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Teil 6

Teil 7

Der Säulenraum sah noch genauso aus wie vor zwei Tagen, als Rodney mit Radek, Sheppard und Lydia hier gewesen war. Beleuchtet von einem angenehmen, indirekten Licht, glatte Wände, die Säule in der Mitte und die Kammer, in der der Klon erwacht war, direkt gegenüber dem Eingang. Es hatten sich inzwischen keine weiteren Türen geöffnet und es war auch sonst nichts wie durch Geisterhand aufgetaucht, dass auf Sheppards Verbleib hinwies – was Rodney insgeheim gehofft hatte. Und war es tatsächlich erst zwei Tage her? Es erschien Rodney wie ein ganzes Leben.

Ihnen blieb also wirklich nur der Klon als einzige Möglichkeit Sheppard zu finden.

Der Muatii, dem es von Sekunde zu Sekunde schlechter ging und der inzwischen
von Carson und Waller gestützt werden musste, weil er zu schwach war, um sich auf den Beinen zu halten. Die letzte Injektion, die Carson ihm kurz vor Verlassen des Jumpers gegeben hatte, zeigte bereits keine Wirkung mehr.

„So, wir sind da. Was passiert jetzt?“, forderte Rodney an den Klon gewandt.

„Ich muss zur Säule, schnell …“, flüsterte Sheppards Kopie.

Carson und Waller führten ihn die wenigen Schritte und stützten ihn, während er rasch einige der Symbole berührte und sich dann mit dem Rücken zur Säule zu Boden sinken ließ. Ein leises Summen erfüllte den Raum, schwoll sekundenlang an, um dann zu verstummen.

Das Licht erlosch. Nur das sanft leuchtende Dreiecksrelief, mit dem alles begonnen hatte, tauchte Teile des Pfeilers und des Raumes in grünlichen Schein.

Waller, Kemp, Lorne und Ronon knipsten ihre Stablampen an und leuchteten umher. Der Raum war nach wie vor unverändert. Kein Hinweis auf Sheppard.

„Wo ist Sheppard?“, grollte Ronon.

Der Muatii ignorierte ihn, wandte sich an Rodney und flüsterte: „Die Anlage ist jetzt abgeschaltet. Niemand wird sie mehr unabsichtlich aktivieren können, Dr. McKay. Falls ihr Volk irgendwann Überlebenden der Tenari begegnet, führen Sie sie zu diesem Raum. Die Erinnerungen sind alle gesichert und ...“ Seine Lider flatterten und er presste die Hände gegen den Magen.

„Was ist mit Sheppard? Wo ist er? Wo ist diese Stasiskammer?“, drängte Rodney und ging neben dem Klon in die Knie.

„Sobald der Strahl diesen Körper und meine Erinnerungen absorbiert hat, wird sich eine Tür zu dem Stasisraum öffnen“, wisperte der Klon.

„Was?“, fragte Rodney entgeistert. „Nein, du … du öffnest diese Türe jetzt, hörst du?“

„Das ist leider unmöglich, Dr. McKay.“ Die Stimme des Klons wurde immer schwächer. „Dieses System ist so konzipiert, dass das Original erst aus der Stasis geholt werden kann, wenn der Muatii und seine Erinnerungen wieder in das System integriert sind.“

„Fantastisch. Damit auch sichergestellt ist, dass ihr die Erinnerungen bekommt, hm? Das Original wird erst rausgerückt, wenn ihr habt, was ihr wollt.“

„Ja“, sagte der Klon schlicht.

„Verdammt aber auch“, stieß Carson hervor.

Rodney unterdrückte nur mühsam den Wunsch, den Muatii am Kragen zu packen und zu schütteln. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Ronon, der sich ebenfalls neben den Klon kniete und drohend zischte: „Mach die Tür auf. Bring uns zu Sheppard.“

„Es geht nicht“, flüsterte der Muatii. „Aber da ist noch etwas …“ Er stockte.

„Was?“, forderte Ronon.

„Ich weiß nicht … vergessen …“, murmelte der Klon.

Ronon gab ein zorniges Grollen von sich, versetzte der Säule einen Hieb mit der Faust, erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und verschwand in den Schatten.

