierter Faszination, wie ein Schwall Wasser das Erbrochene automatisch wegspülte.

Das leise Zischen der sich öffnenden Türe in seinem Rücken ließ ihn langsam – zu schnelle Bewegungen waren noch nicht drin - über die Schulter gucken. Er starrte auf ein paar beige bekleidete Beine.

„Ähm … Major?“

Erst als er McKays Stimme hörte, wurde ihm bewusst, wer da hinter ihm stand und wen er vorhin unsanft zur Seite gestoßen hatte.

Scheiße. Ausgerechnet McKay. Was fast genauso schlimm war wie Ford oder Bates. Kaum etwas untergrub so sehr das Vertrauen in die Eignung des neuen kommandierenden Offiziers einer Basis, als ihn nach einer Mission mit flatternden Nerven kotzend über der Kloschüssel zu finden.
Er ließ seinen Blick zu McKays Gesicht hochwandern, der mit einer eigenartigen Mischung aus Ekel und echter Sorge auf ihn hinunterstarrte. „Ist es das Essen, Major? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mit diesem Pseudo-Kebab etwas nicht stimmt. Nun, kein Zitrus, offensichtlich, aber …“ Seine Augen weiteten sich. „Großer Gott, hoffentlich keine Lebensmittelvergiftung. Alle haben davon gegessen. Ich habe davon gegessen. Ich sage Beckett Bescheid, dass …“

„Nein“, krächzte John.

„Hören Sie Major, Ihr stoisches, militärisches …“

„Ich habe nichts davon gegessen“, fiel John ihm ins Wort. Was Teil des Problems war. Alkohol auf nüchternen Magen war ihm noch nie bekommen.

„Sie haben nichts gegessen?“

„Genau. Verschwinden Sie jetzt.“ Johns Magen machte einen weiteren Versuch, sich zusammenzuziehen. Begriff McKay denn nicht, dass Kotzen Privatsache war?

Offensichtlich nicht. „Was ist dann? Sie … Sie sind doch nicht etwa krank, oder?“

John presste nur die Lippen aufeinander und schüttelte leicht den Kopf.

„Oh.“ McKays Augen wurden groß. „Soll ich nicht doch lieber Carson rufen? Oder … oder Dr. Heightmeyer vielleicht? Sie sollten mit jemandem reden …“

„Verdammt, McKay“, stieß John hervor. „Reden ist so ziemlich das Letzte, was ich im Moment will. Und jetzt verschwinden Sie. Bitte.“

„Gut. Gut, dann … ja.“

Die Schritte entfernten sich zögernd, die Tür schloss sich wieder und John wischte sich kalten Schweiß von der Stirn.

Fantastisch, was für ein Einstand. Er hasste seinen nervösen Magen – ein Erbe seiner Mutter – der ihm immer mal wieder zu schaffen machte. Nie während eines Einsatzes, aber gelegentlich danach, wenn ihn die volle Bedeutung dessen traf, was passiert war.

Langsam legte sich die Übelkeit und der Würgereiz ließ nach. John fühlte sich noch etwas zittrig und ausgelaugt, aber deutlich besser. Wenige Minuten später stand er an einem der futuristisch anmutenden Waschbecken, wusch sich die Hände und spülte sich den Mund aus.

Gerade als er dabei war, sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen, ging die automatische Schiebetür zum Gang auf. John erhaschte einen Blick auf McKays beige gekleideten Rücken und hörte den Mann in schneidendem Ton sagen: „Hören Sie, Sergeant, wenn ich sage, dass diese Toilette verstopft und damit nicht zu benutzen ist, dann meine ich das genau so. Wenn Sie mir nicht glauben - schön, dann waten Sie eben durch zehn Zentimeter hohes, stinkendes Abwasser und …“

Eine andere Stimme, einer der Marines, dessen Name John sich noch nicht gemerkt hatte, unterbrach McKay: „Schon okay, Doc, ich hab’s kapiert. Gibt es hier in der Nähe noch eine Toilette?“

„Was? Sehe ich etwa aus wie ein Fremdenführer? Gut, also …“ Und die Tür schloss sich wieder.