Rodney schüttelte ungläubig den Kopf. „Und … und wenn der Klon vorher stirbt? Das muss euch doch in der Vergangenheit auch schon passiert sein, oder? Ein … ein Unfall …?“

Der Klon lächelte plötzlich sanft und betrübt, kein Sheppard-Lächeln und fuhr sich mit bebenden Händen durch die Haare. „Diese Anlage hier lief nie ohne Überwachung. Mein … mein Großvater hat seine Erinnerungen auch hier gespeichert.“

Das Lächeln vertiefte sich. „Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich daran, wie wir gefeiert haben. Ich habe meine erste eigene Melodie geschrieben, damals.“ Seine Lider flatterten und das Sprechen fiel ihm immer schwerer, seine Stimme war undeutlich, als sei er betrunken. „Wir … wir haben den Muatii begleitet. Ihn willkommen geheißen und sind später mit ihm … hierher zurückgekehrt. Als ich hier …“, er schnappte nach Luft, „meine … meine Erinnerungen gespeichert habe, war dieser Raum voller Wissenschaftler und Techniker. Selbst wenn mein Muatii es nicht zurück geschafft hätte … sie hätten …“

„Nun, kleines Problem, ich sehe hier keine Wissenschaftler und Techniker“, schnappte Rodney.

„Ja“, sagte der Klon leise und traurig. „Ja.“ Sein Blick wurde trüb. „Das ist …“ Er blinzelte. Dann schloss er die Augen.

„Verdammt!“ Rodney packte ihn am Arm. „Was soll ich tun? Sag mir, was ich tun muss, damit wir Sheppard …“

Der Klon öffnete nochmals die Lider, schien aber durch Rodney hindurchzusehen. Langsam hob er eine Hand und berührte Rodneys Wange. „Lelani“, murmelte er, „ich wollte …“ Die Hand fiel von Rodneys Gesicht. Der Klon sackte in sich zusammen.

„Carson!“ Rodney schoss dem Arzt einen verzweifelten Blick zu. Beckett kniete sich an den Platz, den Ronon eben verlassen hatte und tastete sofort nach dem Puls des Klons, prüfte Schmerzreflex und Pupillenreaktion. Nach ein paar Sekunden schüttelte er hilflos den Kopf. „Keine Reaktionen mehr“, sagte er gepresst und blickte zu Rodney hoch. „Er ist am Ende. Ich bezweifle, dass er noch einmal zu sich kommt.“


***



Zwanzig Minuten später war klar – der Klon glitt immer tiefer ins Koma. Selbst eine weitere Injektion des Stimulans blieb ohne Wirkung. Seine Brust hob und senkte sich zusehends langsamer und schwächer. Der Muatii hatte Recht gehabt, dieser Körper starb.

Und mit ihm die letzte Spur, die zu Sheppard führte.

Trotz des wiederholten Drückens des grün leuchtenden Dreiecks – zuerst durch Rodney, dann durch Carson, dann wieder Rodney – hatte sich keine versteckte Tür geöffnet. Die Wände glänzten so eben und nahtlos wie eh und je.

Rodney starrte auf den Monitor seines Tablet-PCs. Er war heilfroh das Gerät mitgenommen zu haben. Zelenka hatte es ihm noch schnell in den Hangar gebracht und in buchstäblich letzter Sekunde durch die bereits halbgeschlossene Heckklappe des Jumpers zugereicht. Die Versuche, das Gerät so zu modifizieren, dass es doch noch verborgene Räumlichkeiten hinter den undurchdringlichen Wällen lokalisierte, gaben Rodney etwas zu tun, hielten die Panik, die sich in ihm breitzumachen drohte, in brüchigen Schranken. Auch wenn das Ergebnis dieser Bemühungen bisher fruchtlos war.

Hektisch probierte er eine letzte Möglichkeit und tippte eine weitere Zahlenkombination in den PC, der ihn darauf mit dem verhassten „Aktion nicht durchführbar“ anblinkte.

Rodney rieb sich die Augen. Was, wenn Sheppard sich gar nicht mehr in dieser Anlage befand? Eine Technologie, die innerhalb von Minuten Klone erzeugte und die Originale an einen anderen Ort beamte, war womöglich nicht mal an diesen Planeten gebunden. Dann suchten sie nach einem Versteck, das tatsächlich nicht hier war.

Das brachte Rodney an den Rand der Panik. „Verflucht, ich komme hier nicht weiter! Was ... was tun wir jetzt? Carson, gibt es nichts mehr, was du ...?“ Carsons Blick war Antwort genug. Rodney ließ die Schultern sinken und sah zu Ronon, der mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht an der Wand lehnte.

Einen Moment lang machte die Ratlosigkeit die Männer so still, dass man ihren Atem hören konnte. Dann räusperte Lorne sich. „McKay“, wandte er sich an Rodney und deutete dabei auf den Klon. „Er hat gesagt, dass er sich in dem Strahl auflösen muss. Wo genau hat Colonel Sheppard gestanden als …?“

Noch bevor Lorne den Satz beendet hatte, packte Ronon den Bewusstlosen unter den Achseln und schleifte ihn ein paar Meter über den Boden, bis er genau dort lag, wo der Strahl Sheppard eingehüllt hatte. Rasch berührte Ronon das grünlich leuchtende Dreieck.

Nichts geschah.

„Vielleicht … “, Carson runzelte die Stirn, war mit zwei Schritten bei der Säule und winkte den bulligen Sergeant Waller zu sich. „Sergeant, helfen Sie mir, bitte.“

„Sicher“, murmelte Rodney, als ihm aufging, was Carson vorhatte. Er spürte, wie sein Herz in wilder Hoffnung zu hämmern begann. Auch Sheppard hatte diese Kloningmaschine nicht bewusst in Gang gesetzt, nicht absichtlich. Eine simple Berührung – das war alles gewesen.
Und der Klon hatte nie behauptet, dass er hier Befehle eingeben musste. Er hatte nur davon gesprochen, dass er selbst hier sein musste, um etwas zu aktivieren. Möglicherweise war das der Schlüssel um Sheppard zu befreien: Die DNS des Klons – Sheppards eigene DNS und die Erinnerungen. Und so lange das Hirn des Muatii nicht tot war ...

Waller und Carson richteten den Muatii so weit auf, dass sie seine Fingerspitzen auf das Dreieck legen konnten. Sofort begann sich ein warmes, grünes Leuchten von der Säule aus auszubreiten und hüllte die Hand des Klons ein. Carson und Waller ließen ihn wieder zu Boden gleiten und traten zurück. Das Licht wanderte weiter über Arme und Schultern des Klons und wenig später war der ganze Körper von waberndem Grün eingehüllt, schien zu schmelzen und löste sich schließlich auf.

Das Licht verschwand so plötzlich wie es gekommen war. In dem Raum war es, bis auf den zuckenden Taschenlampenschein, völlig dunkel.

Keine sich öffnende Türe. Keine Veränderung.

„Was tun wir jetzt?“, frage Carson hilflos.

„Warten“, sagte Ronon ungerührt und verschränkte die Arme. Er würde diese Anlage nicht ohne Sheppard verlassen, so viel war klar.

„Es … es hat auch gedauert, beim letzten Mal, ich meine als Sheppard …“ Rodney schluckte. Er spürte seinen Herzschlag als stetes, heftiges Pochen in seinen Schläfen und ihm war übel. Großer Gott, niemand konnte garantieren, dass hier noch irgendetwas so funktionierte, wie vorgesehen. Der Gedanke, dass Sheppard hier doch irgendwo war, nur wenige Meter von ihnen entfernt und sie dennoch nicht zu ihm konnten, sie keine Chance hatten, ihn je zu finden, war …

Hinter ihm, dort, wo eben noch eine glatte, fugenlose Wand gewesen war, öffnete sich mit leisem Zischen eine Tür.


***



Sie fanden Sheppard in einer Stasis-Kammer, nicht unähnlich der auf Atlantis, in der sie die alte Elizabeth entdeckt hatten. Nur dass diese eher wie ein gläserner Sarg wirkte und am Boden lag, anstatt in die Wand eingelassen zu sein.

In dem Augenblick, in dem sie den kleinen Raum betraten, öffnete sich die Abdeckung der Kapsel. Sheppard lag darin, nackt, mit geschlossenen Augen und blass, aber seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig.

„Oh, Gott sein Dank!“ Für einen Moment war die Erleichterung, die Rodney durchströmte, so überwältigend, dass seine Knie weich wurden und er sich sekundenlang an die Wand lehnte.

Carson schob sich an ihm und Ronon vorbei, bedeckte Sheppard von der Taille abwärts mit einer leichten Isolations-Decke, die Kemp zusammen mit dem Rest von Carsons Ausrüstung mitgebracht hatte, und begann ihn zu untersuchen.