John trocknete sich Gesicht und Hände, ließ sich extra viel Zeit dabei, unsicher, wie er McKay begegnen sollte, der vermutlich noch vor der Tür … Wache hielt. Was aufmerksam und … nett war und daher absolut unerwartet, angesichts der nicht sehr sensiblen Penetranz, die McKay eben mit ihm gezeigt hatte. Andererseits, vielleicht wollte der Mann nur vermeiden, dass die Nachricht über einen kotzenden Militärkommandeur die Runde machte. McKay war schließlich Chef der Wissenschaftsabteilung und durfte daher wissen, dass solche Neuigkeiten der Moral der Truppe nicht gerade zuträglich waren.

Okay, er konnte schließlich nicht ewig hier drin bleiben und zulassen, dass McKay den Waschraum für den Rest der Expedition sperrte. Er holte tief Luft und trat auf die Tür zu, die sich sofort für ihn öffnete. McKay stand direkt daneben, betrachtete ihn forschend und deutete auf den Raum, den John gerade verlassen hatte.

„Alles … ähm … erledigt, da drin?“

„Ja“, sagte John, nickte ihm zu und grinste schief und etwas verlegen. „Danke.“

McKay öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, schloss ihn wieder, nickte ebenfalls, wandte sich zum Gehen, drehte sich wieder um und platze heraus: „Sie … Sie fangen nicht an unter dem Druck hier zusammenzubrechen, Major, oder? Ich meine, fremde Galaxie, bösartige Aliens, kein Weg zurück, Sumner ist tot und Sie haben seinen Job, für den Sie offensichtlich nicht wirklich ausgebildet sind, schließlich sind Sie in erster Linie Pilot und kein … kein …“ McKays Hand wedelte vor John auf und ab – eine Geste, die fast alles bedeuten konnte, aber wohl andeuten sollte, was John alles nicht war.

Auf seltsame Weise nahm diese unverblümte Zusammenfassung all dessen, was John gerade buchstäblich den Magen umgedreht hatte, den Dingen etwas von ihrem Schrecken. Und es machte ihm eines in Bezug auf McKay klar: Wenn er je Zweifel an Johns Eignung hätte, würde er es sagen. Und zwar sofort und ihm ins Gesicht. Es tat gut, das zu wissen.

John lächelte und meinte mit leichter Ironie: „Welch überaus motivierende Aufzählung, McKay. Danke sehr.“

McKay verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte: „Ich, ich meinte nicht … Ich wollte damit sagen: Es ist alles etwas viel auf einmal und, ja, nicht leicht zu verdauen. Buchstäblich wohl, in Ihrem Fall.“

John sah ihn an und sagte fest: „Ich bin okay. Nur nichts gegessen und dann Sekt getrunken. Ich … ähm … ich habe einen etwas empfindlichen Magen, liegt in der Familie. Das ist alles, McKay.“

Und ich habe meinen kommandierenden Offizier erschossen, die Wraith geweckt und – ja – es ist im Moment alles etwas viel, denn ich habe das verdammte Kommando, und ich bin ganz allein verantwortlich für die Sicherheit der Bewohner dieser Stadt und habe keine Ahnung, was uns hier noch so alles erwartet.

Er atmete tief durch, dachte an Elizabeths aufmunterndes Lächeln, Teylas Freundschaft, Fords jugendlichen Enthusiasmus und er sah eine interessante Mischung aus Intelligenz, distanzierter Besorgnis, Arroganz und dieser brutalen Ehrlichkeit in den blauen Augen des Mannes vor ihm.

Nein, er war nicht wirklich alleine. Wenigstens das nicht.

***


Vier Wochen später war Weihnachten. Besser gesagt, der Termin, den Elizabeth für ein „vereinigendes, intergalaktisches Freundschaftsfest zum allgemeinen Austausch von Sitten und Bräuchen“ gewählt hatte. So hatte sie es jedenfalls in der Personalbesprechung eine Woche vorher angekündigt, was Ford sofort mit breitem Grinsen und mit „Hey, eine Weihnachtsfeier, also“, kommentiert hatte. Denn auf der Erde war Mitte Dezember. Inoffiziell blieb das Fest, besonders für die Expeditionsteilnehmer aus dem westlichen Kulturkreis, daher ‚Weihnachten’.

Es gab eine kleine Feier im Gateraum. Mit den Weihnachtsfeiern, die John von seiner Kindheit oder von seiner Ehe – meist teures Essen mit Nancys Familie - kannte, hatte sie sehr wenig gemeinsam. Keine immergrünen Zweige, kein Lametta, kein Baum und kein Sechs-Gänge-Menü – dafür echte Herzlichkeit.