„Er schläft“, verkündete er schließlich. „Sein Kreislauf ist stabil, keine Anzeichen von Dehydration. Er scheint soweit in Ordnung zu sein.“ Sanft zuerst, dann etwas fester, tätschelte er Sheppards Wangen. „Colonel? Können Sie mich hören? John?“

Keine Reaktion. Nicht einmal die Lider des Schlafenden zuckten.

„Warum … warum wacht er nicht auf? Ist das normal?“, erkundigte Rodney sich angespannt.

„Ich weiß es nicht.“ Carson versuchte, Sheppard in der Kapsel aufzusetzen. „Sobald wir auf Atlantis sind und ich ihn gründlich untersucht habe, kann ich mehr sagen.“ Sein Blick war besorgt.

Die Worte ‚Stasis’, ‚Sauerstoffmangel’ und ‚irreparabler Gehirnschaden’ hingen unausgesprochen in der Luft.

„Erstmal müssen wie Sie hier rausschaffen, Junge“, murmelte der Arzt an Sheppard gewandt und sah sich dann Hilfe suchend um. „Sergeant Waller …?“

„Ich mach das“, bestimmte Ronon und kniete sich neben Carson, der sofort zur Seite rutschte. Behutsam, aber mit sicherem Griff hob Ronon Sheppard aus der Kapsel und hielt ihn gegen sich gelehnt, während Carson die Decke fester um den Schlafenden wickelte.

So schnell es ging verließen sie den kleinen Raum. Waller und Ronon, der Sheppard trug, gingen voran, Lorne und Kemp bildeten die Nachhut. Die Tür schloss sich hinter Lorne wieder, so als hätte sie nie existiert.

Rodney leuchtete mit der Lampe, die Ronon ihm in die Hand gedrückt hatte, noch einmal in den Säulenraum. Auch die Tür zu der Kammer, in der Sheppard – der Muatii – vor drei Tagen erwacht war, war jetzt geschlossen, ohne irgendeinen Hinweis auf die Stelle, an der sie sich befunden hatte.

Er warf einen letzten Blick auf die Säule, dann drehte er sich um und verließ, gefolgt von Lorne und Kemp, den unterirdischen Komplex. Geblendet blinzelte er in das zu grelle Licht der Sonne.

Erstaunlich, wie leicht es ihm fiel, dieser Einrichtung mit all ihren ungelösten Rätseln den Rücken zu kehren. Normalerweise war er machtlos gegen den Sirenengesang außerirdischer Wissenschaft und Technik. Aber in diesem speziellen Fall war er wirklich nicht scharf darauf, jemals hierher zurückzukehren. Sollten andere das übernehmen.

Vielleicht würde ja wirklich irgendwann jemand mit dem nötigen Verständnis dieser Technologie hierher kommen und das Archiv so nutzen, wie von seinen Erbauern geplant.

Jemand, der dann hier unter anderem die Erinnerung eines irdischen Air Force Colonels, vermischt mit der eines tenarischen Musikers finden würde. Und die Erinnerung an einen Kuss, der wohl keinem der beiden wirklich etwas bedeutet hatte.

Keinem dieser beiden.

Rodneys Sicht verschwamm etwas und er rieb sich die brennenden Augen.

Sie hatten Sheppard wieder, das war alles, was jetzt zählte.

Sheppard, der hoffentlich bald wieder aufwachen würde.


***



Zwei Stunden später – inzwischen zurück auf Atlantis und im Krankenstations-Hemdchen - schlief Sheppard immer noch. Carson legte ihm eine Infusion, um seinen Körper mit ausreichend Flüssigkeit zu versorgen, nahm ihm Blut ab, untersuchte es auf ihm bekannte Beruhigungs- oder Schlafmittel und fand – nichts.

Auch das EEG war in keiner Weise auffällig.

Es gab keinen ersichtlichen medizinischen Grund, warum Sheppard nicht aufwachte.

Rodney blieb während der ganzen Prozedur zusammen mit Ronon und Teyla an Sheppards Bett, stand Carson mehr als einmal im Weg und brachte Ronon mit seinem nervösen Auf- und Abgehen sichtlich auf den Gedanken, dass es eine gute Idee wäre, seinen Stunner heute noch einmal zum Einsatz zu bringen.

Gerade als Rodney beschloss, Sheppard aus seinem Quartier etwas Anständiges zum Anziehen zu besorgen – teils, weil es ihm etwas Besseres zu tun gab, als auf Sheppards ausdrucksloses Gesicht zu starren, teils, weil inzwischen sogar Teyla so wirkte, als wolle sie ihn an einen Stuhl fesseln – bewegte sich Sheppards Hand.

Dann flatterten seine Lider.

Er öffnete die Augen einen Spaltbreit.

Er war wach.

Desorientiert zuerst, der Blick unfokussiert und verhangen. Doch dann blinzelte er, sah sich um und krächzte „Wo …? Oh, Krankenstation“ und Rodney konnte wieder atmen. Schwer setzte er sich auf den Stuhl, den Teyla schon vor Stunden – so schien es - für ihn organisiert hatte.

Sheppard hatte keine seiner dringend benötigten Gehirnzellen in der Stasis eingebüßt. Das war gut. Das war fantastisch. An den Gedanken klammerte Rodney sich, während Carson Sheppard Eischips zum Lutschen gab und ihm lächerliche Fragen stellte – vermutlich aus dem medizinischen Handbuch für den Umgang mit Komapatienten - und begann ihm den leichter verdaulichen Teil der ganzen verrückten Geschichte zu erzählen.

Rodneys Blick wanderte von Sheppards noch etwas blassem Gesicht zu seinem Handrücken, in dem die Kanüle steckte. Er musterte Sheppards Finger, lang und elegant. Aber nicht die Finger des Mannes, dessen Berührung er immer noch fühlen konnte, wenn er die Augen schloss. Der ihn etwas hatte schmecken lassen, ihm vorgegaukelt hatte, er könne etwas haben, was in Wirklichkeit unerreichbar war. Und der Rodney dann mit der Erinnerung an diese Berührung und alles, was sie einschloss, allein gelassen hatte.

Okay, okay, genau daran wollte er jetzt nicht denken.

Sie hatten Sheppard zurück. Lebendig, in einem Stück. Colonel Sheppard, mit dem er Antiker-Sims spielte, über schlechte Science-Fiction-Filme lästerte und dem er auf Missionen das Leben rettete und sich von ihm retten ließ. Vorwärts schauen – nicht zurück, das war die Devise. Rodney konnte das. Kein Problem.

Carson war mit seinen Ausführungen über Stasis unbekannter Herkunft und deren mögliche Folgen auf den menschlichen Organismus fertig und warf Teyla einen auffordernden Blick zu. Das Berichten des wirklich interessanten Teils mit Sheppard für Arme auf Atlantis wollte der Arzt wohl lieber seinem Team überlassen.

Doch bevor Teyla beginnen konnte, bemerkte Sheppard gespielt-nonchalant: „Was? Drei Tage in Stasis und keiner hat mich vermisst?“

Rodney presste die Lippen zusammen und wich Sheppards Blick aus.

„Hey, dann muss ich mich wohl bemühen in Zukunft einen bleibenderen Eindruck zu hinterlassen“, scherzte der Colonel und – das war’s.

Etwas in Rodney schnappte wie ein überdehntes Gummiband. Er sprang auf.

Plötzlich konnte er es keine Sekunde länger an Sheppards Bett aushalten ohne dass der Wunsch, ihm das verdammte Grinsen mit ätzendem, verletzendem Sarkasmus vom Gesicht zu wischen übermächtig wurde.

Rodney murmelte etwas von Anziehen und Kleider besorgen und floh aus der Krankenstation ohne einen Blick zurück zu werfen.

Der Mann hatte keine – keine - Ahnung, was sie durchgemacht hatten. Was Rodney durchgemacht hatte. Und es wäre unglaublich befriedigend, wenn auch auf ziemlich armselige Weise, wenigstens ein Quäntchen seiner eigenen Enttäuschung und Bitterkeit bei Sheppard abzuladen.

Er ballte die Hände zu Fäusten, öffnete sie wieder und bog in den Gang zu Sheppards Quartier ein.

Etwas zu heftig ließ er seine Handfläche auf den Öffnungsmechanismus der Tür zu Sheppards Raum fallen und trat ein. Die Fenster waren geschlossen und das Zimmer duftete noch ein wenig nach dem Aftershave, das John gestern Abend getragen hatte.

… Johns Lippen auf seinen, Johns Hände auf seinem Körper …

Falsch, nicht John. Rodney fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und blinzelte. Nicht John, nicht Sheppard, sondern der Klon. Und war nicht genau das das Problem?