Es brannten Unmengen von Kerzen – gestiftet von den Athosianern – aber selbst die trugen kaum zu einer weihnachtlichen Atmosphäre bei, weil sie nicht nach Vanille oder Zimt, sondern nach Sommerblumen und Heu dufteten. Der Gateraum wirkte wie ein Indoor-Picknickplatz, mit all den bunten Decken auf dem Boden und Grüppchen von lachenden Menschen, die darauf saßen. Es gab Ruus-Wein und selbst gebrannten Schnaps, Fleischspieße, Beeren und eine Art frittiertes Gemüse. Es war die un-weihnachtlichste und gleichzeitig die beste Weihnachtsfeier, die John je erlebt hatte.

Einen Tag nach der Feier fand John ein Geschenk vor seinem Quartier. Er selbst hatte lediglich Elizabeth und einer sehr überraschten Teyla etwas geschenkt - kleine, geschnitzte Figürchen, Tisiras, die Glück bringen sollten und gerne den weiblichen Oberhäuptern befreundeter Familien geschenkt wurden. Als Ausdruck des Respekts, wie Martos erklärte, der Athosianer, von dem John sie im Tausch gegen ein paar Sicherheitsnadeln und – viel wichtiger - etwas Schokolade bekommen hatte. Für Ford oder McKay hatte er nichts Passendes gefunden. Denn die Tisiras schienen tatsächlich nur für Anführerinnen zu sein. Außerdem - was McKay von Glücksbringern hielt, konnte John sich lebhaft vorstellen.

John bückte sich, hob das Geschenk auf und wickelte es aus, erstaunt, aber erfreut, dass auch jemand an ihn gedacht hatte.

Es war von McKay und enthielt einen Kugelschreiber, ein Snickers und ein Stück Papier, auf das Rodney geschrieben hatte: „Snickers sind inzwischen Mangelware, wie du weißt, Sheppard. Iss es bitte erst, wenn du sicher sein kannst, dass es drin bleibt. Und: Frohe Weihnachten! RM“

John musste lachen. Rodney hatte zwar bisher nicht noch einmal das zweifelhafte Vergnügen gehabt, ihn dabei zu beobachten, wie er sein Frühstück verlor, aber das hinderte McKay nicht daran, ihn immer wieder „subtil“ an dieses eine Mal zu erinnern. Gierig riss John das Papier des Snickers auf und nahm einen kleinen Bissen. Es schmeckte fantastisch. Den Rest wickelte er wieder ein und legte ihn auf den kleinen Tisch neben seinem Bett. Er würde es sich gut einteilen.

Nicht nur irdische Süßigkeiten waren Mangelware – Schreibstifte jeder Art ebenfalls. Es gab zwar genug, aber Sergeant Bates, der unter anderem die Ausgabe diverser Vorräte verwaltete, führte ein strenges, unnachgiebiges Regiment. Rodneys Geschenk, ein im Grunde genommen wirklich billiger Kugelschreiber mit Plastikhülse und dem eingestanzten Schriftzug des Colorado Springs Inn, war daher auf dem Atlantis-internen Schwarzmarkt eine Menge wert. Vermutlich könnte John eine Flasche von Dr. Meyers Selbstgebranntem dafür bekommen und noch eine Packung Salzbrezeln dazu – wenn es die noch gab. Aber er hatte vor, Rodneys Geschenk zu behalten. Denn – es war Rodneys Geschenk.

***


Der Stift landete in einer der vielen Taschen von Johns Einsatzweste. Es gab auf Missionen immer mal wieder die Notwendigkeit, sich etwas zu notieren. Beispielsweise den Namen des Häuptlings der Nasiri, den John sich nach der rituellen Vorstellungszeremonie rasch in die Handfläche kritzelte – weil es ein Sakrileg war, ihn zu vergessen oder falsch auszusprechen und sie brauchten nun mal das Getreide, das dieses Volk zu bieten hatte. Oder das Rezept für die kleinen Honigkuchen, die man ihnen auf M95–HX3 anbot und für die McKay vermutlich sogar seinen nicht vorhandenen Erstgeborenen geben würde.

Der Stift überstand gemeinsam mit John den Sturm und die Belagerung durch Kolya.

John hatte ihn dabei, als er in dem atombombenbestückten Jumper das Hive-Schiff anflog.

Er nahm ihn mit durchs Stargate zur Erde. Während Elizabeth mit dem Komitee über seine und Atlantis’ Zukunft sprach, saß John in einem der Gasträume des Stargate Center und klickte die Mine nervös ein und aus, ein und aus.