Es war nicht Sheppard, der ihn getäuscht oder betrogen hatte. Genau genommen - niemand hatte ihn getäuscht. Jedenfalls nicht absichtlich. Und natürlich wäre es falsch und ungerecht und schäbig irgendetwas davon an Sheppard auszulassen. Er wusste das.

Rodney holte tief Luft und spürte, wie etwas in ihm ruhiger wurde, der heiße Ärger von eben sich in simmernde Traurigkeit verwandelte. Es war nicht Sheppards Schuld. Nichts von alldem.

Trotzdem – er war nicht scharf darauf in nächster Zeit mit dem Mann Small Talk zu machen. Das … konnte er einfach nicht. Die Kleidung würde er Carson oder einer der Krankenschwestern in die Hand drücken und sich in seinem Labor vergraben. Arbeit hatte er genug.

Entschlossen betrat Rodney das Quartier und wäre fast über etwas gestolpert, das mitten im Raum auf dem Boden lang und sich beim zweiten Hinsehen als ein zerbrochener Bilderrahmen entpuppte.

Rodney bückte sich, hob die einzelnen Teile auf und untersuchte sie. Der schmale, schwarze Rahmen war nicht mehr zu reparieren. Vermutlich war jemand – nicht jemand, der Klon – darauf getreten.

Stirnrunzelnd legte Rodney die Bruchstücke aufs Bett und bückte sich nach der kleinen Plexiglasscheibe und dem Foto. Es war das Bild, das normalerweise auf dem Nachttisch stand und das einen 7-jährigen Sheppard und Evel Knievel, den Helden seiner Kindheit, zeigte.

Und passte es nicht auf frappierende Weise zu „Colonel Undurchschaubar“, dass dieses Bild das einzige Foto überhaupt war, das Sheppard in seinem Raum hatte? Rodney ging jede Wette ein, dass niemandem auf Atlantis – ihn selbst eingeschlossen – wusste, warum ausgerechnet das Bild eines Kindheitsidols und nicht das seines Vaters oder Bruders. Von deren Existenz Rodney auch nur erfahren hatte, weil er gleich zu Beginn der Expedition Sheppards Akte gehackt hatte. Sheppard hütete selbst lapidare persönliche Informationen als wären es Staatsgeheimnisse.

Wie musste er sich wohl fühlen, wenn er erfuhr, dass jemand drei Tage lang mit seinem Gesicht und seinem Bewusstsein herumgelaufen war, in seiner Stadt, unter seinen Leuten? Eine Zeit, über die er keinerlei Kontrolle hatte. Sheppard würde der Gedanke verrückt machen, dass er nie bis ins letzte Detail erfahren würde, was der Klon alles angerichtet oder preisgegeben hatte.

Gedankenverloren strich Rodney mit dem Daumen über das Bild in seiner Hand, und dachte an das Foto auf seinem eigenen Nachttisch – das seiner Katze - und an die Gründe, warum es nicht Jeannies Bild war, das da stand. Gründe, über die er noch nie mit jemandem gesprochen hatte. Ein schiefes, wehmütiges Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er sagte zu dem jungen Sheppard auf dem Foto: „Wir sind erstaunlicherweise gar nicht so verschieden, du und ich. In einigen entscheidenden Punkten.“

Behutsam legte Rodney das Bild zu den Überresten des Rahmens aufs Bett. Er sollte jetzt wirklich zurück auf die Krankenstation. Rasch zog er ein paar Kleidungsstücke - Boxershorts, T-Shirt, Jeans - aus Sheppards Schrank und wandte sich zum Gehen.

Schon in der Tür hielt er kurz inne und drehte sich wieder um. Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem Foto. Mit ein paar Schritten war er wieder am Bett, hob das Bild auf, strich vorsichtig eine umgeknickte Ecke glatt und stecke es ein - sorgsam darauf bedacht, dass es nicht noch mehr zerknitterte.

Den zersplitterten Rahmen ließ er im Abfalleimer neben dem Kühlschrank verschwinden.

***



Seitdem er das erste Mal durch das Stargate gegangen war, hatte John schon so viel Ungewöhnliches erlebt, dass es für zwei Leben reichte. Auf der Krankenstation aufzuwachen und zu erfahren, dass er drei Tage lang in Stasis auf einem gottverlassenen Wüstenfelsbrocken verbracht hatte, fiel daher eher in die Kategorie „Alltägliches“.