Nachdem der Kontakt zur Erde wiederhergestellt und damit die Versorgung mit typisch irdischen Gütern sichergestellt war, nahm John zusätzlich einen Filzstift mit auf Missionen. Rodneys Kugelschreiber streikte inzwischen manchmal, besonders im nasskalten Klima.

John war nicht wirklich abergläubisch, nun, jedenfalls nicht abergläubischer als der durchschnittliche Pilot und er betrachtete den Kugelschreiber nicht unbedingt als einen Glücksbringer. Trotzdem trug er ihn die meiste Zeit bei sich. Er vermied sehr sorgfältig, darüber nachzudenken, warum er das tat. Es hatte mit diesem vagen, unbenennbaren Etwas zu tun, das seine Freundschaft zu Rodney von seiner Freundschaft zu Teyla, Elizabeth oder Ford unterschied. Über das er auch nicht nachdachte. Und auch nicht nachdenken wollte. Denn manche Dinge blieben besser vage und unbenannt.

Er trug den Kuli bei sich, als sie Ford verloren und Ronon fanden und schleuderte ihn verärgert und enttäuscht in eine Ecke seines Quartiers, nachdem er und Rodney von Doranda zurückkehrten.

Als er sechs Monate in dem Zeitverzerrungsfeld festsaß und nach und nach seine eigene Kleidung gegen das austauschte, was ihm die Bewohner des Klosters anboten, trug er trotzdem so oft wie möglich seine eigene Hose. Wegen der Taschen, in die er den Stift stecken konnte.

Er vergewisserte sich dreimal, dass er ihn dabei hatte, als er und Radek zum Grund des Ozeans aufbrachen, um Rodney aus dem gesunkenen Jumper zu retten.

Schließlich kamen Helia und Co und forderten ihre Stadt zurück. John versteckte den Stift in einem Spalt am Fuß der Konsole in dem abgelegenen Labor am Ostpier, in dem er und Rodney ihr Antiker-Sims spielten. Er würde zurückkommen und ihn sich wiederholen.

Drei Jahre zwei Monate und fünf Tage nach diesem ersten Weihnachtsfest auf Atlantis, als Rodney am Rande des Todes - oder des Aufstiegs – war, kleidete Elizabeth dieses vage Etwas in John in Worte: „Sie sind ein guter Mensch, Rodney. Wir lieben Sie.“

Nachdem klar war, dass Rodney weder aufsteigen noch sterben würde, verbrachte John ein paar lange Minuten allein in einem der Lagerräume, verzweifelt bemüht, die aufsteigende Panik niederzukämpfen. Er lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand, atmete tief durch und presste die Spitze des Kugelschreibers so fest in seine Handfläche, dass nach Tagen noch ein blaues Pünktchen direkt unter der Haut zu sehen war.

Ein paar Wochen später, nachdem Ronon ihn in der Unterwasser-Bohrstation mit einem Schuss auf die Frontscheibe des Jumpers vor der Wraith-Queen gerettet, aber dafür fast ertränkt hatte, zerlegte er den Kugelschreiber. Nachdem die einzelnen Teile getrocknet waren, setze er ihn sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn ein. Der Kuli schrieb schon lange nicht mehr aber John brauchte sich jetzt nicht mehr einzureden, dass er ihn bei sich hatte, weil er ihn zum Schreiben brauchte.

Er hatte ihn in seiner Hemdtasche, als Michael ihm wieder einmal entwischte, als er Atlantis zu ihrer neuen Heimat flog und als sie Elizabeth auf dem Replikator-Planeten zurücklassen mussten.

Nachdem John einen Mann überzeugt hatte, sich selbst zu opfern um Jeannie – und damit Rodney - zu retten, stopfte John den Kuli in die hinterste Ecke des Fachs in dem er seine Socken aufbewahrte. Es erschreckte ihn selbst etwas, wie weit er für Rodney gegangen war. Und jederzeit wieder gehen würde. Schon am nächsten Tag kramte er den Stift wieder hervor.

Ein paar Wochen später zeigte Rodney ihm den Ring, den er für Katie gekauft hatte. Fünf Stunden später war Rodney nicht nur den Ring, sondern auch Katie los. Weitere drei Stunden später holte John nach einem Bier zu viel den Kugelschreiber aus der Hemdtasche, um ihn Rodney zu zeigen – der inzwischen, nach zwei Bier zu viel, auf seiner Couch eingeschlafen war.

Teyla wurde entführt, Carsons Klon tauchte auf und John musste erfahren, dass Rodney in einer anderen Zeitlinie 25 Jahre lang - den Rest seines Lebens - einem einzigen Ziel gewidmet hatte: John zu retten. Natürlich, nicht nur ihn, sondern auch die ganze Galaxie, Ronon, Teyla und … Keller.

Als er mit Rodney, der sich vor seinen Augen aufzulösen schien, der seine Brillanz, seine Arroganz, seine Energie und all die tausend unbeschreiblichen Dinge, die ihn definierten, nach und nach verlor, am Pier saß, war er kurz davor, Rodney zu sagen, dass er diesen verdammten Stift seit fast fünf Jahren bei sich trug. Aber in dieser Situation wäre solch ein Geständnis nichts weiter als ein Abschied gewesen und John konnte sich einfach nicht von Rodney verabschieden.

Es dauerte weitere drei Jahre - drei Jahre, in denen Rodney zweimal vor seinen Augen entführt wurde, er selbst wieder einmal drauf und dran war, Atlantis in einer Selbstmordmission zu retten und Rodney und Jennifer heirateten und sich wieder scheiden ließen, bis Rodney es doch erfuhr. Mehr oder weniger zufällig.

***


Terence DeVreese, der Reporter, der mit John und Rodney nach der Deklassifizierung des Stargate-Programmes im Fernsehstudio von KCLA 9 ein Live-Interview führte, schenkte Rodney ein gerade noch professionell freundliches und John ein übertrieben herzliches Lächeln und fragte: „Nun, Colonel Sheppard, zum Schluss noch eine persönliche Frage. Man sagt Piloten ein gewisses Maß an Aberglauben nach. Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie einen Glücksbringer, etwas von der Erde vielleicht, das Sie die ganze Zeit bei sich getragen haben?“

Die Frage war abgesprochen – "Etwas Persönliches von dem Helden, Colonel Sheppard, ein Hauch Patriotismus, etwas Pathos, genau das möchte das Publikum" – und Johns Antwort sollte lauten: „Wissen Sie, ich habe diese Münze, die mein Großvater mir geschenkt hatte, als ich sieben war. Ein Peace Dollar von 1923. Er hatte ihn während seiner Einsätze im Zweiten Weltkrieg bei sich getragen, als er für sein Land gekämpft hat. Und ich trug ihn während meiner Einsätze in einer anderen Galaxie, als ich für die Menschheit gekämpft habe. Man kann durchaus sagen, dass diese Münze ein Glücksbringer ist, denn mein Großvater hat den Krieg überlebt und ich lebe auch noch.“ Dann sollte John eine Dollarmünze aus der Hemdtasche ziehen und in die Kamera halten – allerdings nicht die seines Großvaters, denn die hatte er irgendwo in McMurdo verloren und nie wieder gefunden.

John griff in seine Hemdtasche, spürte das inzwischen körperwarme Metall der Münze unter seinen Fingerspitzen und … plötzlich war ihm nicht nur diese verlogene Geschichte und DeVreeses herablassende Art zuwider, sondern mehr noch das, was sich für ihn wie ein Verrat an Rodney anfühlte. Denn, verdammt, er hatte einen Glücksbringer.

Statt der Münze zog er den Kugelschreiber hervor, auf dem die eingestanzte Schrift inzwischen fast zur Unkenntlichkeit verblasst war, legte ihn vor sich auf den Tisch und sagte mit schmalem Lächeln: „Ich habe tatsächlich einen Glücksbringer, Terence. Diesen Kugelschreiber. Er war ein Weihnachtsgeschenk von Rodney, in unserem ersten Jahr auf Atlantis. Seitdem trage ich ihn bei mir. Und er hat mir wirklich Glück gebracht.“

John nahm eine Bewegung zu seiner Rechten wahr – Rodney, der sich hastig vorbeugte und eine Hand ausstreckte, als wolle er den Kuli berühren, dann innehielt und den Arm wieder sinken ließ.