Aber die Tatsache, dass sein Doppelgänger, sein Klon, in dieser Zeit seinen Platz eingenommen hatte, rutschte sofort auf Platz eins seiner „Scheiß-Tage in der Pegasus-Galaxie“–Liste und ließ seinen Magen zu einem kalten, angespannten Knoten werden.

Seine letzten Erinnerungen waren ein warmes, grünes Licht, die Stimmen seines Teams und das absolut irrationale Gefühl von Geborgenheit, bevor alles um ihn dunkel wurde. Als er die Augen wieder öffnete, hätte er schwören können, dass er sie nur für wenige Minuten geschlossen hatte. Nicht für mehrere Tage. Tage, in denen ein anderer John Sheppard sein Leben gelebt, Zeit mit seinem Team verbracht und sogar Missionen geleitet hatte. Allein schon beim Gedanken daran wurde ihm regelrecht schlecht. Verdammt, er brauchte sofort Berichte, Fakten, musste wissen, was alles passiert war, was der Andere getan hatte.

Laut Carson, Teyla und Ronon war alles in bester Ordnung.

„Wirklich John“, sagte Teyla mit einem beruhigenden Lächeln. „Der Klon hat niemanden verletzt oder anderweitig Schaden angerichtet.“

John entging der rasche Blickwechsel zwischen ihr und Ronon nicht.

Ronon grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Er war fast wie du. Bis auf die Reflexe. Deine sind besser.“

„Reflexe?“ John runzelte die Stirn und setzte sich auf. „Hat er … hat er einen von euch angegriffen?“

„Nein, John“, beeilte Teyla sich zu versichern und wechselte erneut einen Blick mit Ronon. „Ronon sprach sicherlich von seinen Reflexen beim Banto-Training.“

„Ja“, bestätigte Ronon nach einem Moment.

Mit fragend gerunzelter Stirn sah John zuerst Ronon dann Teyla an.

„So“, schaltete Carson sich in diesem Moment ein. „Die Besuchszeit ist zu Ende. Sie beide sollten sich jetzt auch noch etwas hinlegen. Die Nacht war lang genug.“

Teyla nickte und schenkte John ein offenes, herzliches Lächeln. „Wir sehen uns morgen früh, John.“

Ronon versetzte seinem Knöchel einen freundschaftlichen Klaps und folgte Teyla.

John blickte ihnen leicht irritiert nach und wandte sich dann an Carson.

„Wann kann ich hier raus, Doc?“

„Morgen früh. Ich möchte Sie gerne noch für den Rest der Nacht hier behalten.“ Carson gähnte und kontrollierte die Geschwindigkeit des Tropfes. Dann klopfte er John beruhigend auf die Schulter.

„Keine Sorge. Es ist wirklich alles in Ordnung. Ich bin mir sogar sicher, dass niemand weiter bemerkt hat, dass nicht Sie es waren, die letzten Tage. Außer den an Ihrer Rettung Beteiligten, natürlich.“

„Sicher“, versetzte John mit einem Hauch Sarkasmus und folgte Carson mit Blicken, als sich der Arzt an einen der Labortische setzte und Daten in den Laptop eingab.

Seine Rettung. Eine Aktion, die er in Gedanken sofort „Operation Dornröschen“ taufte. Und wo blieb eigentlich McKay, der als Einziger diesen Scherz wirklich zu schätzen gewusst hätte?

Die Tür öffnete sich, doch statt Rodney betrat Elizabeth die Krankenstation, ein paar Kleidungsstücke über dem Arm.

„John.“ Sie lächelte sichtlich erleichtert. „Es ist gut, Sie wieder zurückzuhaben.“

„Es ist gut, zurück zu sein“, erwiderte John automatisch und verzog etwas das Gesicht. „Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass ich überhaupt weg war.“

Elizabeth senkte kurz den Kopf, dann sah sie ihn wieder an und nickte verständnisvoll: „Ja, das kann ich mir vorstellen. Es muss eigenartig sein, aufzuwachen und zu erfahren, dass ein anderer für mehrere Tage Ihren Platz eingenommen hat.“

„Eigenartig? So kann man das auch nennen“, konterte John und grinste schief. „Aber ich bin zurück und Atlantis steht noch. Also - alles okay.“ Das Letzte, was er jetzt wollte, war ein Gespräch darüber, wie „eigenartig“ diese Situation für ihn tatsächlich war. Bevor Elizabeth etwas erwidern konnte, deutete er mit dem Kopf auf das Bündel in ihrem Arm. „Für mich?“

„Ja.“ Sie legte die Kleidung auf den leeren Stuhl neben seinem Bett. John erkannte Jeans und - sein schwarzes Panda-Shirt, das er normalerweise nur im Bett oder zum Joggen trug.