DeVreese war Profi genug um sich von der überraschenden Planänderung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Er räusperte sich und bemerkte, sein joviales Lächeln nur unmerklich kühler: „Das ist eine interessante, kleine Geschichte, Colonel Sheppard. Ähm … schreibt der Stift noch, nach all dem, was er durchgemacht hat?“

John wandte den Kopf und blickte zu Rodney, bemerkte die Röte, die langsam dessen Hals hinauf kroch und das leichte Beben seiner Finger, sah in Rodneys weit aufgerissene Augen und sagte: „Nein. Schon sehr lange nicht mehr.“

***


Kaum, dass sie das Studio verlassen und der Aufnahmeassistentin versichert hatten, dass sie den Weg aus dem Gebäude auch ohne ihre Hilfe finden würden, packte McKay ihn am Arm, zerrte ihn ein paar Schritte den Gang entlang und schob ihn in den nächst besten Raum. Die Herrentoilette. Er schloss sorgfältig die Tür hinter ihnen, holte tief Luft, drehte sich zu John um und sagte leise: „Okay, das … das ist …“ Rodney schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Großer Gott, John.“

„Ja“, sagte John schlicht und lehnte sich an die kühlen, glatten Wandfliesen. Er spürte seinen Herzschlag bis in die Kehle und fühlte sich nicht ganz sicher auf den Beinen. Angespannt beobachtete er Rodney, versuchte in dessen Miene zu lesen, fand aber nichts, das ihm einen Hinweis darauf gab, was gerade in McKay vorging. Abgesehen von der offensichtlichen Fassungslosigkeit. John biss sich auf die Lippen, seine Augen bereits bei der Tür, bereit wegzulaufen und nie mehr zurückzuschauen.

Plötzlich spürte er eine Bewegung zu seiner Rechten, wandte den Kopf und sah, dass Rodney sich neben ihn an die Wand lehnte, so nah, dass sie sich berührten, dass John die Wärme von Rodneys Schulter an seiner spüren konnte. Okay, das war … gut. Ein gutes Zeichen. Der Knoten in Johns Magen lockerte sich etwas.

Rodney ließ den angehaltenen Atem entweichen und schloss für einen Moment die Augen. Dann blinzelte er rasch und fragte: „Und wie lange geht das schon so? Und sag jetzt nicht, seitdem ich dir diesen Kugelschreiber geschenkt habe, den du offensichtlich seit Jahren als – was? - als Symbol deiner hoffnungslosen, tragischen, unerwiderten Liebe zu mir über deinem Herzen trägst?“

John zuckte innerlich zusammen, denn so gesagt klang es … kitschig. Auch wenn es im Grunde stimmte. Er rollte die Augen. „Nicht immer direkt über dem Herzen, McKay.“

„Hm.“ Rodney stieß sich von der Wand ab, wandte sich John zu und fixierte ihn: „Und du hast keinen besseren Zeitpunkt gefunden, damit rauszurücken, als ausgerechnet in einer Livesendung die in den ganzen Vereinigten Staaten ausgestrahlt wird?“

„Entschuldige McKay, dass dir der Termin nicht passt“, konterte John ironisch. „Außerdem: Nicht in allen Staaten. Nur in denen an der Westküste.“

„Oh ja, lass uns etwas Haare spalten“, erwiderte Rodney spitz. „Ernsthaft Sheppard, es hätte bessere Gelegenheiten gegeben. Gestern als wir Essen waren, beispielsweise. Oder … oder sonst irgendein Moment in den letzten Wochen, in dem wir alleine waren.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Ich meine, ich bin seit Monaten geschieden und dein rückständiger Arbeitgeber hat sich bereits vor einem Jahr von seinen mittelalterlichen Ansichten verabschiedet und eingesehen, dass sich die Tatsache, mit wem ein Soldat in der letzten Nacht Sex hatte, nicht auf seine Fähigkeit, jemanden über den Haufen zu schießen, auswirkt. Also, warum ausgerechnet jetzt? Er verzog das Gesicht. „Mal abgesehen davon, dass die Münzen-Geschichte grauenvoll war.“

„Siehst du, einer der Gründe“, erwiderte John und bemühte sich um einen leichten Tonfall und ein Grinsen.

Rodney rollte die Augen. „Tatsächlich? Und der andere?“, forderte er.

Seufzend rieb John sich mit der Hand den Nacken. „Es … es … war ein Impuls, schien einfach das Richtige zu sein.“

„So?“

„Ja, ‚so’.“ John ließ die Hand sinken und starrte Rodney an. „Ich kann es nicht besser erklären, okay? Außerdem ... ich wollte, dass du die Wahl hast. Dass du so tun kannst, als hättest du’s nicht kapiert.“

Rodney massierte sich mit den Fingern die Nasenwurzel und lachte leise auf. Nicht bitter, eher wehmütig. „Als ob ich je eine Wahl gehabt hätte, wenn es um dich geht, John. Ich kann offensichtlich gar nicht anders, als dich zu wählen.“

Johns Kopf ruckte nach oben und er runzelte die Stirn. „Was, zum Teufel, soll das heißen?“, fragte er scharf. „Du hast Keller geheiratet, McKay. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie dich dazu zwingen musste.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Für einen Moment stand Rodney einfach nur mit hängenden Schultern da und musterte die Bodenfliesen. Dann sah er auf. „Ich wusste es nicht. Dass ich keine Wahl hatte, meine ich. Ich war vollauf damit beschäftigt mir einzureden, ich hätte eine.“

John presste die Lippen zusammen.

„Das alles ist … kompliziert“, seufzte Rodney.

John schnaubte. „Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß“, murmelte er.

Rodney fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht und sagte dann leise und scheinbar zusammenhanglos: „Jennifer … sie … sie hat das ziemlich klar erkannt. Sie hat gesagt, dass … dass egal, was sie tut, egal wie sehr sie sich anstrengt, sie trotzdem nur meinen Körper hat und meine Zeit – einen Teil davon jedenfalls - und meine Aufmerksamkeit, aber dass - und ich zitiere wörtlich - ‚John dein Herz besitzt, Rodney’.“ Rodney lächelte schief. „Ich wollte nicht wahrhaben, dass sie recht hat. Ich habe mich bemüht, damit es funktioniert mit Jennifer, denn ich … ich mochte sie wirklich, mag sie immer noch und ich dachte … ich dachte wirklich, das ist genug.“

John biss sich auf die Lippen. „Ist es aber nicht“, flüsterte er. Er kannte dieses Gefühl.

„Ja, genau“, wisperte Rodney und sah ihn an, offen, voller Zuneigung und immer noch mit diesem schiefen, leicht wehmütigen Lächeln, von dem John jetzt wusste, dass es ihm galt. Ihnen.

Einen Augenblick lang schwiegen beide.

John fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Okay, dann … denkst du, dass … ähm … das genug sein könnte?“ Er deutete zwischen sich und Rodney hin und her.

„Ja“, erwiderte Rodney fest.

John nickte und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Das hier war real, es geschah tatsächlich - und plötzlich hatte er das Gefühl, als würde etwas von innen heraus seine Brust weiten. Etwas, zu groß, zu überwältigend, für den engen Raum in seinem Brustkorb, der sich unter raschen Atemzügen hob und senkte. Er blinzelte. „Gut“, presste er hervor.

Rodney sah ihn unverwandt an, forschend jetzt und sein Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich zu einer Miene, gerade noch diesseits von selbstgefällig. Er hob die Augenbrauen und zielte mit dem Zeigefinger auf Johns Brust. „Ich meine, du hast indirekt, aber öffentlich gestanden, dass du dich jahrzehntelang nach mir verzehrt hast, Sheppard. Das ist definitiv eine gute Grundlage für …“

John spürte, wie die Anspannung in ihm zusammenfiel wie ein Kartenhaus und er prustete los, lachte hilflos, lehnte seine Stirn gegen Rodneys, der mit einem Mal ganz nah war und der ebenfalls von unterdrücktem Gelächter geschüttelt wurde.

Als sie beide wieder Luft bekamen, nahm er Rodneys Gesicht zwischen seine Hände und tat das, was er seit dem Moment vor vielen Jahren tun wollte, in dem Rodney vor der Toilette in Atlantis für ihn Wache geschoben hatte.

Er küsste ihn.

ENDE

Date: 2009-01-02 04:18 pm (UTC)
ext_26252: They call it Fanfic (Default)
From: [identity profile] olli1a.livejournal.com
Tolle Zusammenfassung. Besonders beeindruckend war der der Anfang über Sheppards Reaktion auf Sumners Tod.

Date: 2009-01-05 09:24 pm (UTC)
From: [identity profile] sinaida.livejournal.com
Ich kann mir eben vorstellen, dass die Reaktion auf das, was da auf dem Hive-Schiff passiert ist und überhaupt auf die ganzen Ereignisse der Folge, für John nicht so leicht zu schlucken ist.
Danke sehr für dein Feedback. :-)

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