Amüsiert hob Elizabeth die Augenbrauen, als sie seinen Blick bemerkte.

„Das Shirt war Rodneys Wahl. Ich bin nur die Überbringerin.“

„Oh, okay. Danke.“ Verwirrt runzelte er die Stirn. Warum hatte McKay die Sachen nicht selbst gebracht?

„Ich habe Rodney gerade im Gang getroffen und … er sagt, er hätte noch eine Menge zu tun“, erklärte Elizabeth vage und zuckte bedauernd die Schultern.

John zwang sich zu einem gleichgültigen Tonfall. „Ja, sicher.“

Zur Hölle war alles in Ordnung.


***



Das irritierende, verunsichernde Gefühl von Nacktheit begleitete ihn am nächsten Tag auf dem ganzen Weg von der Krankenstation bis zu seinem Quartier. Wusste Sergeant Mielke etwas über ihn, das er nicht wissen sollte? Vielleicht etwas, das John selbst nicht wusste?

Grüßte Dr. Williams schon immer so knapp? John erwiderte den Gruß, ging weiter und unterdrückte das Bedürfnis jedem Marine, jedem Wissenschaftler und Techniker, sogar der Stadt selbst zu erklären, dass nicht er es gewesen war, die letzten drei Tage, dass nicht er verantwortlich war für … für all die Kleinigkeiten, die sein Doppelgänger getan oder nicht getan hatte.

Erleichtert atmete er auf, als sich endlich die Tür seines Quartiers hinter ihm schloss.


***


Eine Dusche, eine Tasse Kaffee und drei Berichte später, fühlte sich John schon deutlich besser, wieder mehr im Gleichgewicht. Offenbar hatte sich sein Doppelgänger vor dem gestrigen Abend tatsächlich nicht auffallend verhalten. Selbst Ronon und Lorne bestätigten, dass ihnen erst zu diesem Zeitpunkt aufgefallen war, dass mit „Colonel Sheppard“ etwas nicht stimmte. Für den Stunner-Schuss würde er Ronon bei Gelegenheit ein Bier ausgeben.

Er holte sich gerade noch einen Kaffee, als ihn seine Mailbox mit einem „Ping“ informierte, dass er gerade noch eine E-Mail erhalten hatte. Rodneys offizieller Bericht über die Ereignisse der letzten Tage.

„Ihr seid heute aber alle schnell“, murmelte John, trank einen Schluck Kaffee, öffnete die Nachricht und begann zu lesen. Nach nur wenigen Absätzen stellte er die Tasse wieder auf den Tisch. Der Kaffee schmeckte ihm plötzlich nicht mehr.

Rodneys Bericht unterschied sich inhaltlich kaum von denen der Anderen. Aber er war ein Musterbeispiel effizienter Berichterstattung - knapp, auf den Punkt formuliert, völlig ohne persönliche Spitzen, Übertreibungen und weitschweifige Ausschmückungen. Die Art Bericht, die er noch nie von McKay erhalten hatte.

Der Mann spickte sonst sogar E-Mails, die er nur zur Kenntnisnahme an John weiterleitete, mit persönlichen Kommentaren. Selbst unter Zeitdruck.

Langsam stand John auf, goss den Inhalt der Tasse ins Waschbecken und spülte sie sorgfältig aus. Der Geruch des Kaffees schlug ihm mit einem Mal auf den Magen. Er setzte sich wieder an den Laptop.

Nachdem „Colonel Sheppard“ und ich unsere Arbeitsbesprechung ohne ein nennenswertes Ergebnis beendet hatten, suchte Ronon Dex mich in meinem Labor auf, um mich darüber zu informieren, dass Colonel Sheppard ein für ihn atypisches Verhalten an den Tag gelegt hatte und vermutlich unter Fremdeinfluss stand. Nach einer kurzen Besprechung zwischen Dex und mir und dem Abgleich unserer Beobachtungen, die den eben erwähnten Verdacht erhärteten, kam es gegen 21.00 Uhr zu einer Begegnung mit „Colonel Sheppard“ in Sektion C3 …

John starrte auf die Buchstaben ohne sie wirklich zu sehen, rieb sich die Stirn und murmelte ratlos: „Verdammt, McKay.“

Teil 8

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